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Ukraine-Krieg: Russland nimmt ehemaliges AKW Tschernobyl ein - was dahinter stecken könnte

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Von: Felix Durach

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Russische Truppen haben im Ukraine-Krieg das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl eingenommen. Was bezweckt Präsident Putin mit diesem Manöver?

Kiew - Der Krieg in der Ukraine tobt. Seit der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dringen russische Truppen vermehrt in ukrainisches Hoheitsgebiet ein, wo es zu Kampfhandlungen kommt. Der Ukraine-Konflikt ist eskaliert. Die Kämpfe beschränken sich dabei jedoch nicht nur auf die sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine. Russische Truppen führen auch vom Schwarzen Meer im Süden, sowie von Stützpunkten im nördlich gelegenen Belarus aus Angriffe auf die Ukraine. Präsident Wladimir Putin erklärte vor den Angriffen, das Ziel Russlands sei es, die Ukraine zu demilitarisieren und zu entnazifizieren.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen auf dem Vormarsch - Tschernobyl nach „erbitterten“ Kämpfen eingenommen

Auch wenn die russischen Streitkräfte die ukrainische Hauptstadt Kiew am Donnerstag nicht erreichen konnten, wurden landesweit Fortschritte in der Truppenbewegung verzeichnet. Für Aufsehen sorgte dabei vor allem eine Meldung am frühen Donnerstagabend. Russische Truppen haben nach „erbitterten“ Kämpfen, das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl eingenommen, bestätigte der ukrainische Ministerpräsident Mychailo Podoljak. Die Sperrzone um den zerstörten Atomreaktor befinde sich nun unter russischer Kontrolle und könnte somit nun nicht mehr als sicher angesehen werden. Es handele sich um „eine der ernstesten Bedrohungen für Europa“, so Podoljak weiter.

Ukraine-Konflikt: Russland kontrolliert ehemaliges AKW Tschernobyl - was sind Putins Ziele?

Doch welches Signal möchte Wladimir Putin mit der Eroberung des Gebietes senden, das für die größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung von Atomkraft steht? Auch wenn Putins Beweggründe zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt sind, gibt es doch mehrere Erklärungsversuche für die Handlungen des russischen Militärs.

Die Sperrzone um Tschernobyl könnten für die russischen Streitkräfte lediglich als Zwischenziel im Ukraine-Krieg dienen. Das erklärte Ziel von Putins Angriffen ist die Hauptstadt Kiew. Das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl liegt nahe der Grenze zu Belarus, von wo aus die russischen Truppen ihren Angriff gestartet hatten und das gerade einmal zwei Autostunden nördlich von Kiew. Die Sperrzone könnten im russischen Marschplan also schlicht zwischen Start- und Zielort gelegen haben. „Es ist der kürzeste Weg von A nach B“, sagt auch James Acton von der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden der Tagesschau.

Ukraine-Krieg: Putin lässt Tschernobyl einnehmen - russische Angst vor Atomwaffen?

Interessant ist die Eroberung von Tschernobyl im Ukraine-Konflikt auch mit Bezug auf die von Putin geäußerten Vorwürfe, die Ukraine plane den Bau von Atomwaffen. „Wir wissen, dass es bereits Berichte gab, die Ukraine wolle ihre eigenen Atomwaffen herstellen“, erklärte der Kreml-Chef in einer Fernsehansprache am Montag. Das sei „keine leere Prahlerei.“ Die Ukraine verfüge nach wie vor über sowjetische Trägersysteme für Nuklearwaffen, führte Putin weiter aus. Die Eroberung des zerstörten Atomreaktors könnte somit auch in Verbindung mit den Aussagen des russischen Präsidenten stehen.

Ukraine-Konflikt
Welche Ziele verfolgt Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Einnahme des ehemaligen AKWs Tschernobyl? © Aleksey Nikolskyi/imago-images

Ukraine-Konflikt: Entsetzte Reaktionen auf Kämpfe um Tschernobyl - „Kriegserklärung gegen ganz Europa“

Beobachter gehen darüber hinaus davon aus, dass Putin mit der Eroberung der geschichtsträchtigen Sperrzone im Ukraine-Krieg eine Drohung an den Westen senden möchte. Hinweise darauf zeigten sich am Donnerstag bereits in den Reaktionen auf die Eroberung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Abend mit Blick auf Tschernobyl von einer „Kriegserklärung gegen ganz Europa.“ Auch aus Nato-Ländern kommt scharfe Kritik am Vorgehen Russlands. Die US-amerikanische Regierungssprecherin Jen Psaki sprach von einer „Geiselnahme“ durch Russland und äußerte große Sicherheitsbedenken. „Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme, die routinemäßige Arbeiten zum Erhalt und zur Sicherheit der Atommüll-Einrichtungen aussetzen könnte, ist unglaublich alarmierend und sehr besorgniserregend“, so Psaki am Donnerstagabend in Washington D.C..

Sicherheitsbedenken äußerte auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Blick auf die aktuelle Situation in Tschernobyl. Die Sicherheit im Unfallreaktor müsse unbedingt gewährleistet bleiben, forderte IAEA-Chef Rafael Grossi am Donnerstagabend in Wien. Man verfolge die Situation „schwer besorgt“ und rufe zu „maximaler Zurückhaltung auf.“ Die Kontrolle über Tschernobyl könnte somit auch dazu genutzt werden, um weiter Druck auf den Westen auszuüben.

Ukraine-Krieg: Russisches Verteidigungsministerium widerspricht Meldungen von erhöhter Strahlung

Das russische Militär hat derweil angekündigt, weitere Fallschirmjäger nach Tschernobyl zu schicken, um das Kraftwerk zu bewachen. Das russische Verteidigungsministerium gab darüber hinaus an, dass die Strahlungswerte rund um den zerstörten Atomreaktor normal seine. Eine Aussage, die sich aufgrund der aktuellen Lage im Ukraine-Krieg schwer überprüfen lässt. Ein Überwachungssystem der ukrainischen Regierung hatte nach den Kämpfen am Donnerstag einen starken Anstieg von radioaktiver Strahlung verzeichnet. Die Gründe hierfür sind zum aktuellen Zeitpunkt jedoch ebenfalls unklar. So könnte auch durch die Kampfhandlungen aufgewirbelter Staub den Anstieg bewirkt haben. (fd/dpa/afp)

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