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Gewaltiger Nato-Plan für die „Eingreiftruppe“: Schreckt der Westen so Putin – und wie soll das klappen?

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Von: Markus Hofstetter

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Als Reaktion auf den Ukraine-Krieg will die Nato schneller und mächtiger auf mögliche Angriffe reagieren können. Doch die angestrebten Ziele sind sehr ambitioniert.

Brüssel - Die Nato will den Ukraine-Krieg. als Weckruf verstehen: Die Mitgliedsstaaten wollen wesentlich mehr für ihre Verteidigung tun. Ein Beispiel ist Deutschland, die Bundeswehr soll mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro aufgerüstet werden.

Kurz vor dem Nato-Gipfel am Dienstag (28. Juni) setzte Jens Stoltenberg ein Ausrufezeichen. Der Nato-Generalsekretär kündigte an, die schnelle Eingreiftruppe des Bündnisses, NRF (NATO Response Force), von derzeit 40.000 auf über 300.000 Soldaten auszubauen. Nach seinen Angaben wollen die Staats- und Regierungschefs der 30 Bündnisländer dies in Madrid beschließen. Doch es gibt augenscheinlich eine Vielzahl offener Fragen - und Unwägbarkeiten. Wie können die Nato-Staaten die Herausforderung stemmen - und wie wird Russland reagieren? Ein Überblick.

Nato baut NRF-Eingreiftruppe aus: schweres Gerät und Vorräte sollen vor Ort sein

Was bedeuten die Pläne überhaupt in der Praxis? Der Umbau der NRF ist Teil eines neuen Nato-Streitkräfte-Modells, das mehr Kräfte in hoher Bereitschaft vorsieht. Zudem sollen diese Kräfte bestimmten Gebieten zugeordnet und mehr schweres Gerät und Vorräte vor Ort positioniert werden. Damit könnten deutsche Soldaten etwa fest dafür eingeplant werden, litauische Truppen im Fall eines Angriffs Russlands zu unterstützen.

Für die Truppen würden zudem feste Zeiten für die Einsatzbereitschaft vorgegeben. Manche Einheiten sollen innerhalb von höchstens zehn Tagen verlegebereit sein, andere in 30 oder 50 Tagen. Die Truppen sollen in Friedenszeiten in der Regel unter nationalem Kommando stehen, könnten dann aber im Ernstfall vom Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa (Saceur) angefordert werden.

Eine Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr
Die Bundeswehr stellt auch Panzerhaubitzen 2000 für die schnelle Eingreiftruppe der Nato bereit. Zu sehen sind Geschütze während der NRF-Zertifizierungsübung in der Wettiner Heide. (11. Mai 2022) © Thomas Imo/photothek.net/imago

Stoltenberg zufolge sollen auch die existierenden multinationalen Nato-Gefechtsverbände in den Mitgliedstaaten an der Ostflanke auf Brigade-Niveau ausgebaut werden. Derzeit umfasst beispielsweise der Verband in Litauen 1600 Soldaten, von denen derzeit rund 1000 Soldaten aus der Führungsnation Deutschland kommen. Eine Brigade besteht in der Regel aus etwa 3000 bis 5000 Soldaten.

Nato baut NRF-Eingreiftruppe aus: regionale Verteidigungspläne sollen 2023 fertig sein

Vor allem der Ausbau der Nato-Gefechtsverbände auf Brigade-Niveau passt zu Warnung von Bernd Schütt, dem neuen Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Er sieht die größte Gefahr für eine militärische Eskalation mit Russland an der Nordostflanke der Nato, wo die Lage wegen russischer Drohgebärden im Streit um den Transitverkehr in die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad bedrohlicher geworden ist.

„Hier spielt die Präsenz von Landstreitkräfte eine zentrale Rolle“, sagte der Generalleutnant der dpa. Das sei mehr als ein Stolperdraht. Putin werde sich sehr gut überlegen müssen, wie die Reaktion ausfalle. Diese Erweiterung könnte schnell bewerkstelligt werden.

Bundeswehr und Nato-Eingreiftruppe: möglicherweise über 100.000 deutsche Soldaten notwendig

Das bedeuten die Pläne für die Nato-Länder: Doch der Ausbau der schnellen Eingreiftruppe ist noch Zukunftsmusik. Sollten die Nato-Mitglieder in Madrid den Umbau beschließen, wird einige Zeit ins Land gehen, bis diese bereit ist. Denn die Details für den Ernstfall sollen in neuen regionalen Verteidigungsplänen festgelegt werden, die im kommenden Jahr fertig sein sollen. Ob das angesichts der gefühlten Bedrohung durch Russland schnell genug ist, lässt sich nicht vorhersagen.

Hinzu kommt, dass die Mitgliedsstaaten der NRF erst das zusätzliche Personal und die Ausrüstung zur Verfügung stellen müssen. Das Beispiel Deutschland zeigt die große Dimension Herausforderung. Insgesamt stellt die Bundeswehr derzeit eigenen Angaben zufolge rund 13.600 Soldaten für die schnelle Eingreiftruppe der Nato bereit. Einschließlich nationaler Unterstützungskräfte unter anderem aus Sanitätsdienst, Logistik und Militärpolizei sind es sogar rund 16.800. 

Bei der Annahme, dass der NRF-Anteil der Bundeswehr gleich bleibt, wären das in Zukunft über 100.000 Soldaten. Dabei dienen derzeit in den deutschen Streitkräften insgesamt rund 185.000 Frauen und Männer.

Bundeswehr und Nato-Eingreiftruppe: große Ausrüstungsmängel müssen beseitigt werden

Hinzu kommt, dass diese Soldaten entsprechend ausgerüstet sein müssen. Doch derzeit sind die Mängel in der Bundeswehr eklatant. So lag laut dem Jahresbericht 2021 der Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) die Einsatzbereitschaft von Großgeräten teilweise nur knapp 50 Prozent. Auch bei alltägliche Ausrüstungsgegenständen wie Schutzwesten oder Winterjacken mangelt es, diese müssten mitunter erst in das Einsatzgebiet nachgeschickt werden.  

Zwar soll die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr mit dem Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro verbessert werden. Doch die Vergabeverfahren sind langwierig und die Produktion der hochtechnischen Geräte dauert. So sollen die 229 bis 350 neu zu bestellenden Puma-Schützenpanzer bis 2029 geliefert werden.

Russland und der Ausbau der Nato-Eingreiftruppe: Putin könnte sich zu neuen Drohungen veranlasst sehen

Wie reagiert Russland? Noch gibt es keine Reaktion von Waldimir Putin auf Stoltenbergs Ankündigung zum Ausbau der schnellen Nato-Eingreiftruppe. Durch diesen Schritt könnte sich der russische Präsident bedroht fühlen und sich seinerseits zu weiteren Drohgebärden veranlasst sehen, zum Beispiel im Streit um den Transitverkehr nach Kaliningrad. Putin könnte aber auch den Westen weiter unter Druck setzen, indem er die bereits reduzierten Energielieferungen weiter kürzt.

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