1. Startseite
  2. Politik

So waren die ersten Tage des Ukraine-Kriegs - Ex-Soldat schildert prekären Zustand des russischen Militärs

Erstellt:

Kommentare

ukraine krieg buch erfahrungsbericht soldat fallschirmjäger russland
Ein russischer Soldat sitzt im April vor einem Gebäude in der Region Cherson. Ein 33-jähriger ehemaliger russischer Fallschirmjäger wendet sich nun in seinem Buch gegen den Krieg (Symbolbild). © IMAGO/Konstantin Mihalchevskiy/ SNA

Ein ehemaliger russischer Soldat berichtet in seinem Buch von den ersten Tagen des Ukraine-Kriegs und seinen Erlebnissen an der Front. Gegen Putin erhebt er Vorwürfe.

Moskau - Wie es hinter den Kulissen von Putins Krieg aussieht, liegt weitestgehend im Dunkeln. Zwar gibt es Berichte von Geheimdiensten westlicher Länder, von Militärexperten oder aus anonymen Militär-Quellen. Doch wie das russische Volk oder die Streitkräfte wirklich über den Krieg denken, lässt sich nur vermuten. Nun spricht der ehemalige Fallschirmjäger Pawel Filatiew in seinem Buch „ZOV“ über die ersten Tage des Ukraine-Krieges und die Fehlplanungen in der russischen Armee. Die russische Exil-Zeitung Meduza berichtete in Auszügen über das Buch.

Ex-Soldat erzählt von den Tagen vor Beginn der Invasion

Der 33-jährige ehemalige Fallschirmjähriger Pawel Filatiew war Mitte Februar offenbar mit seiner Kompanie auf einem Trainingsgelände in Strayi Krim auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim stationiert. Dieser Tage habe er gemerkt, dass sich „definitiv etwas zusammenbraute“, so der Ex-Soldat. In den kommenden Tagen erhielt er eigenen Angaben zufolge sein Maschinengewehr, dieses sei jedoch verrostet gewesen und habe einen kaputten Riemen gehabt. Bei Übungen habe sich eine Patrone verklemmt. Trotz kalter Temperaturen von teils unter Null Grad standen nicht genügend warme Uniformen für die Soldaten zur Verfügung, beschreibt der Russe die Lage in seinem Buch.

Am 23. Februar habe dann der Divisionskommandeur angekündigt, dass der Tageslohn ab dem darauffolgenden Tag 69 US-Dollar betragen würde. „Es war ein klares Zeichen dafür, dass etwas Ernstes passieren würde“, berichtet der Fallschirmjäger.

Russische Invasion am 24. Februar: Pawel Filatiew war dabei und schildert ersten Kriegstag

Am 24. Februar - dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine - wachte Filatiew eigenen Angaben zufolge um 2:00 Uhr morgens auf der Ladefläche eines Kamaz-Lastwagens auf. „Die Kolonne stand irgendwo in der Wildnis, und alle hatten ihre Motoren und Scheinwerfer ausgeschaltet. Rechts und links von unserer Kolonne operierte Raketenartillerie. Ich konnte nicht verstehen: Schießen wir auf vorrückende Ukrainer? Oder vielleicht auf NATO-Streitkräften? Oder greifen wir an? Gegen wen richtet sich dieser höllische Beschuss?“ fragt der Ex-Soldat in seinem Buch. Dann habe sich die Kolonne langsam in Bewegung gesetzt. Er habe Schüsse und Explosionen gehört. Irgendwann wurde klar, dass Russland die Ukraine angegriffen hatte. „Wir hatten bereits Verwundete und Tote“, so der Fallschirmjäger über den ersten Kriegstag.

Das gesamte Training und die Kriegsvorbereitung habe „nur auf dem Papier“ stattgefunden, die Technik der russischen Streitkräfte sei hoffnungslos veraltet gewesen, gleiches gelte offenbar für die Kriegsstrategie: „Wir haben immer noch die gleiche Taktik wie unsere Großväter!“, so der ehemalige Soldat. Als es an diesem Tag anfing dunkel zu werden, wurde es sehr kalt. „Niemand hatte Schlafsäcke, der Frost fuhr einem bis in die Knochen.“ Es habe nicht einmal den Feind gebraucht, die eigenen Kommandeure hätten die russischen Truppen in diese prekäre Lage gebracht. „Obdachlose leben besser“, kommentiert Pawel Filatiew lakonisch.

Zweiter Kriegstag: Die Truppen kommen im Hafen von Cherson an - und plündern

Am nächsten Tag seien die russischen Truppen dann im Hafen von Cherson angekommen. „Alle begannen, die Gebäude nach Nahrung, Wasser, Duschen und einem Schlafplatz zu durchsuchen. Einige fingen an, Computer und alles Wertvolle, was sie finden konnten, zu stehlen. Ich war keine Ausnahme: Ich fand einen Hut in einem kaputten Lastwagen und nahm ihn mit“, beschreibt Filatiew die Geschehnisse.

Ein ukrainischer Soldat geht in einem Dorf nahe Cherson hinter Sandsäcken in Deckung.
Ein ukrainischer Soldat geht in einem Dorf nahe Cherson hinter Sandsäcken in Deckung. © Ivan Boberskyy/dpa

Ex-Soldat beurteilt Stimmung in der Armee in den ersten Kriegstagen: „Wir hatten keinen Hass“

Der Beschreibung des ehemaligen Soldaten zufolge hätten die russischen Streitkräfte in diesen Tagen nicht hinter Wladimir Putins Entscheidung gestanden, diesen Krieg zu führen. „Als das alles anfing, kannte ich wenige Leute, die an die Nazis [in der Ukraine] glaubten und gegen die Ukraine kämpfen wollten. Wir hatten keinen Hass und betrachteten die Ukrainer nicht als Feinde“, so der 33-Jährige und ergänzt: „Wir hatten kein moralisches Recht, ein anderes Land anzugreifen.“ Der Großteil der Armee ist aus seiner Sicht unzufrieden, was in der Ukraine passiert - „mit der Regierung, den Kommandanten, mit Putin und seiner Politik sowie mit dem Verteidigungsminister, der nicht in der Armee dient“. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Filatiews Bericht stimmt allerdings mit anderen - ebenfalls nicht verifizierbaren - Schilderungen von der Front überein.

„Wir sind alle zu Geiseln vieler Mächte geworden, und ich glaube, wir haben uns mitreißen lassen. Wir haben einen schrecklichen Krieg begonnen. Ein Krieg, in dem Städte zerstört werden und der zum Tod von Kindern, Frauen und alten Menschen führt“, so der 33-Jährige weiter. Inwiefern die Meinung des Ex-Soldaten die Überzeugungen der russischen Armee widerspiegelt lässt sich schwer beurteilen. Denn auch wenn Umfragen in der russischen Bevölkerung hohe Zustimmungswerte ergeben, ist fraglich, wie frei die Menschen antworten können und wie informiert sie über den Krieg sind. Schon vor Beginn der Invasion lag Russland im Jahr 2021 in puncto Pressefreiheit nur auf Platz 150 von 180 weltweit. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte im März 2022 verboten, das Wort „Krieg“ zu verwenden, die Invasion in der Ukraine bezeichnet er als „Spezialoperation“. Wer nun in Russland „Fake News“ über den Krieg verbreitet, muss mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen.

Auch interessant

Kommentare