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Russland-Expertin erklärt Putins Plan im Ukraine-Krieg: Selenskyj zur totalen Kapitulation zwingen

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Von: Klaus Rimpel

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Russlands Präsident Wladimir Putin.
Eine Russland-Expertin erklärt den Plan von Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg. © IMAGO/Mikhail Klimentyev

Die Lage im Ukraine-Krieg wird immer undurchsichtiger. Eine Russland-Expertin erklärt, wie Wladimir Putin Wolodymyr Selenskyj zur Kapitulation zwingen will.

München/Kiew – Zu Beginn des Ukraine-Krieges gab es noch vage Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung. So erklärte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Anfang März bereit, über den Status der Separatistengebiete im Osten des Landes und der von Russland annektierten Halbinsel Krim zu sprechen. Schon damals machte Selenskyj zugleich deutlich, er werde die Unabhängigkeit der selbst ernannten „Volksrepubliken“ sowie die russische Herrschaft über die Krim nicht anerkennen.

Nach 167 Tagen des Krieges, nach den Massakern von Butscha und der Bombardierung von Einkaufszentren und Krankenhäusern klingt der ukrainische Präsident inzwischen deutlich kompromissloser: „Die Krim ist ukrainisch, und wir werden sie niemals aufgeben“, sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache, nachdem es erstmals seit Kriegsausbruch zu Explosionen auf der Schwarzmeer-Halbinsel gekommen war. „Dieser russische Krieg gegen die Ukraine, gegen das ganze freie Europa, hat mit der Krim begonnen und muss mit der Krim enden, mit ihrer Befreiung.“

Ukraine-Krieg: Putin hat nun offenbar einen „klaren Plan“ – volle Kontrolle über Donezk und Luhansk

Kiew setzt also darauf, den Krieg dank westlicher Waffenlieferungen gewinnen zu können und die russischen Besatzer zu vertreiben. Aber auch Wladimir Putin ist weiter davon überzeugt, diesen Krieg gewinnen zu können – trotz der anfänglichen militärischen Rückschläge, etwa dem Rückzug aus der Region Kiew. „Im Gegensatz zu den ersten chaotischen Monaten hat Putin jetzt auch einen klaren Plan“, erklärt Russland-Expertin Tatiana Stanovaya vom Carnegie Moscow Center in einer Analyse für die New York Times.

Die Politologin geht davon aus, dass Putin sein Ziel aufgegeben hat, die gesamte Ukraine zu erobern, dafür aber die volle Kontrolle über Donezk und Luhansk sowie einen Landkorridor zur Krim sichern will. „Trotz aller gegenteiligen Behauptungen herrscht im Westen die Ansicht vor, die Ukraine könne die von den russischen Truppen besetzten Gebiete sowieso nicht zurückgewinnen. Und der Kreml scheint zu glauben, dass seine Gegner diese Idee früher oder später völlig aufgeben werden.“

Russland-Expertin analysiert im Ukraine-Krieg: Putin plant totale Kapitulation von Selenskyj

Aber das viel entscheidendere Kriegsziel für Putin sei, Selenskyj zur totalen Kapitulation zu zwingen: Die Regierung müsste zurücktreten und durch eine moskau-freundliche ersetzt werden. Kiew müsste die Zusammenarbeit mit dem Westen beenden, der russischsprachigen Bevölkerung eine dominante Stellung garantieren und ukrainische Nationalhelden kriminalisieren. „Der Kreml erwartet, dass die Ukraine in ein oder zwei Jahren vom Krieg erschöpft ist, nicht mehr normal funktioniert und massiv demoralisiert ist. Dann wären die Voraussetzungen für eine Kapitulation erfüllt“, so Stanovaya.

Putin geht davon aus, dass sich dann eine Opposition bildet, die Selenskyj stürzt. Aber auch im Verhältnis zur Nato setzt Putin auf den Faktor Zeit: Hohe Inflation und steigende Energiepreise würden dazu führen, dass sich die Bürger im Westen gegen die traditionellen politischen Eliten auflehnen würden. Der Kreml-Herrscher glaubt, dass die Wähler pro-russische Populisten wie Marine Le Pen in Frankreich oder Donald Trump in den USA an die Macht bringen werden.

„Putin scheint darauf zu spekulieren, dass grundlegende politische Veränderungen in den westlichen Ländern einen veränderten, russland-freundlichen Westen hervorbringen werden“, so Stanovaya. Dann könnte Russland seine ultimativen Forderungen, die er im Dezember an die USA und die Nato gestellt hatte, durchsetzen: Abzug aller Atomwaffen und Raketen aus Europa, die Russland erreichen könnten, Abzug aller ausländischen Truppen aus Ostmitteleuropa, keine neuen Nato-Mitglieder. „Dies mag als fast unmögliches Wunschdenken erscheinen“, so die Putin-Kennerin. „Aber das heißt nicht, dass Putin nicht so denkt.“ KLAUS RIMPEL

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