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„Ich war noch nie so beschämt“: Russischer Top-Diplomat tritt mit schonungsloser Begründung zurück

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Von: Max Müller

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Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) und sein Außenminister Sergej Lawrow (Archivbild)
Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) und sein Außenminister Sergej Lawrow (Archivbild) © Mikhail Metzel/TASS/Imago

Ein hochrangiger russischer Botschafter ist zurückgetreten. In einem Brief rechnet Boris Bondarew mit der Politik seines Landes ab – und verurteilt den Krieg in der Ukraine.

Genf – Der russische Botschafter am UN-Sitz in Genf ist von seinem Posten zurückgetreten. Der Grund: Er schäme sich. Seine Motive legt Boris Bondarew in einem offenen Brief dar. Bondarew verurteilt den Einmarsch in die Ukraine. Er nennt es „das vielleicht schwerste Verbrechen gegen das russische Volk, das alle Hoffnungen und Aussichten auf eine blühende, freie Gesellschaft in unserem Land durchkreuzt“.

Russland im Ukraine-Krieg: „So viele Leben wie nötig opfern“

Verbreitet wurde der Text unter anderem via Twitter von Hillel Neuer, einem Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivisten. Als erstes berichtete das Internetportal „UN Watch“. Bondarew war seit 2002 im russischen Außenministerium tätig, zunächst in Moskau, später in Genf.

Bondarews Abrechnung ist schonungslos. „Diejenigen, die diesen Krieg verursacht haben, wollen nur eines – für immer an der Macht bleiben, in pompösen, geschmacklosen Palästen leben, auf Yachten segeln, die in Tonnage und Kosten mit der gesamten russischen Marine vergleichbar sind, unbegrenzte Macht und völlige Straflosigkeit genießen“, so Bondarew. „Um das zu erreichen, sind sie bereit, so viele Leben wie nötig zu opfern. Allein dafür sind bereits Tausende Russen und Ukrainer gestorben.“

Sergej Lawrow: „Gutes Beispiel für ein kaputtes System“

Explizit wendet er sich an den russischen Außenminister Sergej Lawrow, der im Zentrum seiner Kritik steht. Er sei ein gutes Beispiel für ein kaputtes System, dabei habe Lawrow einmal als hochgeschätzter Intellektueller gegolten. Bondarew macht Lawrow für die jüngsten Entscheidungen Russlands verantwortlich und verurteilt ihn dafür, dass er „die Welt (und in der Konsequenz auch Russland) mit Atomwaffen bedroht“. Den Präsidenten Wladimir Putin lässt Bondarew in seiner Analyse dabei außen vor.

Das russische Außenministerium, dem Lawrow vorsteht, sei nicht mehr in diplomatischer Mission unterwegs. Bondarew selbst hat das Ministerium zwei Jahrzehnte geprägt. „Es geht nur um Kriegstreiberei, Lügen und Hass“, schreibt er. „Sie dient den Interessen einiger weniger, der allerwenigsten Menschen und trägt so zur weiteren Isolation und Degradierung meines Landes bei. Russland hat keine Verbündeten mehr, und niemand ist daran schuld, außer seiner rücksichtslosen und schlecht durchdachten Politik.“

Ukraine-Krieg: Boris Bondarew geißelt russische Politik - Lügen und Unprofessionalität

Dass Moskau in der Vergangenheit selbst ausländische Diplomaten zu unerwünschten Personen erklärte, überraschte niemanden. Umso erstaunlicher ist der Schritt Bondarews, der sich im Zuge des Ukrraine-Konflikts gegen die eigene Politik positioniert. Scheinbar wurde der innere Leidensdruck zu groß. Er könne „einfach nicht länger an dieser blutigen, witzlosen und absolut unnötigen Schmach teilhaben“. Er bereue es, zugeben zu müssen, dass das Maß an Lügen und Unprofessionalität in den vergangenen 20 Jahren immer schlimmer wurde: „In den letzten Jahren wurde das schlicht katastrophal.“ Die Kreml-Propaganda sei auf dem Niveau der „Sowjet-Zeitungen der 30 Jahre“.

Das Verhalten von Bondarew sollten sich weitere russische Diplomaten zum Vorbild nehmen, forderte Wolfgang Ischinger, ehemaliger Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, in einem Twitter-Post. Er hofft darauf, dass Bondarew nun zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen wird. (Max Müller)

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