+
Schießtraining in einem Panzer der ukrainischen Armee unweit von Kiew. Die internationale Gemeinschaft sorgt sich um die - noch nicht einmal begonnene - Waffenruhe.

Erneut Tote bei Gefechten

Moskau bringt Ostukraine-Resolution bei UN ein

Donezk/Kiew - Kurz vor der geplanten Waffenruhe in der Ostukraine haben sich prorussische Aufständische und Regierungstruppen im Kriegsgebiet erneut blutige Kämpfe geliefert. Russland hat sich inzwischen an den Weltsicherheitsrat gewandt.

In der Separatistenhochburg Donezk wurden nach Darstellung der Aufständischen mindestens vier Zivilisten bei Beschuss getötet.

Die Armee berichtete am Samstag von 14 Toten im Konfliktgebiet innerhalb von 24 Stunden. Bei der strategisch wichtigen Stadt Debalzewo nordöstlich von Donezk habe es in der Nacht intensive Gefechte gegeben, teilten beide Konfliktparteien mit.

Erbitterte Gefechte um belagerte Stadt Debalzewe

Der Verkehrsknotenpunkt Debalzewe stehe unter Dauerbeschuss der prorussischen Rebellen, teilte die Kiew-treue Polizei in der belagerten Stadt am Samstag mit. "Die Rebellen zerstören Debalzewe", schrieb Polizeichef Wjatscheslaw Abroskin im Online-Netzwerk Facebook. Wohngebiete und Verwaltungsgebäude stünden unter Dauerbeschuss der feindlichen Artillerie. Auch das Polizeirevier sei von einer Rakete getroffen worden.

Die ukrainische Armee liefert sich seit Tagen Gefechte mit den Separatisten um die zwischen den Rebellenhochburgen Kiew und Lugansk gelegene Ortschaft. Nach Angaben des Militärs starteten die Separatisten in der Nacht zum Samstag eine neue Offensive auf Debalzewe.

Um 0 Uhr sollen die Waffen schweigen

Nach einem in der weißrussischen Hauptstadt Minsk getroffenen Abkommen sollen in der Ostukraine von 0.00 Uhr Ortszeit an diesem Sonntag an (23.00 Uhr MEZ) die Waffen schweigen. Beobachter vermuten, dass beide Seiten vor der Feuerpause noch Geländegewinne machen wollen.

Russland brachte einen Resolutionsentwurf in den Weltsicherheitsrat ein, mit dem die Vereinbarungen der Minsker Friedensgespräche vom Donnerstag festgehalten werden sollen. Wie die Staatsagentur Tass berichtete, könnte das mächtige UN-Gremium an diesem Sonntag darüber abstimmen. Frühere UN-Resolutionen hatte Russland blockiert.

Die prorussischen Separatisten im Donbass warnten die Militärführung in Kiew vor einem Bruch der geplanten Waffenruhe im Kriegsgebiet. Wenn die Vereinbarungen nicht eingehalten würden, werde weiter gekämpft, drohte Separatistenführer Eduard Bassurin.

Die Aufständischen in Donezk ratifizierten das Minsker Abkommen, wie ihr Vertreter Denis Puschilin mitteilte. Er rief die prowestliche Führung in Kiew zu einem neuen Treffen der Kontaktgruppe auf. An der Verhandlungsgruppe sind auch Russland und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beteiligt.

Die sieben führenden Industriestaaten (G7) mahnten die Konfliktparteien am Freitagabend angesichts der Kämpfe bei Debalzewo zur Besonnenheit und drohten mit Maßnahmen. Die G7 seien bereit, "geeignete Maßnahmen gegen diejenigen zu ergreifen, (...) die die vereinbarte umfassende Waffenruhe und den Abzug schwerer Waffen nicht einhalten", hieß es. In Debalzewo sollen Tausende ukrainische Soldaten eingekesselt sein. Kiew dementiert dies.

Die USA warfen Russland vor, Waffenlieferungen an die Separatisten zu planen. Russland habe an der Grenze Nachschub vorbereitet, hieß es aus Washington. Die Führung in Moskau weist solche Vorwürfe zurück.

Poroschenko droht erneut mit Einführung des Kriegsrechts

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat bei einem Scheitern der geplanten Waffenruhe im Konfliktgebiet Donbass erneut mit der Einführung des Kriegsrechts im ganzen Land gedroht. „Wenn es keinen Frieden gibt, müssen wir die sehr schwere, aber notwendige Entscheidung treffen“, bekräftigte Poroschenko am Samstag in Kiew der Agentur Interfax zufolge.

Diesem Schritt müsste zunächst das Parlament zustimmen. Beobachter warnen vor einer Eskalation der Gewalt und einem möglichen Staatsbankrott, würde es dazu kommen.

Jazenjuk fordert Waffenlieferungen an Kiew

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte in der "Bild"-Zeitung erneut Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Bundesregierung lehnt diesen Schritt ab. Einem Bericht der britischen Zeitung "Guardian" zufolge übergab Großbritannien unbewaffnete, gepanzerte Truppentransporter des Typs Saxon an Kiew.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ernannte den in Georgien wegen Amtsmissbrauchs mit Haftbefehl gesuchten Ex-Staatschef Michail Saakaschwili zu seinem Sonderberater. Er solle sich um Waffenlieferungen an die Ukraine kümmern, sagte er Tass zufolge. Unter Saakaschwili als Präsident hatte Georgien in einem Krieg mit Russland die abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien verloren. Nach Ende seiner Amtszeit ging Saakaschwili ins Exil in die USA.

dpa/AFP

Guardian-Bericht

G7-Mitteilung

Ukas Poroschenko

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Kohl-Trauerfeier kostete Speyer 57.000 Euro – so viel übernimmt der Bund
Die Trauerfeier für Altkanzler Helmut Kohl hat die Stadt Speyer 57.000 Euro gekostet. Lesen Sie, wie diese Summe zustande gekommen ist und welche Summe der Bund …
Kohl-Trauerfeier kostete Speyer 57.000 Euro – so viel übernimmt der Bund
FDP und Grüne sondieren für Jamaika
CSU und Grüne in einer Regierung? Schwierig. Das Verhältnis von FDP und Grünen ist es nicht weniger. Letztere treffen an diesem Donnerstag aufeinander. Doch sie alle …
FDP und Grüne sondieren für Jamaika
Spaltet sich Katalonien ab? Ultimatum bis 10 Uhr
Bei einem Referendum stimmten 90 Prozent der Wähler für die Abspaltung Kataloniens von Spanien - die Unabhängigkeit der Region wurde aber noch nicht erklärt. Das zweite …
Spaltet sich Katalonien ab? Ultimatum bis 10 Uhr
Kommentar zu Tillich-Rücktritt: Alternativlos
Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) ist am Mittwoch zurückgetreten. Der 58-Jährige musste Konsequenzen ziehen. Ein Kommentar von Christian Deutschländer.
Kommentar zu Tillich-Rücktritt: Alternativlos

Kommentare