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Putin mischt sich stärker in Kriegsstrategie ein - und verbietet Generälen den Rückzug aus Cherson

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Von: Bettina Menzel

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Vertraut er nur noch sich selbst? Wladimir Putin (M.) mit seinem Veteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) und dem Generalstabschef Valery Gerasimov.
Vertraut er nur noch sich selbst? Wladimir Putin (M.) mit seinem Veteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) und dem Generalstabschef Valery Gerasimov. © Sergei Savostyanov/Kremlin Pool/Imago

Wladimir Putin will die Stadt Cherson im Süden der Ukraine offenbar um jeden Preis halten - und verbietet seinen Generälen nun den Rückzug. Das sorgt für Spannungen und untergräbt die Moral der Truppe.

Cherson - Russland steht militärisch enorm unter Druck. Präsident Wladimir Putin mischt sich nun Berichten zufolge offenbar stärker in die Kriegsstrategie ein und erteilt angeblich direkte Befehle an die Front. Seinen Generälen soll er einen Rückzug aus der südukrainischen Stadt Cherson persönlich untersagt haben, wie aus einem Bericht der New York Times (NYT) vom Freitag hervorgeht.

Wladimir Putin untersagt seinen Generälen den Rückzug aus Cherson - und gefährdet Menschenleben

Cherson war die erste größere Stadt, die im Ukraine-Krieg an russische Truppen fiel und ist momentan als einzige Bezirkshauptstadt weiterhin unter Moskaus Kontrolle. Nachdem ukrainische Truppen in ihrer erfolgreichen Gegenoffensive tausende Quadratkilometer des Landes zurückerobern konnten, will Wladimir Putin Cherson im Süden der Ukraine offenbar um jeden Preis halten. Ein Rückzug käme für den Kremlchef womöglich dem Bekenntnis zu einer Niederlage gleich - und wäre der zweite große Erfolg für die Ukraine innerhalb nur eines Monats.

Russische Generäle hatten dem NYT-Bericht zufolge darauf gedrängt, ihre Truppen geordnet aus der Stadt im Süden zurückziehen zu dürfen. Damit wäre es ihnen möglich gewesen, auf der anderen Seite des Flusses Dnepr Nachschub und Ausrüstung zu erhalten - und vermutlich das Leben vieler Soldaten zu retten. Die Front im Süden ließe sich so zudem mit weniger Truppen halten, glauben Militärexperten. Putin habe einen Rückzug allerdings abgelehnt und seinen Generälen befohlen, in Cherson weiterzukämpfen. Dieses Kommando sorgte für Spannungen und hatte offenbar auch negative Auswirkungen auf die Moral der russischen Truppen, die ohnehin als schlecht gilt.

Was der Verlust von Cherson für Russland bedeuten würde

Putin setzte sich dem Bericht zufolge über die Empfehlungen seiner Kommandeure hinweg – und legt nun selbst die Strategie fest. Trotz ukrainischer Fortschritte östlich von Charkiw konzentriert sich Russland weiterhin auf den Süden. Die meisten der Zehntausenden von Soldaten, die Russland in die Gegend von Cherson geschickt hatte, bleiben demnach an Ort und Stelle – einschließlich einiger der besten Kampftruppen der russischen Armee. Denn die Frontlinie im Süden der Ukraine ist sowohl für Kiew als auch für Moskau von großer Bedeutung.

Aus russischer Sicht könnte laut NYT-Experten sogar die Landbrücke zur Krim in Gefahr sein – sofern die Ukraine es schaffen würde, russische Streitkräfte weiter zurückzudrängen. Aktuell laufen in Cherson außerdem völkerrechtswidrige Abstimmungen zu einer russischen Annexion. Ein Rückzug der russischen Truppen würde auch dieses „Referendum“ gefährden.

Militärexperte sieht Diskrepanz zwischen Putins politischen Zielen und seinen militärischen Mitteln

Soldaten des Kreml sprengten in der vergangenen Woche einen Staudamm am Fluss Inhulez, um die ukrainische Gegenoffensive im Süden aufzuhalten. Allerdings konnten die Ukrainer ihrerseits Erfolge verbuchen, indem sie Übergänge über den Fluss Dnepr zerstörten und so die Versorgungswege der russischen Truppen weitgehend abschnitten. „Sie haben dort Einheiten, die abgeschnitten und eingekreist werden, wenn die Ukrainer die Linien durchbrechen“, sagte der Politikwissenschaftler und Vizepräsident der CSIS-Denkfabrik, Seth G. Jones, der New York Times. „Ich kann gar nicht genug betonen, wie heikel die Situation für sie ist.“

Der Militärexperte Michael Kofman sieht in der Situation in Cherson ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen Putins politischen Zielen und seinen militärischen Mitteln. „An wichtigen Entscheidungspunkten hat Putin gezögert und sich geweigert, die Realität anzuerkennen, bis sich die Möglichkeiten verschlechtert haben“, gibt Kofman zu bedenken. Mit einer Teilmobilisierung will der Kremlchef jetzt die Zahl der russischen Soldaten aufbessern, doch Kriegsforscher gehen nicht davon aus, dass diese Maßnahme kurzfristige Auswirkungen auf den Kriegsverlauf haben werden.

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