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Selenskyj verspricht die Hölle, Putin zitiert aus der Bibel - rhetorische Eskalation im Ukraine-Krieg?

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Von: Florian Naumann

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Im Ukraine-Krieg spielen religiöse Anspielungen eine wachsende Rolle - nach Wladimir Putin mischt nun auch Wolodymyr Selenskyj mit. Ihre Motive sind völlig unterschiedliche.

Kiew/Moskau - Seit bald vier Wochen tobt der Ukraine-Krieg - und an den Fronten bewegt sich nur noch wenig, wie auch Karten-Visualisierungen zeigen. Die schlimmste Konsequenz: Russland schien sich zuletzt nach ukrainischen Angaben auf massive, blutige Angriffe auf zivile Ziele zu verlegen. Eine Expertin rechnete im ARD-Talk „Anne Will“ am Sonntagabend sogar noch mit einer weiteren Eskalation.

Doch auch die Rhetorik der beiden Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin verändert sich in teils unerwarteter Weise: Beide griffen zuletzt auf das Vokabel-, Zitat- und Motivationsreservoir der religiösen Sphäre zurück. Selenskyj versprach Russlands Soldaten am Montag letztlich die Hölle - nicht im übertragenen, sondern im biblischen Sinne. Eine durchaus überraschender Tonartwechsel.

Ukraine-Krieg: Putin zitiert aus der Bibel - verstörender Auftritt in Moskau

Aufhorchen lassen hatte zuvor aber bereits Putin. Er absolvierte am Freitag einen in seiner Bildsprache für einige Experten beunruhigenden Auftritt vor jubelndem - wenngleich möglicherweise zwangsverpflichtetem - Publikum im Moskauer Luzhniki-Stadion. Allgegenwärtig war der Buchstabe „Z“ als Symbol für den Angriffskrieg. Aber Putin zitierte auch aus der Bibel.

Wladimir Putin spricht in einer Arena.
Der russische Präsident Putin sei von den EU-Sanktionen geschockt. (Archivbild) © Vladimir Astapkovich/ Imago

„Und hier kommen mir die Worte aus der Heiligen Schrift in den Sinn: ‚Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt‘“, sagte der russische Präsident. Ein Verweis auf einen Vers aus dem Johannes-Evangelium - der im Original kaum als kriegerische Anstachelung gemeint ist.

Ukraine-Krieg: Selenskyj verspricht russischen Soldaten „ewige“ Strafe - was dahintersteckt

Überraschender kam der neue Tonfall Selenskyjs: „Die russischen Militärs können den Weg nach Hause nicht finden, und deshalb helfen ihnen unsere Militärs auf dem Weg zum Gericht Gottes“, sagte der ukrainische Präsident am frühen Montagmorgen in einer seiner Videoansprachen. Vor dem „Gericht Gottes“ würden alle russischen Soldaten „nur die eine Strafe erhalten - den ewigen Keller, ewig im Bombenhagel, ewig ohne Nahrung, Wasser und Heizung“. Dies sei die Strafe „für alles, was sie unseren Leuten angetan haben“, fügte Selenskyj hinzu.

Der ukrainische Präsident fiel bislang kaum mit christlich-religiös geprägten Äußerungen auf. Selenskyj selbst hat ohnehin jüdische Wurzeln - das Judentum kennt kein Konzept der Hölle im christlichen Sinne, insbesondere keine „ewige“ Bestrafung. Dafür setzte Selenskyj immer wieder Appelle an die russischen Soldaten ab. Hintergrund dürften Hoffnungen auf schwindende Moral der Einheiten sein. In diese Kategorie dürfte nun wohl auch diese Drohung fallen, wenngleich sie nicht unmittelbar an die Armee Putins gerichtet war.

Auch bei Video-Auftritten in westlichen Staaten bemüht sich der Präsident immer wieder, mit seinem Tonfall die historischen und gesellschaftlichen Linien der Gesellschaften zu treffen. Zu erleben war das unter anderem bei seiner Bundestags-Rede.

Ukraine-Krieg: Putin und die Kirche - der Westen als gemeinsames Feindbild

Im Falle Putins ist die Sachlage eine ganz andere: Russlands Präsident stützt seine Macht auch auf die ihm bedingungslos untergeordnete Moskauer russisch-orthodoxe Kirche. Das hatte sich etwa auch schon 2012 im Konflikt um die kremlkritische Punk-Band Pussy Riot gezeigt: Die russische Justiz und auch die orthodoxe Kirche forderten nach einem „Punk-Gebet“ der Band in einer Moskau Kirche harte Strafen. Letztlich wurden die Putin-Kritikerinnen wegen einer durch „religiösen Hass motivierten Tat“ zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Sich selbst stellte Putin dabei kaum als Ziel der Kritik in den Fokus, wenngleich die Repressionen vor allem eine Reaktion auf genau diese Kritik gewesen sein dürften.

Der Moskauer Patriarch Kyrill schlug erst vor wenigen Tagen ein Vermittlungswunsch im Ukraine-Konflikt in den Wind - und befeuerte stattdessen Vorwürfe gegen und Hass auf den Westen: In einem Brief beschuldigte er „Kräfte, die Russland offen als ihren Feind betrachten“, für den Konflikt verantwortlich zu sein. Er warf der Nato vor, ihre militärische Präsenz an Russlands Grenzen ausgebaut und Russlands Sorgen vor einem Angriff ignoriert zu haben.

Die Unterstützung der Kirche ist für Putin - trotz wiederholter Berufung auf die Traditionen der atheistischen Sowjetunion - ein wichtiger Machtfaktor. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung bekannten sich in einer Umfrage drei Viertel der Russen zum russisch-orthodoxen Glauben. Als verbindendes Element mit der Kirche und ihrem Patriarchen nutzt Putin immer wieder ein gemeinsames Feindbild: Den Westen. (fn mit Material von dpa)

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