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Assimilation und Säuberungen: Bewohner berichten über Schrecken der Besatzung in Cherson

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Von: Stephanie Munk

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Monatelang standen die Bewohner von Cherson unter russischer Besatzung. Ihnen sollte die russische Kultur aufgezwungen werden - erreicht wurde aber wohl das Gegenteil.

Cherson - Acht Monate lang stand die südukrainische Stadt Cherson im Ukraine-Krieg unter russischer Besatzung. Dann, vergangene Woche, zogen sich Putins Soldaten zurück. Die Stadt mit ihren einst fast 300.000 Einwohnern ist wieder unter ukrainischer Kontrolle. Die gesamte Ukraine feierte die Befreiung der Regionalhauptstadt, jubelnde Menschen zogen in ukrainische Flaggen gehüllt durch die Straßen und ließen Sektkorken knallen.

Menschen feiern in Cherson die Rückeroberung ihrer Stadt und das Ende des russischen Besatzung.
Menschen feiern in Cherson die Rückeroberung ihrer Stadt und das Ende des russischen Besatzung. © IMAGO/Celestino Arce

Doch in Cherson haben die Besatzer laut Augenzeugen eine Spur der Verwüstung hinterlassen: Die Wasser-, Strom- und Energieversorgung ist völlig kaputt. Geplündert wurde offenbar alles, was nicht niet- und nagelfest war. Russische Soldaten hätten bei ihrem Rückzug sogar Tiere aus dem Zoo von Cherson mitgenommen, heißt es in einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP.

Russische Besatzung in Cherson: Kultur der Ukrainer wurde massiv unterdrückt

Aber Russland zerstörte in Cherson offenbar nicht nur Gebäude und Infrastruktur, sondern versuchte auch, die ukrainische Kultur im Keim zu ersticken. In einem Bericht der New York Times berichten Augenzeugen von massiven Assimilierungsversuchen: Schulen mussten demnach nach russischen Lehrplänen unterrichten, ukrainischen Schülern sei eingebläut worden, dass sie Russen seien.

Ukrainische Lieder seien verboten worden. Wer öffentlich Ukrainisch sprach, dem hätte die Verhaftung gedroht. „Sie haben die pro-ukrainische Bevölkerung unterdrückt“, wird ein Bewohner der Stadt zitiert. „Was hier passiert ist, war eine ethnische Säuberung.“

Eine Bewohnerin von Cherson umarmt einen ukrainischen Soldaten kurz nach der Befreiung der Stadt.
Eine Bewohnerin von Cherson umarmt einen ukrainischen Soldaten kurz nach der Befreiung der Stadt. © AFP

Russische Besatzer in Cherson: „Sie wollten die Gedanken der Menschen erobern“

Laut der Informationsplattform „Centre for Information Resiliance“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Monate der russischen Besatzung in Cherson zu dokumentieren, sei es den Bewohnern fast unmöglich gemacht worden, zu überleben, ohne sich den Russen zu beugen.

Ohne russischen Pass und russisches Geld sei Überlebenswichtiges wie Transport, Nahrung und Kommunikation fast unmöglich gewesen. „Die Russen wollen aber nicht nur Territorium erobern, sondern auch die Gedanken der jungen Menschen von Cherson“, heißt es. Schüler seien mit komplett neuen Realitäten konfrontiert worden, wurden nur noch auf Russisch und gemäß der Propaganda von Wladimir Putin unterrichtet.

Putin erreichte in Cherson offenbar Gegenteil von seinem Ziel

Doch Augenzeugen berichten auch darüber, wie sie sich den russischen Assimilationsversuchen widersetzten - und sich stattdessen umso mehr von ihrem Nachbarland Russland abwandten. Der Krieg habe die Entfremdung zwischen den beiden Ländern massiv beschleunigt, heißt es in dem Bericht der New York Times: Zweisprachige Ukrainer würden die russische Sprache jetzt strikt meiden. In Odessa forderte offenbar die Bürgermeisterin, die Statue der Stadtgründerin Katharina der Großen abreißen zu lassen - einer russischen Zarin. Straßen, die nach dem russischen Dichter Alexander Puschkin benannt waren, würden nun umbenannt.

Putin habe in Cherson das Gegenteil von dem erreicht, was er will, lautet das Fazit - die Ukraine zu einem Teil Russlands zu machen. Die ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lobte bei seinem Besuch im befreiten Cherson die Widerstandskraft seines Volkes: „Wir haben gezeigt, dass es unmöglich ist, die Ukraine zu töten.“ Doch obwohl Russland sich aus Cherson zurückgezogen hat, geht der Terror in der Ukraine weiter: Am Dienstag (15. November) beschoss Putins Armee wieder Kiew, offenbar wurde dabei auch ein Wohnhaus getroffen. (smu)

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