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Wegen Putins Kriegssymbolik: Selenskyj befürchtet „widerwärtige“ Provokationen zum Unabhängigkeitstag

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Von: Felix Durach

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Genau sechs Monate nach dem Beginn der Invasion feiert die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag. Moskau könnte diesen Anlass für erneute Provokationen nutzen.

Kiew – Russlands Präsident Wladimir Putin ist vor allem auch ein Mann der großen Symbolik. Auch die russische Invasion in die Ukraine steht oft im Zeichen von symbolträchtigen Aktionen zu besonderen Tagen. Experten und ukrainische Beamten rechnen deswegen auch in dieser Woche mit einer weiteren Eskalation der russischen Angriffe. Denn am Mittwoch (24. August) feiert die Ukraine zum 31. Mal ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Für das Putin-Regime ein guter Anlass zur Provokation.

Ukraine-Krieg: Putins Kriegssymbolik – Russland startete Invasion direkt nach Feiertag

Schon zu Beginn des Krieges gegen die Ukraine wählte der Autokrat im Kreml einen besonderen Zeitpunkt aus, um nach jahrelangem Säbelrasseln schlussendlich in die Ukraine einzufallen. Am 23. Februar feiert die russische Bevölkerung alljährlich den „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“, der an die Anfänge der Roten Armee erinnern soll. Nur einen Tag später, am 24. Februar, startete vor knapp sechs Monaten die russische Armee ihren Angriffskrieg.

Und auch im weiteren Verlauf des Krieges spielte die Symbolik von Feiertagen eine große Rolle. Allen voran hoben Experten und Beobachter immer wieder die Bedeutung des 9. Juni im Ukraine-Krieg hervor. Am „Tag des Sieges“ feiert Russland traditionell den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland mit prunkvollen Militärparaden in Moskau und demonstriert die Stärke der russischen Armee. Da das erklärte Ziel von Putin im Krieg auch die Entnazifizierung der Ukraine ist, bekam der Feiertag im aktuellen Konflikt noch eine ganz andere Tragweite.

Ukraine-Krieg: Putins Symbolik - Verstärkte Offensive zum Tag des Sieges im Juni

Moskau verstärkte die Bemühungen im Krieg vor dem Tag des Sieges merklich, damit Putin der russischen Bevölkerung zum Feiertage Erfolge präsentieren konnte. Zwischenzeitlich wurde auch befürchtet, dass der Kreml-Chef zum 9. Juni eine Generalmobilmachung der Truppen verkünden oder der Ukraine auch offiziell den Krieg erklären würde – Russland bezeichnet den Krieg aktuell weiterhin nur als Spezialoperation.

Der große Sieg in der Ukraine bliebt zum Tag des Sieges jedoch vorerst aus. Den russischen Truppen gelang es bis zum Stichtag nicht, die Kontrolle über die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk zu erlangen. Ein erklärtes Ziel des Kremls. Auch die Militärparade in Moskau fiel vergleichsweise klein aus. Auf einen Überflug von Militärflugzeugen über den Kreml wurde verzichtet – angeblich wegen des schlechten Wetters.

Russlands Präsident Wladimir Putin auf einer Parade zu Ehren der russischen Marine.
Russlands Präsident Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auf die richtige Symbolik. Deswegen werden nun weitere Eskalationen zum Unabhängigkeitstag befürchtet. © MIKHAIL KLIMENTYEV/AFP

Über zwei Monate später hat sich an der Lage im Ukraine-Krieg nur wenig verändert. Den russischen Truppen ist es zwar mittlerweile gelungen, die komplette Region Luhansk unter ihre Kontrolle zu bringen. Gerade die Kämpfe um die Städte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk sorgten dabei jedoch für zahlreiche Verluste in den Reihen der russischen Armee. Nach diesem Teilerfolg konnte Moskau jedoch kaum weitere Gebietsgewinne verzeichnen. Im Süden des Landes wird die Ukraine nach Einschätzung diverser Beobachter sogar bald eine Gegenoffensive starten. Erstes Ziel: die strategisch wichtige Großstadt Cherson.

Unabhängigkeitstag in der Ukraine – Sorge vor weitere Eskalation durch Russland

In dieser Phase des Krieges fällt nun ein weiterer Feiertag, den das Putin-Regime erneut für symbolisches Aktionen nutzen könnte. Am 24. August feiert die Ukraine den Jahrestag der Unabhängigkeit von der Sowjetunion nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1991. In den vergangene Jahren veranstaltete die ukrainische Regierung dazu oft Militärparaden oder Konzerte in Kiew und weiteren Großstädten.

Genau diese Unabhängigkeit wird jedoch von der russischen Seite angezweifelt. Putin betonte in der Vergangenheit immer wieder, dass die Ukraine historisch gesehen ein Teil von Russland sei. Die ukrainische Regierung, allen voran Präsident Wolodymyr Selenskyj, rechnet deswegen mit einer weiteren russischen Eskalation am Feiertag.

Die Feierlichkeiten zum ukrainischen Nationalfeiertag im Jahr 2021 in Kiew.
Eine Militärparade zur Feier der ukrainischen Unabhängigkeit: Die Feierlichkeiten zum ukrainischen Nationalfeiertag im Jahr 2021 in Kiew. © Volodymyr Tarasov/imago-images

Selenskyj besorgt über Nationalfeiertag – Moskau könnte „Widerwärtiges und Gewalttätiges“ unternehmen

Bereits am Wochenende äußerte der ukrainische Präsident in seiner täglichen Videoansprache Sorgen über den Nationalfeiertag am Mittwoch. „Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass Russland in der kommenden Woche etwas besonders Widerwärtiges und Gewalttätiges unternehmen könnte“, so der 44-Jährige. Der 24. August markiert gleichzeitig auch sechs Monate seit dem Beginn der russischen Invasion. Mit Blick auf das zurückliegende Halbjahr fügte Selenskyj hinzu, dass „Russland in den vergangenen sechs Monaten regelmäßig jede Woche etwas Widerwärtiges und Gewalttätiges“ getan habe.

Eine mögliche Eskalation vonseiten Russlands könnte der Beginn von Prozessen in der besetzten Stadt Mariupol am Schwarzen Meer sein. Dort halten die Besatzer ukrainische Soldaten gefangenen, welche die Stadt im Stahlwerk Asowstahl über Wochen hinweg gegen die russischen Angreifer verteidigt hatte. Bereits in der vergangenen Wochen gab es Berichte, dass Russland die öffentlich wirksame Abhaltung von Tribunalen in der Stadt plane. Als möglicher Beginn wurde auch hier der 24. August genannt.

Schauprozesse in Mariupol? Selenskyj droht mit Abbruch jeglicher Verhandlungen

Mit Blick auf die möglichen Prozesse hat Selenskyj bereits Konsequenzen in Richtung Moskau angekündigt. Wenn Russland ein solches Tribunal gegen ukrainische Gefangene organisiere, dann sei das eine „Linie“, nach der keine Verhandlungen mehr möglich seien. Das erklärte der ukrainische Präsident am Montag. Die große Sorge: Vor einem international nicht anerkannten Gericht könnten demnach die ukrainischen Kriegsgefangenen auch zur Todesstrafe verurteilt werden. Damit könnte Russland ausgerechnet am Unabhängigkeitstag ein grausames Exempel statuieren. Den ukrainischen Soldaten werden von den Besatzungsbehörden Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Selenskyj kritisierte das Verfahren gegen die Verteidiger und Helden der Ukraine als „ekelhaft und absurd“ und als Verstoß gegen alle internationalen Rechtsnormen. „Russland schneidet sich selbst von den Verhandlungen ab“, sagte er.

Unabhängigkeitstag in der Ukraine: Versammlungsverbot in Kiew – Charkiw verhängt Ausgangssperren

Bereits am Samstag rief der ukrainische Präsident die Bevölkerung wegen der drohenden Eskalation zum Zusammenhalt auf. „Eines der Hauptziele des Feindes ist es, uns zu demütigen“ und „Mutlosigkeit, Angst und Konflikte zu säen“, sagte Selenskyj. Aber „wir müssen stark genug sein, jeder Provokation zu widerstehen“ und „die Besatzer für ihren Terror bezahlen zu lassen“, fügte der Präsident hinzu.

Überall in der Ukraine bereiten sich die Beamten auf eine mögliche Eskalation am Mittwoch vor. In der Hauptstadt Kiew sind von Montag bis Donnerstag Versammlungen jeglicher Art untersagt. In der Stadt Charkiw, die in den vergangenen Wochen immer wieder zum Ziel russischer Angriffe geworden ist, wurden sogar Ausgangssperre verhängt. Der Präsidentenberater  Mikhailo Podolyak rechnete laut der Nachrichtenagentur Interfax damit, dass Russland am Nationalfeiertag auch wieder Kiew verstärkt ins Visier nehmen könnte. (fd mit dpa)

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