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„Sie haben mich gebrochen“: Bürgermeister und Rotes-Kreuz-Helfer schildern russische Gefangenschaft

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Von: Linus Prien

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Im Ukraine-Krieg sind unbestätigten Angaben zufolge 1.700 Ukrainer in Kriegsgefangenschaft. Ein Bürgermeister und Rot-Kreuz-Mitarbeiter berichten zuletzt darüber.

Melitopol - Russland soll unbestätigten Angaben zufolge 1.700 Ukrainer in Kriegsgefangenschaft halten. Immer wieder dringen nun auch Stimmen persönlich betroffener Menschen an die Öffentlichkeit – mit teils eindringlichen Schilderungen.

So berichtete der Bürgermeister der ostukrainischen Stadt Melitopol, Iwan Fedorow, der taz von seiner sechstägigen russischen Gefangenschaft: „Sie haben mir einen Sack über den Kopf gezogen, die Hände gefesselt und mich in eine Zelle gesteckt.“ Er sei dazu gezwungen worden, seinen Rücktritt als Bürgermeister zu unterschreiben. Fedorow war nach eigenen Angaben zwei Tage komplett von der Außenwelt isoliert. In seiner Nebenzelle sei jemand gefoltert worden; die russischen Soldaten seien fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es sich bei der Person um einen ukrainischen Soldat handelte.

Den russischen Truppen sei egal, wen sie vor sich hätten, urteilte Fedorow: „Ob ein Abgeordneter, ein Bürgermeister oder normale Bürgerinnen, für sie zählt ein menschliches Leben nicht.“

Ukraine-Krieg: Humanitäre Helfer gerieten in russische Kriegsgefangenschaft

Der Nachrichtensender n-tv zeigte unterdessen in einer Reportage die Geschichte zweier Helfer, die offenbar mehr als drei Wochen russische Gefangenschaft erleiden mussten. Wolodymyr Khropun und Yulia Ivannikova-Katsemon waren dem Bericht zufolge mit dem Roten Kreuz in der Ukraine als Helfer tätig. Dann seien sie von russischen Truppen gefangen genommen worden.

Khropun habe zu diesem Zeitpunkt seine offizielle Uniform getragen. Dennoch sei er in eine Gefangenenuniform gezwungen und mit verbundenen Augen in einem kalten Raum auf den Knien verhört worden. Seine Gefangenschaft sei ein Alptraum gewesen, schilderte er. Dennoch forderte der Helfer mit Blick auf die russischen Truppen: „Sie sollen auf zivilisierte Weise bestraft werden.“

Nach einer Woche Gefangenschaft mit 40 anderen Menschen in der Ukraine seien sie nach Belarus verschleppt worden, hieß es bei n-tv über die beiden Interviewten. Auch dort seien sie verhört worden. Ivannikova-Katsemon beschrieb, sie haben sich ausziehen müssen und sei nackt fotografiert worden. Dann sei sie mit Wasser überkippt und geschlagen worden.

Nach eigenen Angaben kamen die Gefangen nach über drei Wochen im Rahmen eines Austausches wieder frei. Ivannikova-Katsemon muss nun ein orthopädisches Korsett tragen und bekommt täglich Schmerzmittel gespritzt, wie sie selbst berichtete: „Sie haben mich gebrochen“. Seit Wochen sind Berichte über die Gewalt russischer Soldaten gegenüber Frauen bekannt.

Ukraine-Krieg: Lage in Melitopol „schrecklich“ - Bürgermeister erhebt Vorwürfe

Fedorow berichtete indes auch über die Lage vor Ort in der Ukraine. Die russischen Soldaten hätten damit gerechnet, in Melitopol willkommen geheißen zu werden. Dem Bürgermeister zufolge hatten die russischen Truppen 2014 in Luhansk und Donezk ebenjene Unterstützung auch bekommen. Doch 2014 hätten die Ukrai­ner „gesehen, was Russland ist“. Durch die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass habe es ein Umdenken gegeben. Das äußere sich in Melitopol durch friedliche Demonstrationen gegen die Besatzer, sagte Fedorow. Der Bürgermeister berichtete jedoch auch, dass auf die Demonstranten geschossen wurde: Am nächsten Tag seien noch mehr Demonstranten gekommen.

Die Lage in der ostukrainischen Stadt sei aber „schrecklich“. Dem Bürgermeister zufolge sind circa 75.000 Bürger in der Stadt verblieben. Die russischen Truppen verüben ihm zufolge Plünderungen. Sicherheit gebe es keine in der Stadt. Fedorows Einschätzung nach wissen die russischen Soldaten, dass sie nicht mehr lange bleiben werden: „Deshalb ist es heute ihre Aufgabe, so viel wie möglich zusammenzuraffen, sich die Taschen zu füllen, bevor sie wieder abziehen.“ Russische Soldaten sollen auch in Butscha Häuser geplündert haben und ihre Beute in die Heimat geschickt haben.

Ukraine-Krieg: Fedorow appelliert an Deutschland: „Wir brauchen Waffen, viele Waffen“

„Wir brauchen Waffen, viele Waffen. So viele, um diesen Krieg zu gewinnen. Denn dies ist nicht nur ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, sondern ein Krieg zwischen Russland und der gesamten zivilisierten Welt“, sagte Iwan Fedorow im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger. „Wie viele Kinder und Zivilisten müssen noch sterben?“, fragte er mit Blick auf die Bundesregierung. Deutschland und die ganze Welt hätten trotz der Annexion der Krim und des Donbass Geschäfte mit Russlands Machthaber Wladimir Putin gemacht. „Und heute kommen die Gewinne aus diesem Geschäft in Form von Panzern, Waffen und dem Blut unserer Kinder zu uns zurück“, sagte Fedorow. (lp/dpa)

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