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Ukraine-Krieg: Schröder-Besuch bei Putin beendet - aber mehrere Fragen und Rätsel bleiben

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Von: Marcus Giebel

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Gerhard Schröder gilt als guter Freund von Wladimir Putin und einer der letzten westlichen Versteher des Kreml-Chefs. Sein Moskau-Besuch im Schatten des Ukraine-Kriegs wirft Fragen auf.

München - Der von Russlands Staatschef Wladimir Putin losgetretene Ukraine-Krieg bietet kaum Platz für positive Überraschungen. Die durch das US-Nachrichtenportal Politico bekannt gewordene Moskau-Reise von Gerhard Schröder aber kann durchaus als solche angesehen werden.

Wegen seiner Kreml-Nähe und -Treue hat der Altkanzler und Gas-Lobbyist in der deutschen Öffentlichkeit alle Sympathien verspielt. Die SPD hat mit ihm gebrochen, nach und nach verliert er seine in all den Jahren erworbenen Ehrungen und Auszeichnungen. Viel fehlt wohl nicht mehr, um zur Persona non grata erklärt zu werden.

Schröder-Besuch bei Putin wegen Ukraine-Krieg: Altkanzler soll über Istanbul nach Moskau gereist sein

Vielleicht hat ihn genau dieses Bild dazu bewogen, seinem alten Freund im Kreml einen Besuch abzustatten. Um seinem Heimatland, dem Schröder immerhin sieben Jahre als Regierungschef vorstand, und dem ganzen Westen, aber vor allem der Ukraine einen Dienst zu erweisen.

Vom 9. bis 12. März soll sich der 77-Jährige in Russland aufgehalten haben, berichtet die Bild. Insgesamt sei er sechs Tage unterwegs gewesen, über Istanbul ein- und ausgereist. Welchen Effekt der Besuch in Putins Machtzentrale hatte, lässt sich noch nicht wirklich ablesen.

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Bislang macht es nicht den Eindruck, als würde der Kreml-Chef von seinem Kriegsplan abweichen. Vielmehr scheint es, als intensiviere er die Bemühungen noch. Mit einem Raketenangriff auf eine Militärbasis nahe Lwiw im Westen der Ukraine versetzte Putin jüngst die USA und damit die Nato in Alarmbereitschaft.

Umso mehr Fragen bleiben nach Schröders Trip offen. Etwa die, ob die Nähe des SPD-Politikers zum Kriegsherrn nicht eher hinderlich sein könnte. Zwar sagte der Russland-Experte Hans-Henning Schröder bei t-online: „Das Interessante an Gerhard Schröder ist, dass er Putin in seiner Wagenburg tatsächlich erreichen könnte. Und ihm dann zeigt, was außerhalb davon passiert.“

Putin würde seinen alten Freund im Gegensatz zu Bundeskanzler Olaf Scholz oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als jemanden wahrnehmen, „mit dem man von Mann zu Mann reden kann. Damit wäre er zumindest mal einen deutlichen Schritt weiter als Scholz und Macron.“

Ukraine-Krieg: Wladimir Putin (l.) und Gerhard Schröder schütteln sich die Hände
Shakehands zweier alter Männer: Wladimir Putin (l.) begrüßte Gerhard Schröder immer gerne in seinem Palast. © Alexei Druzhinin/dpa

Schröder im Kreml bei Putin: SPD will nicht aktiv auf Altkanzler zugehen

Andererseits könnte zu viel Nähe eben auch hinderlich sein. Unter Freunden ist es eben doch schwieriger, richtig auf den Tisch zu hauen. Zudem hatte Altkanzler Schröder bei seiner Reise zumindest offiziell kein Mandat, sprach also nicht offiziell für Deutschland oder die EU. Auch damit büßt die Mission an Überzeugungskraft ein.

Wirklich überzeugt war die SPD-Spitze von der Reise offenbar ohnehin nicht. „Wir werden jetzt keine Versuche unternehmen, über die Beweggründe dieser Reise etwas herauszufinden“, betonte Generalsekretär Kevin Kühnert und fügte hinzu, Schröder stehe es frei, die Partei zu kontaktieren, sollte er der Meinung sein, „dort irgendwelche Erkenntnisse gewonnen zu haben, die wichtig sind für kommende politische Entscheidungen der Bundesregierung“.

Nach aktuellem Stand geht die Kanzler-Partei also nicht davon aus, dass die Reise „von großem Belang ist für die politischen Entscheidungen, die jetzt von verantwortlicher Seite zu treffen sind“, wie es der Ex-Juso-Chef ausdrückte. Es wirkt also weiter so, als wollte die SPD nicht mit Schröders Reise in Verbindung gebracht werden. Offiziell wurde die Regierung von dieser Initiative überrascht.

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Merkwürdig mutet in diesem Zusammenhang an, dass nach Bild-Informationen in Moskau ein Leibwächter als Begleitung dabei gewesen sein soll, der diesen Aufenthalt seinem Arbeitgeber - dem Innenministerium oder zumindest dem Bundeskriminalamt - hätte melden müssen.

Die Boulevardzeitung zitiert den CDU-Innenexperten Christoph de Vries, der bezweifle, „dass die Bundesregierung nicht informiert ist, wenn der frühere Bundeskanzler in der schlimmsten militärischen Auseinandersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg begleitet von Beamten des BKA nach Moskau reist“. Nicht der einzige rätselhafte Punkt in der Angelegenheit.

Gerhard Schröder sitzt vor einer Wand, at die Hände gefaltet und schaut unglücklich
Glücklich sieht anders aus: Dieses Bild von Gerhard Schröder entstand Monate vor der russischen Invasion in der Ukraine. © IMAGO / SNA

Schröder trifft Putin im Kreml: Widersprüche bei Frage nach Initiator der Reise

Ungereimtheiten gibt es auch bezüglich des Initiators des Schröder-Besuchs. Laut Politico soll die Ukraine ihn über den Chef des Schweizer Medienkonzerns Ringier, für den der Altkanzler als Berater arbeitete, in die Türkei gebeten haben. Dort habe ihn die Delegation von Präsident Wolodymyr Selenskij mit dem Plan konfrontiert, er könne seine Beziehungen zu Putin nutzen, um zumindest eine Waffenruhe auszuhandeln.

Dagegen hatte der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk der Bild gesagt: „Diese Idee kam von Herrn Schröder.“ Er habe Putin „nicht auf Bitten der Ukraine“ aufgesucht. Zugleich erklärte der seit 2014 in der Bundesrepublik arbeitende 46-Jährige, er erhoffe sich, „direkt von Herrn Schröder“ über die Gespräche zu erfahren.

„Ich weiß, dass Herr Schröder bereit ist, darüber auch zu berichten, über Kanäle, die jetzt quasi nicht öffentlich laufen. Und das ist gut, dass man zumindest da auch eine gewisse Hoffnung hat“, verdeutlicht Melnyk, dass die Öffentlichkeit womöglich noch etwas länger ausharren muss, ehe klar wird, was Schröder bei Putin erreicht hat.

Schröder reist wegen Ukraine-Krieg zu Putin: Kreml gibt keine Auskunft über Gespräche

Lange Zeit war der Altkanzler gerade über Instagram sehr mitteilungsfreudig. Doch das ist spätestens seit Kriegsbeginn vorbei. Eine Einlassung zum russischen Einmarsch auf Linkedin brachte ihm harsche Kritik ein.

Bedeckt hielt sich nun auch der Kreml. „Ich habe keine Informationen zu Schröder. Ich kann Ihnen nichts sagen“, bügelte ein Sprecher jegliche Fragen zum prominenten Besucher ab. Die SZ berichtet derweil unter Bezugnahme auf eine Schröder nahestehende Person, dieser würde seine Vermittlungsbemühungen fortsetzen.

Es sind also diverse Fragen zur überraschenden und offenbar sehr spontanen Reise des Altkanzlers zu Putin offen. Auch die wichtigste. Die nach ihrem Effekt. Vorerst bleibt also nur, die Zeichen zu deuten. Die stehen nach wie vor auf Krieg. (mg)

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