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„Artilleriebombardement wie seit 1945 nicht mehr“: Experte rechnet mit neuer Eskalation im Ukraine-Krieg

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Von: Linus Prien

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Russische Panzer bei einer Militärparade.
Russische Panzer © IMAGO/Pavel Lisitsyn

Die russischen Truppen gruppieren sich in der Ostukraine neu. Jetzt soll es zur Offensive im Donbass kommen. Ein Experte rechnet mit „noch blutigeren“ Gefechten.

München - „Wenn die russische Offensive koordiniert beginnt, dann haben wir ein Artilleriebombardement, wie wir es in Europa seit 1945 nicht mehr gesehen haben, vielleicht mit Ausnahme der Balkankriege.“ Das sagte Franz-Stefan Gady in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Der Analyst und Research Fellow beim britischen Forschungsinstitut Institute for International Strategic Studies gab eine Einschätzung zum eskalierten Ukraine-Konflikt - insbesondere zur Frage, wie die „nächste Phase des Krieges“ ablaufen wird.

Ukraine-Krieg: „Vernichtende taktische Niederlage für Russland“ - aber kein Zusammenbruch

Die russischen Truppen hatten sich infolge der Friedensverhandlungen in Istanbul aus dem Norden der Ukraine und aus den Vororten der Hauptstadt Kiew zurückgezogen. Angeblich sollte dies eine Maßnahme zur Bildung von Vertrauen zwischen Russland und der Ukraine darstellen. Experten sahen jedoch strategisches Kalkül hinter Truppenbewegung und beschrieben das Szenario einer großen Offensive im Osten der Ukraine.

Auch Gady hielt nun fest: „Das war eine vernichtende taktische Niederlage der russischen Streitkräfte.“ Die russischen Truppen hätten keines ihrer Ziele erreichen können und hohe Verluste erleiden müssen. Dennoch handle es sich nicht um einen Zusammenbruch. Der Rückzug war „effektiv“ und „gut geführt“.

Ukraine-Krieg: „Die nächste Phase des Krieges“

Dem Experten zufolge beginnt nun die nächste Phase des Krieges. Russland ziehe seit Tagen Truppen im Osten der Ukraine zusammen. Die russischen Einheiten haben auch Isjum einnehmen können. Laut Gady könnte Isjum der „Dreh- und Angelpunkte der Offensive“ werden. Von der ukrainischen Stadt aus könne man in viele Regionen im Osten der Ukraine vordringen. Zudem lägen die russischen Truppen dort im Rücken der ukrainischen Verteidigungslinie.

Ebenjene Offensive sei imminent. Russland könne davon profitieren, schnell zu handeln, bevor neue Waffenlieferungen aus westlichen Staaten eintreffen - gerade Deutschland streitet noch über das Vorgehen bei schweren Waffen für die Ukraine. Derzeit visiere Russland vor allem Treibstofflager und Verkehrswege an. Dem Experten zufolge handelt es sich um die Vorbereitung auf eine Bodenoffensive. Ziel sei es, ukrainischen Nachschub aufzuhalten, sagte Gady der Süddeutschen Zeitung.

Ukraine-Krieg: Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt es nun zum „mechanisierten Krieg“

Dem Experten zufolge wird es nun mit hoher Wahrscheinlichkeit zu größeren Gefechten von mechanisierten Verbänden kommen: „Es wird noch blutiger werden, die Gefechte noch heftiger.“ Größere Waffensysteme können in dieser Dynamik zur Geltung kommen. „Gepanzerte Fahrzeuge, Schützenpanzer, Kampfpanzer, Artillerie, Luftunterstützung, Mittel- und Langstreckenraketen, Flugabwehrraketen“ müssten nun effektiv eingesetzt werden. „Dies sind die Systeme, die das ukrainische Militär jetzt braucht.“

Außenministerin Annalena Baerbock, genauso wie Vertreter der anderen Regierungsparteien, sprachen sich für die Lieferung schwerer Waffen aus. Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich jedoch zurückhaltend. Lieferungen gibt es bisher keine. Die leichten Waffensysteme, mit denen die Ukrainer bisher beliefert wurden, könnten im Feld häufig nicht wirklich brauchbar sein.

Für diese Form von militärischer Auseinandersetzung sei aber auch die Koordination der Streitkräfte essenziell. Bisher habe Russland Probleme damit gehabt. Die russischen Truppen sind dem Experten zufolge jedoch für diese Art von Krieg ausgelegt. Sollte es eine gut koordinierte Offensive der russischen Truppen geben, „dann haben wir ein Artilleriebombardement, wie wir es in Europa seit 1945 nicht mehr gesehen haben, vielleicht mit Ausnahme der Balkankriege. Das muss man als Mensch psychologisch erst einmal aushalten.“

Ukraine-Krieg: Kesselschlachten und der koordinierte Rückzug der Ukrainer

Gady traut den russischen Truppen gleichwohl nicht die benötigte Geschwindigkeit zu, um die ukrainischen Truppen einzukesseln: „Die Idee einer Kesselschlacht halte ich mittlerweile für überholt.“ Russland werde jetzt auf „den massiven Einsatz von Feuerkraft“ setzen. Dies sei jedoch nur ein Aspekt einer möglichen Kesselschlacht. Auf der anderen Seite müsse man schnell gegnerische Stellungen durchstoßen können. Nur so könne man den Gegner lähmen und ihn letztlich zur Kapitulation bringen. Zudem seien die Vorstöße Russlands gegen ukrainische Stellungen verwundbar. Die Ukrainer könnten dem Experten zufolge somit immer noch einen koordinierten Rückzug starten: „Das halte ich für das wahrscheinlichste Szenario.“ (lp)

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