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Putins Teilmobilisierung schon gescheitert? Reservisten vermutlich „ineffektive Soldaten“

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Von: Bettina Menzel

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Im Zuge der Teilmobilisierung zum Militärdienst eingezogene Männer stehen vor einem Militärkommissariat in der russischen Millionenstadt Wolgograd (Bild vom 24. September). © IMAGO/Kirill Braga / SNA

US-Kriegsforscher glauben, dass die Teilmobilisierung erst im kommenden Jahr Auswirkungen auf dem Schlachtfeld haben könnte. Zudem halten sich Rekrutierungsbehörden offenbar nicht an die Kreml-Kriterien.

Washington - Am Mittwoch ordnete der russische Präsident Wladimir Putin eine Teilmobilisierung an, damit will der Kreml nun 300.000 Reservisten in den Ukraine-Krieg schicken - etwa doppelt so viele, wie bislang dort kämpfen. Die US-Kriegsforscher des Institute for the Study of War rechnen dieser Maßnahme zumindest unmittelbar keine großen Erfolgschancen ein.

Ukraine-Krieg: Teilmobilisierung hat „Mühe, Putin-Aufgabe zu erfüllen“

Aufgrund der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive gerieten russische Truppen unter Druck - und der Kreml ordnete eine Teilmobilmachung an. Diese verpflichtet bestimmte Russen nun zur Teilnahme am Krieg. Doch die US-Kriegsforscher der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) sehen die Erfolgschancen der Maßnahme kritisch. Die Teilmobilisierung habe „Mühe, die Aufgabe des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu erfüllen“, hieß es in dem jüngsten ISW-Bericht vom Freitag.

Demnach werde Russland wahrscheinlich nicht in der Lage sein, „Reservekräfte selbst von der geringen Qualität“ zu finden, „die Putins Pläne vorgesehen hätten“, glauben die Kriegsforscher. „Es sei denn, der Kreml kann grundlegende und systemische Probleme schnell lösen“, so deren Einschätzung.

Russland rekrutiert in Teilmobilisierung Männer, die Kreml-Kriterien nicht entsprechen

Die ISW-Experten beziehen sich dabei auf die Ankündigung des russischen Verteidigungsministeriums, in erster Linie Männer mit Kampferfahrung und einer militärischen Spezialausbildung in den Krieg schicken zu wollen. Aus verschiedenen Berichten ginge laut den US-Kriegsexperten des ISW hervor, dass russische Militärrekrutierungszentren, Rekrutierungsbeamte und lokale Verwaltungen Männer mobilisieren, die den Kreml-Kriterien nicht entsprechen.

Die für die Mobilisierung zuständigen Kräfte seien teils unterbezahlt und unmotiviert und ebenso wenig auf den Krieg vorbereitet wie das Militär selbst. Entsprechend gäbe es Schilderungen von Social-Media-Nutzern, dass auch ältere Männer, Studenten und Zivilisten ohne vorherige militärische Erfahrung illegale Mobilmachungsbescheide erhalten hätten. Die US-Kriegsforscher werten diese Berichte als teils glaubhaft, da auch das FAQ-Portal der russischen Regierung selbst offenbar darauf hinwies, dass unter Umständen etwa Teilzeitstudenten mobilisiert werden dürften.

Auch kremlfreundliche russische Militärblogger hätten laut ISW-Bericht dazu aufgefordert, die Probleme mit der Teilmobilisierung schnell in den Griff zu bekommen. Die pro-russichen Blogger befürchten demnach „politische Unruhen“, da das Vertrauen der Russen in die militärpolitische Führung erschüttert werden könnte. Nach Bekanntwerden der Teilmobilisierung war es tatsächlich teils zu Demonstrationen in Russland gekommen - obwohl Menschen dafür bis zu 15 Jahre Haft drohen kann. Einige Russinnen und Russen flüchteten offenbar auch. Flüge in die noch erreichbaren Länder waren schnell ausgebucht.

Ukraine-Krieg: Will Putin 1,2 Millionen statt 300.000 Männer rekrutieren?

Russische Oppositionelle und bestimmte Telegramkanäle teilten Informationen, die darauf hindeuten, dass die Teilmobilisierung bis zum 10. November abgeschlossen sein solle und der Kreml versuche, 1,2 Millionen Männer statt der angekündigten 300.000 zu mobilisieren. Diese Angaben konnten die US-Kriegsforscher des Institute for the Study of War jedoch nicht überprüfen oder verifizieren.

Laut Prognosen der Militärexperten könnte Russland mit der Teilmobilisierung zwar zahlenmäßig durchaus die Männer aufstellen, die es brauche, doch dies werde wahrscheinlich „keine effektiven Soldaten“ hervorbringen, da viele der Kräfte „nachweislich mit einer miserablen Moral in den Krieg eintreten“ würden. In den kommenden Monaten werde die Mobilisierung den Kriegsverlauf nicht wesentlich beeinflussen.

Für das kommende Jahr schätzen die US-Kriegsforscher die Wirkung jedoch anders ein. Dann könne die Rekrutierung „einen erheblichen Einfluss auf die Fähigkeit Russlands haben, die Operationen im nächsten Jahr auf ihrem derzeitigen Niveau fortzusetzen“, so ein früherer ISW-Bericht. Dann steht aber die Frage im Raum, ob genug Ausrüstung für russische Soldaten zur Verfügung steht.

Experten warnen seit Langem, dass es für den Westen besonders dann gefährlich wird, wenn es für Putin schlecht läuft. „Ein geschwächter Putin ist natürlich auch gefährlich“, sagte EVP-Chef Manfred Weber (CSU) im Merkur-Interview. Die Angst vor dem Einsatz von Atomwaffen steht im Raum. Die Kriegsforscher der ISW-Denkfabrik geben zu bedenken, dass der russische Präsident in seiner Rede am Mittwoch nicht ausdrücklich damit gedroht habe. „Putins Rede sollte nicht als ausdrückliche Drohung gelesen werden, dass Russland Atomwaffen gegen die Ukraine einsetzen würde, wenn die Ukraine nach der Annexion ihre Gegenoffensiven gegen besetzte Gebiete fortsetzt.“ Auch am Samstag trieb Russland die „Referenden“ zur Annexion von vier besetzten ukrainischen Gebieten weiter voran.

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