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„Anne Will“ zum Ukraine-Konflikt: Historiker ist empört über Naivität - „Putin macht sein Spiel“

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Die Talkrunde bei „Anne Will“ (ARD).
Die Talkrunde bei „Anne Will“ (ARD). © NDR/Dietmar Gust

Der „Anne Will“-Talk im Ersten zum Thema „Putin führt Krieg in Europa - wie ist er noch zu stoppen?“ war düster wie nie. Einen Ausweg sieht niemand.

Berlin - Die Journalistin Kristina Dunz spricht bei Anne Will* aus, was Politiker im Ukraine-Konflikt* derzeit nicht zu sagen wagen: „In Verteidigungskreisen geht man von höchstens zwei Wochen aus, die die Ukraine noch dagegenhalten kann...“ Sie zeigt auf CDU-Politiker Norbert Röttgen und FDP-Finanzminister Christian Lindner und fährt fort, „... wenn sie keinen anderen Weg finden können“. Es wird ein „Blutbad“ geben, prognostiziert die sonst kühl auftretende Dunz. Der emeritierte Historiker Karl Schlögel, der sichtlich betrübt in der Sendung sitzt, so als würden die Szenarien einer düsteren Zukunft schon bildlich vor seinem geistigen Auge aufblitzen, stimmt dem zu: „Das gibt es.“

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen versucht die Lanze für die Ukrainer hochzuhalten und lobt ihren „Heldenmut“ und ihre „Entschlossenheit“, mit denen sie „ihre Häuser und Straßen verteidigen“. Röttgen: „Da ist ein Volk“, das bereit sei „zu streben, um zu leben“, so der CDU-Politiker. Er schiebt hinterher: „Das Blutbad hat begonnen.“ Doch für Röttgen ist das nicht gleichzusetzen mit einer Niederlage: „Putin wird das Land nicht unter Kontrolle bringen“, ist der Außenpolitiker sicher. Stattdessen werde es einen „lang anhaltenden Krieg geben“, der Russlands Präsidenten Wladimir Putin* „auszehren wird“. Um das zu schaffen, habe die EU eine „Vielfalt von Waffenlieferungen“ beschlossen, die „historisch einmalig“ seien, „abertausende“ Gerätschaften seien für das lediglich zwei Flugstunden von Berlin gelegene Land freigegeben worden.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

Der Talk bei Anne Will* macht deutlich: Nicht bloß sprachlich befinden wir uns im Krieg. Einen Ausweg aus dieser Situation, die keiner wollte, sieht niemand in der Runde. In Bezug auf die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland* muss Christian Lindner, der als einziger in der Sendung nicht schwarz trägt, einräumen, sie seien „nur eine mittelfristige Lösung“ und hätten „keine akute Wirkung“. Putin würde durch sie aber die „Geschlossenheit“ des Westens spüren. Wenig überzeugend klingt dagegen der Satz: „Die Oligarchen werden zur Verantwortung gezogen für den Völkerrechtsbruch.“

Lindner erklärt die Verhältnisse: Russland verfüge derzeit über Devisen-Reserven zwischen „600 bis 700 Milliarden Dollar“. Diese Höhe erwecke den Eindruck, dass die „Aktion“ Putins „sehr lange“ in „unterschiedlichen Bereichen vorbereitet worden ist“. Der Bundesminister appelliert schon jetzt an einen „langen Atem“, an „Durchhaltefähigkeiten“. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“, so Lindner, „und müssen uns darauf einstellen, wirtschaftliche Nachteile, die sich auch ohne Frage ergeben werden, auszuhalten.“

Röttgen fordert bei Anne Will Nachbesserungen beim SWIFT-Rauswurf: Nicht umfassend genug

Die Pläne des Grünen*-Koalitionspartners unterstützt Lindner: Der Energiehandel mit Russland „muss in Deutschland überprüft werden, um uns aus der Abhängigkeit zu befreien“. Norbert Röttgen fordert Nachbesserungen beim SWIFT-Rauswurf*. Der sei noch nicht umfassend genug, um einen „Schock für die russische Wirtschaft“ zu erwirken, der sich dann auch zeitnah zeige. Der ukrainischen Wissenschaftlerin Ljudmyla Melnyk scheint auch das zu wenig angesichts der faktischen Bedrohung und benennt klar die Schwachstelle: Was werde der Westen machen, wenn morgen das Bombardement auf ihr Heimatland beginne, will sie wissen. Eine Antwort bekommt sie nicht.

Historiker Schlögel ist vor allem empört über die Naivität „einiger Politiker“, die noch immer denken, ein Krieg würde rechtsstaatlichen Kriterien folgen: „Putin braucht überhaupt keine Vorwände. Er handelt, er macht sein Spiel“, moniert Schlögel. Ursula von der Leyen*, Präsidentin der Europäischen Kommission, könne noch so gewichtige Dinge sagen, im Moment seien es die „Ukrainer, die entscheiden, was passiert“. Journalistin Dunz zeichnet ein Bild von Putin, als jemanden, der nichts mehr zu verlieren habe, willkürlich agiere und „brandgefährlich“ für den Westen sei. Putin habe sich so weit aus dem Fenster gelehnt, so Dunz, er könne gar nicht mehr anders, „als durchgreifen“, und müsse „mit einem Erfolg nach Hause kommen“. Sie sehe keinen Weg, wie man jetzt noch etwas befrieden könne.

Lettischer Präsident vergleicht Putins Überfall mit Hitlers Kriegsbeginn 1939

Der lettische Präsident Egils Levits, zu dem erst im dritten Versuch eine Tonverbindung in der Sendung aufgebaut werden kann, vergleicht Putins Überfall auf die Ukraine ungeschminkt mit Hitlers Einmarsch in Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges: „Das ist zum ersten Mal seit dem 1. September 1939, als ein ähnlicher Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen stattfand“, um diesen „Staat zu eliminieren“.

Levits, der 1972 als Jugendlicher nach Deutschland floh, hier als Rechtsanwalt und Botschafter Lettlands tätig war, bevor er Präsident seines Heimatlandes wurde, macht deutlich, dass es in Lettland schon lange keinen Zweifel mehr an der Aggressivität des Nachbarlandes gebe, das „sein Imperium wiederherstellen“ wolle. Auch Levits kritisiert wie Schlögel die vergangene „Appeasement-Politik“ der EU als „realitätsfern“. Statt der Beschwichtigungspolitik seien Aufrüstung und harte Sanktionen die einzige „Kriegsverhinderungssache“, die einzige „Sprache des Friedens“, die Putin verstehe.

Fazit des „Anne Will“-Talks

„Wir brauchen immer einen Schock, um unsere Politik zu ändern“, sagt die Ukrainerin Ljudmyla Melnyk in der Sendung. Tatsächlich ist Europa mit „einem Knall“ erwacht. Leider erkennt die EU erst jetzt, dass Putin die Zeit der Diplomatie systematisch zur Kriegsvorbereitung genutzt hat. Ihn jetzt zu stoppen, ist weitaus schwerer geworden. (Verena Schulemann)

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