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Größtes AKW Europas nach Angriff beschädigt - Explosion „auf wundersame Weise“ verhindert

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Von: Felix Durach

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Nach den Angriffen auf das Atomkraftwerk Saporischschja am Freitag wurde das Notfallschutzsystem ausgelöst und die Reaktoren teilweise heruntergefahren. Das meldet der Betreiber am Samstag.

Saporischschja – Menschen weltweit blicken mit sorgenvollem Blick auf das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Das größte Atomkraftwerk Europas wurde am Freitag Ziel von Angriffen durch Artillerie und Raketenwerfern. Während die Regierungen in Moskau und Kiew den jeweils anderen für die Angriffe verantwortlich machen, sorgen sich Atomexperten um die Sicherheit der Reaktoren.

Ukraine-News: Notfallschutzsystem in AKW Saporischschja ausgelöst

Wie der Betreiber des Atomkraftwerkes Energoatom am Samstag bekannt gab, wurde durch die Angriffe am Freitag das „Notfallschutzsystem“ des Kraftwerks ausgelöst und die Reaktoren teilweise heruntergefahren. Das gab der Staatskonzern über Telegram bekannt. Bei den Angriffen seien demnach eine Stickstoff-Sauerstoff-Station und ein Nebengebäude schwer beschädigt worden. Es bestehe weiterhin die Gefahr des Austritts von radioaktiven Substanzen und auch die Feuergefahr sei hoch, erklärt der Betreiber weiter.

Russische Soldaten messen Strahlungswerte vor dem Atomkraftwerk in Saporischschja. (Archivbild)
Russische Soldaten messen Strahlungswerte vor dem Atomkraftwerk in Saporischschja. (Archivbild) © SNA/imago-images

Die ukrainischen Mitarbeiter würden ihre Arbeit an den Reaktoren fortsetzen und alles daran setzten, die nukleare Sicherheit zu gewährleisten. Trotz des Notbetriebs würde das AKW jedoch immer noch Strom produzieren.

Angriffe auf AKW: Atomenergiebehörde spricht von „sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe“

Als Reaktion auf die Angriffe hat der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) erneut Moskau und Kiew dazu aufgefordert, der Behörde Zutritt zu dem Atomkraftwerk zu gewähren. Der Angriff am Freitag „unterstreicht die sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus bedrohen könnte“, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Samstag in einer Stellungnahme. Er hielt fest, dass auf dem Gelände Schäden entstanden seien, dass aber die Reaktoren unversehrt seien und keine Radioaktivität ausgetreten sei.

Der Besuch eines IAEA-Teams vor Ort würde helfen, die nukleare Sicherheit vor Ort zu stabilisieren und unabhängige Informationen über den Zustand des AKWs zu liefern. Grossi forderte die Ukraine und Russland auf, endlich gemeinsam einen solchen IAEA-Einsatz möglich zu machen.

Medien-Bericht: Russland soll Atomkraftwerk Saporischschja vermint haben

Dass Moskau auf die Forderungen eingeht, darf jedoch auch mit Blick auf eine Recherche des Portals The Insider bezweifelt werden. Den Verfassern des Berichts liegt ein Video vor, das zeigt, wie russische Lastwagen am 2. August auf das Gelände des AKWs gefahren sind. Mit Verweis auf eine anonyme Quelle berichtet das Portal, dass die Streitkräfte dort den Maschinenraum des Kraftwerks vermint haben sollen. Darüber hinaus sollen die etwa 500 am AKW stationierten Soldaten auch das Gebiet um das Atomkraftwerk vermint haben. Die Berichte lassen sich jedoch aktuell nicht unabhängig überprüfen.

Podolyak: AKW Saporischschja nach Angriffen „auf wundersame Weise gestern nicht explodiert“

Mykhailo Podolyak, einer der Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, schrieb mit Blick auf die Lage in Saporischschja am Samstag auf Twitter: „Dieser Morgen in Europa wurde nur dadurch möglich gemacht, dass das Atomkraftwerk Saporischschja auf wundersame Weise gestern nicht explodiert ist.“ Russland warf Podolyak vor, dort „gefährliche Provokationen“ zu inszenieren. Der Präsidentenberater forderte die IAEA und die Vereinten Nationen dazu auf, Russland zu einem Abzug von dem AKW-Gelände zu bewegen und die Kontrolle einer Spezial-Kommission zu überlassen.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb ebenfalls über den Kurznachrichtendienst: „Dies ist ein schwerwiegender und unverantwortlicher Verstoß gegen die Regeln der nuklearen Sicherheit und ein weiteres Beispiel für Russlands Missachtung internationaler Normen.“

Atomkraftwerke als taktische Ziele im Ukraine-Krieg - Selenskyj spricht von „Akt des Terrors“

Russische Truppen hatten das größte Atomkraftwerk der Ukraine und Europas im März bereits kurz nach dem Einmarsch der Truppen unter ihre Kontrolle gebracht. Die internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA versucht seit Wochen, Inspekteure zu der Anlage zu entsenden. Die Ukraine hat dies bisher abgelehnt, da ihrer Ansicht nach dadurch die Besetzung des Ortes durch Russland in den Augen der internationalen Gemeinschaft legitimiert werden würde.

Die ukrainischen Atomkraftwerke nehmen im laufenden Ukraine-Krieg eine besonders kritische Rolle ein. Die Ukraine verfügt aktuell über vier laufenden AKWs. Doch auch das nach der Reaktor-Katastrophe im Jahre 1986 stillgelegte Kraftwerk in Tschernobyl stellt noch eine erhebliche Gefahr durch die Kampfhandlungen dar. Dort kam es bereits kurz nach der Invasion zu Kämpfen zwischen russischen und ukrainischen Truppen.

Präsident Selenskyj sprach bereits in seiner täglichen Videoansprache am Freitagabend von einem „Akt des Terrors“ durch Russland. Russland wies die Vorwürfe zurück und machte die ukrainische Regierung verantwortlich: „Bewaffnete ukrainische Gruppen führten drei Artillerieschläge auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja (...) und in der Stadt Enerhodar aus“, erklärte die russische Armee am Freitag. (fd mit dpa)

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