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Wechselt Ukraine in „strategische Offensive“? US-Denkfabrik sieht Anzeichen – Experte bleibt skeptisch

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Löcher in den Glastüren des Donbass Palace Hotels nach Angriffen. Fünf Menschen kamen ums Leben
Löcher in den Glastüren des Donbass Palace Hotels. Fünf Menschen kamen dort nach einem Angriff ums Leben (Archivbild, 4. August 2022). © IMAGO/Denis Grigoryuk/ ITAR-TASS

Die Ukraine könnte erstmals seit Beginn des Krieges die strategische Initiative innehaben, meinen US-Analysten der Denkfabrik Institute of the Study of War. Ein Schweizer Experte bleibt skeptisch.

Washington DC - Die Kriegsforscher der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) sehen in einer aktuellen Analyse die Ukraine erstmals in der „strategischen Offensive“. Zum ersten Mal seit Beginn des Ukraine-Kriegs seien die russischen Truppen gezwungen zu reagieren. Ein Strategieexperte bleibt indes skeptisch.

US-Denkfabrik Study of War sieht Ukraine erstmals in „strategischer Initiative“

Die Kämpfe zwischen Russland und der Ukraine intensivierten sich in den vergangenen Wochen, doch offenbar konnte keine der beiden Seiten nennenswerte Erfolge erzielen. Der US-Denkfabrik ISW zufolge ergreift die Ukraine nun erstmals die „strategische Inititative“ und zwingt Russland, Kräfte umzuverteilen und neue Prioritäten zu setzen. Die Ukraine kündigte kürzlich eine Gegenoffensive in der südlichen Region Cherson an, die der Kreml offenbar ernstzunehmen schien.

Ein Indiz dafür sei, dass Russland sowohl Bodentruppen als auch Ausrüstung in das Gebiet rund um Cherson und Saporischschja verlegte, so die US-Analysten. Dies ginge auf Kosten der russischen Bemühungen einer Einnahme von Slowjansk und Siversk, diese „hätten sie anscheinend aufgegeben“. Zudem sehen die Kriegsforscher ein Verlegen von militärischer Ausrüstung - insbesondere Artillerie und Flugzeuge - aus anderen Teilen der Ukraine auf die Halbinsel Krim. Diese liegt südlich von Cherson.

Zwar hätten sich die russischen Streitkräfte auch in der Vergangenheit bereits aus Gebieten zurückgezogen. Etwa zu Beginn des Krieges aus Kiew oder später aus der Stadt Charkiw, um der Einnahme des Gebiets Luhansk Vorrang einzuräumen, so der Bericht weiter. Doch dies hätten sie damals auf eigene Initiative hin getan oder weil sich die Prioritäten der Vorgesetzten geändert hatten - nicht als Reaktion auf ukrainische Aktivitäten. Aktuell scheinen die russischen Truppen indes auf die Gegenoffensive zu reagieren, statt bewusst Ziele auszuwählen, so die Experten weiter.

Über Study of War-Bericht: Strategieexperte bleibt skeptisch

Die Analyse des ISW sei „glaubwürdig und aktuell“ bestätigte der Strategieexperte der Militärakademie an der ETH Zürich, Marcel Berni, gegenüber der Schweizer Tageszeitung Blick. Gleichzeitig blieb der Experte angesichts der Analyse skeptisch. „Es stimmt, dass die Russen zunehmend Material und Soldaten in den Süden verlegen, weshalb der Vormarsch im Osten seit längerem nur noch mikroskopisch ist“, so Berni. Doch die angekündigte ukrainische Gegenoffensive sei aus seiner Sicht bislang ausgeblieben. Die Drohung von ukrainischer Seite habe ausgereicht, um Russlands Strategie zu ändern.

Aus Sicht des Experten würden erst die kommenden Wochen zeigen, ob die Ukrainer „zum ersten Mal den Verlauf des Krieges aktiv“ gestalten könnten. „Das würde ja heißen, dass die Ukraine von der Defensive in die strategische Offensive wechseln könnte“, sagte Berni. Falls die Ukraine das erreichen würden, sähe sie sich allerdings mit den gleichen Problemen konfrontiert, mit denen Russland in den vergangenen Monaten kämpfte - dabei ginge es aus Sicht des Strategieexperten etwa um punktuelle Gegenangriffe, Versorgungsprobleme und lange Frontbögen. Die US-Denkfabrik würde den ukrainischen Streitkräften viel zutrauen, doch die langfristige Perspektive käme aus Bernis Sicht zu kurz: „Für mich wird dieser Krieg je länger, desto mehr nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch auf den Fliessbändern der Waffenfabriken entschieden“, gab Marcel Berni zu Bedenken. Er vermutete außerdem, dass die Denkfabrik mit Sitz in den USA „Interesse habe, die Ukraine zu unterstützen.“

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