1. Startseite
  2. Politik

„Der Westen sollte den Sieg der Ukraine anerkennen“: Ex-US-Berater fordert sogar schon Marshall-Plan

Erstellt:

Von: Anna-Katharina Ahnefeld

Kommentare

Ein US-Experte ist vom Sieg der Ukraine gegen Russland überzeugt. Er denkt schon weiter - und fordert einen Marshall-Plan wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Washington, D.C. – Die Ukraine habe den Krieg mit dem Angreifer Russland bereits gewonnen. Dieser unorthodox wirkenden Meinung ist ein ehemaliger Berater des US-Außenministeriums. In einem Artikel im Politik-Magazin The Atlantic geht Eliot A. Cohen seiner selbst gestellten Frage nach, warum der Westen bislang nicht anerkenne, dass die Ukraine den Krieg für sich entschieden habe.

Fakt ist wohl, dass die russische Invasion für Wladimir Putin offenbar nicht so verläuft wie geplant. Der Krieg dauert bereits über einen Monat an und die ukrainischen Truppen leisten erbittert Widerstand. Westliche Experten für das russische Militär hätten sich mit ihrer Einschätzung des Kriegsverlaufs mehrfach komplett geirrt, gibt sich Cohen überzeugt.

Diese hätten zuerst einen raschen russischen Sieg prophezeit, dann argumentiert, Russland lerne aus seinen Fehlern und formiere sich neu. Nun neigten sie zur Einschätzung, dass der Krieg noch nicht vorbei sei und die russischen Truppen zahlenmäßig überlegen. „Ihr analytisches Versagen wird nur eines der Elemente dieses Krieges sein, die es wert sind, in Zukunft untersucht zu werden“, schreibt der Professor an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies.

„Der Westen sollte den Sieg der Ukraine anerkennen“: Ex-US-Berater fordert sogar schon Marshall-Plan

Soldat
Ein ukrainischer Soldat blickt im Dorf Lukjaniwka, in der Region Kiew, aus einem Panzer. © Uncredited/AP/dpa

Zweifel am militärischen Erfolg Russlands schüren auch Fälle von offenbar mangelnder Motivation russischer Soldaten – sogar innerhalb der Nationalgarde. Umkämpfte und strategisch wichtige Städte wie die ukrainische Hauptstadt Kiew und die Hafenstadt Mariupol konnten bislang nicht eingenommen werden – auch wenn sich dort humanitäre Katastrophen abspielen.

Dass westliche Staaten die Überlegenheit der Ukraine nicht klar sähen, liege unter anderem daran, dass es nur wenige militärische Analysten für das Land gebe und der Westen die Fortschritte des Militärs der Ukraine seit 2014 nicht deutlich genug wahrgenommen hätte. „Das ukrainische Militär hat sich nicht nur als motiviert und gut geführt, sondern auch als taktisch geschickt erwiesen, indem es leichte Infanterie mit Panzerabwehrwaffen, Drohnen und Artilleriefeuer integriert hat, um wiederholt viel größere russische Militärformationen zu besiegen“, meint Cohen in seinem Beitrag für The Atlantic.

Seiner Einschätzung nach sei die menschliche Dimension der russischen Truppen entscheidend. Die These des Experten: Selbst zahlenmäßige Überlegenheit und modernste Technik könne den Widerwillen in den eigenen Reihen im Verlauf des eskalierten Ukraine-Konflikts nicht kompensieren.

Ukraine-Krieg: US-Experte spricht sich für Marshall-Plan aus – wie nach dem Zweiten Weltkrieg

„Das Scheitern fast aller Luftangriffe Russlands, seine Unfähigkeit, die ukrainische Luftwaffe und das Luftverteidigungssystem zu zerstören, und die wochenlange Lähmung der 40-Meilen-Versorgungskolonne nördlich von Kiew sind bezeichnend“, findet der Ex-US-Berater. Auch seien die Verluste auf russischer Seite erschütternd.

Die Beobachtungen zeugten von „einer Armee, die nicht bereit ist, zu kämpfen.“ Dabei verweist er auch auf die im Krieg getöteten russischen Generäle. „Ein halbes Dutzend Generäle wurden entweder durch schlechte Signalsicherheit oder beim verzweifelten Versuch, Dinge an der Front zu lösen, getötet“, schreibt Eliot A. Cohen.

Gesicherte Zahlen zu russischen Verlusten seien zwar nicht verfügbar - allerdings geht Cohen davon aus, dass mindestens 30.000 russische Soldaten durch Tod, Gefangenschaft oder Verschwinden aus dem Gefecht genommen sein. Das entspreche mindestens 15 Prozent der Invasions-Armee.

Ukraine-Krieg: Experte hält russische „Massenkapitulationen“ für möglich

Eine teils verzerrende Rolle spiele die Kriegs-Berichterstattung. Bilder zerstörter Krankenhäuser und Wohnblöcke und Nachrichten über tote Kinder würden die Brutalität des Krieges transportieren, nicht aber die militärische Realität. „Wenn die Russen eine Stadt dem Erdboden gleichmachen und ihre Zivilisten abschlachten, haben sie wahrscheinlich nicht die Verteidiger getötet, die aus den Trümmern außergewöhnliche und effektive Dinge tun werden, um sich an den Eindringlingen zu rächen“, so Cohen.

Er ergänzt: „Wenn die Ukrainer weiterhin gewinnen, könnten wir sichtbarere Zusammenbrüche russischer Einheiten und vielleicht Massenkapitulationen und Desertationen sehen.“ Cohen fordert nun besonders weitsichtige Unterstützung des Westens. Dazu gehört unter anderem ein neuer Marshall-Plan zum Wiederaufbau der ukrainischen Wirtschaft - wie einst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Putin werde sich melden, wenn er einer Exit-Strategie bedarf, meint Cohen. „Bis dahin besteht der Weg, den Krieg mit einem Minimum an menschlichem Leid zu beenden, darin, weiterzumachen“, so der Experte. (aka)

Auch interessant

Kommentare