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Putin will erste Grenzen neu ziehen: Warum Cherson so wichtig und umkämpft ist – und was Russland plant

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Von: Florian Naumann

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Ukraine-Krieg: Ein russischer Militärkonvoi im März im Oblast Cherson.
Ukraine-Krieg: Ein russischer Militärkonvoi im März im Oblast Cherson. © IMAGO / SNA

Die erste Annektion im Ukraine-Krieg bahnt sich an. Mit einem „Angstregime“ arbeitet Russland in Cherson. Die Stadt ist wichtig für Putin - leistet aber Widerstand.

Kiew/München – Völlige Kontrolle über die Ost- und Südukraine. So lautet das erklärte Ziel Russlands in der aktuellen Großoffensive. In der Großstadt Cherson scheint der Kreml unterdessen bereits Fakten schaffen zu wollen – und das dauerhaft. Die vom Kreml eingesetzte Verwaltung will Cherson aus der Ukraine herauslösen. Ganz offen und offiziell.

Es geht also um die ersten Versuche der Grenzneuziehung. Ob und wie das klappen kann, ist auf vielen Ebenen noch offen. Cherson spielt eine ungewöhnliche Rolle im Ukraine-Krieg. Pro-russisch ist die Stadt allem Anschein nach aber nicht eingestellt. Unklar ist auch die Strategie Russlands. Im Gespräch ist ein „Referendum“ und die Ausrufung einer „Volksrepublik Cherson“. Als „Klassiker“ bezeichnete Kiew diese Variante. Die neuen lokalen Machthaber schienen zuletzt aber sogar diesen Zwischenschritt abzulehnen.

Ersichtlich ist indes, warum Moskau ein Auge gerade auf die Südukraine geworfen hat. Und auch weitere Teile einer Strategie liegen auf der Hand: Der Kreml sprach zuletzt offen von einer Zersplitterung der Ukraine. Die wiederum leistet in Cherson auch militärischen Widerstand. Die komplexe Lage rund um die Großstadt im Überblick:

Russland Krieg in der Südukraine: Cherson fiel zuerst - leistet aber Widerstand

Schon am 2. März nahm Russland Cherson ein – überraschend schnell. Sogar OSZE-Beobachter waren noch in der Stadt. Präsident Wolodymyr Selenskyj schien „Verrat“ aus dem eigenen Geheimdienst zu vermuten. Anfang April erkannte er zwei Brigadegenerälen des SBU ihre militärischen Ränge ab. Einer war nach Selenskyjs Worten SBU-Chef in Cherson. Näheres verriet er nicht: „Ich habe keine Zeit, mich mit Verrätern zu befassen“, erklärte der Präsident in einer seiner Videobotschaften.

Leichtes Spiel hat Russland offenbar dennoch nicht. Cherson machte seither immer wieder mit großen Protesten der Zivilgesellschaft Schlagzeilen. Mitte März feuerten russische Soldaten laut einem lokalen TV-Sender „Warnschüsse“ ab, als tausende Menschen auf dem zentralen Freiheitsplatz demonstrierten. Sie schwenkten ukrainische Flaggen und riefen „Cherson gehört der Ukraine“ und „Ruhm der Ukraine“, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Als die Protest-Teilnehmer an einer Kolonne russischer Armeefahrzeuge vorbeiliefen, riefen einige Demonstranten demnach auf Russisch „Faschisten“ und „Geht nach Hause“. Auch am vergangenen Wochenende (23./24. April) soll Medienberichten zufolge weiter protestiert worden sein.

Krieg in der Ukraine: Die aktuelle Lage in Cherson

Vom Aufbau eines „Angstregimes“ durch russischen Besatzer in Cherson schreibt unter anderem die österreichische Tageszeitung Der Standard: Journalisten, Geistliche oder Aktivisten seien festgenommen worden. Angeblich sind auch „Umerziehungen“ von Lehrern und Dozenten in Lagern auf der Krim geplant. Die Ukraine berichtete zuletzt, 35 von 49 Chefs der örtlichen Verwaltungseinheiten seien entführt worden.

Auch eine Freiwillige auf ukrainischer Seite, die sich 20 Kilometer nördlich von Cherson an der Front um Geflüchtete und Militärs kümmert, erzählte dem Blatt vom „Verschwinden“ mehrerer Menschen. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben nicht. Die Frau erzählte dem Standard, die russischen Besatzer wollten keine Menschen aus Cherson herauslassen. Wenn, dann gelinge die Flucht Frauen. Zugleich versuche Russland, Stadtbewohner als Soldaten zu rekrutieren. Bislang angeblich ohne Erfolg.

Dafür versucht sich die Ukraine offenbar an einer Gegenoffensive. In der Nacht auf Donnerstag hatten ukrainische Medien von mehreren Explosionen in Cherson berichtet. Später teilte Russland mit, es seien mehrere Raketenangriffe abgewehrt worden. Kiew bestätigte diese Darstellung zunächst nicht.

Ukraine-Krieg: Wie Russland in Cherson weiter vorgehen will

„Die Frage einer Rückkehr des Gebiets Cherson in die nazistische Ukraine ist ausgeschlossen“, sagte Kirill Stremoussow von der moskautreuen Verwaltung am Donnerstag der russischen Staatsagentur Ria Nowosti. „Das ist unmöglich.“ Putins Statthalter kündigte zudem die Einführung des Rubel als offizielles Zahlungsmittel am 1. Mai an. Das Gebiet werde wirtschaftlich aufblühen.

Als „klassische russische Praxis“, bezeichnete der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, Olexij Danilow, die Pläne. „Sie werden zwar einige Zeit versuchen, eine Währung oder Pseudo-Währung für diese Gebiete einzuführen“, sagte er laut Agentur Unian. Doch angesichts des zu erwartenden Widerstands der Bürger werde diese „sehr kurzlebig“ sein.

Spekuliert wird schon länger auch über ein von Russland durchgeführtes Referendum. Danilow rechnete mit einer Abstimmung und der Ausrufung einer „Volksrepublik Cherson“. Regionalmachthaber Stremoussow dementierte solche Pläne – schien aber dennoch eine Annektion anzukündigen. Selenskyj will ein Referendum verhindern: Eine Abstimmung werde das Ende der Verhandlungen mit Russland bedeuten, erklärte er unlängst. Anerkennen würde die Ukraine ein Votum aber so oder so nicht. Als „juristisch und international bedeutungslos“ bezeichnete Kiew ein hypothetisches Referendum.

Ein Paradox: Einwohner Chersons glauben, Russland verzichte bislang auf Gräueltaten, eben weil ein Referendum geplant sei. Die Lage in der Region um die Stadt - seit einigen Tagen laut Moskau angeblich komplett unter russischer Kontrolle - sei die Lage „viel schlimmer und viel tragischer“, sagte ein örtlicher Journalist dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Ukraine-Krieg: Cherson - warum die Stadt nördlich der Krim strategisch bedeutsam ist

Ukraine-Krieg: Ein russischer Soldat am Nord-Krim-Kanal im Oblast Cherson.
Ukraine-Krieg: Ein russischer Soldat am Nord-Krim-Kanal im Oblast Cherson. © Imago/SNA

Es ist kein Zufall, dass sich Russland besonders für den Süden und Osten der Ukraine interessiert. Während der Donbass im Osten wohl vor allem aufgrund seiner Rolle als offizieller Kriegs-Anlass und wegen Rohstoffvorkommen interessant ist, geht es im Süden um Infrastruktur und ein Druckmittel gegen die Ukraine.

Cherson, am Fluss Dnepr gelegen, zählt zu den Brückenköpfen in Richtung Krim. Moskau will einen Landzugang zu der Halbinsel sicherstellen, aber auch deren Wasserversorgung. Der Nord-Krim-Kanal, essenziell für die Bewässerung der Krim, verläuft durch den Oblast Cherson. Zugleich könnte eine Einnahme der Häfen die Exporte der Ukraine wirtschaftlich stark schaden. Auch für einen solchen Feldzug könnte Cherson Ausgangspunkt sein: Odessa liegt knapp 200 Kilometer westlich von Cherson.

Indirekt könnte auch eine Zersplitterung der Ukraine in viele Klein-Territorien zu Russlands Plan gehören. „Das Ergebnis der Politik des Westens und des von ihm kontrollierten Kiewer Regimes kann nur zum Zerfall der Ukraine in mehrere Staaten führen“, sagte der russische Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew zuletzt der Tageszeitung Rossiskaja Gaseta. Das mögliche Kalkül: Je unübersichtlicher die Lage, je größer die Zahl der Fronten, desto zermürbender und bedrohlicher die Situation für die Regierung um Selenskyj. Im Sinn haben dürfte Moskau vor allem die Bildung von Marionetten-„Volksrepubliken“ – auch in Cherson. (fn mit Material von AFP)

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