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Russland und die Oligarchen: Wer sind sie – und welche Rolle spielen sie in Putins Reich?

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Von: Fabian Hartmann

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Oligarchen spielen in Russland eine große Rolle. Der Ukraine-Konflikt hat auch sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Wer sind sie und wie groß ist ihr Einfluss? Eine Annäherung.

München – Im Zuge des eskalierten Ukraine-Konflikts ist immer wieder von Oligarchen die Rede. Mit Sanktionen will der Westen sie gezielt schwächen. Doch was ist überhaupt ein Oligarch? Woher stammt der Begriff? Wie groß ist ihr Einfluss auf die russische Politik? Und was hat es mit den rätselhaften Todesfällen auf sich, von denen zuletzt so oft die Rede war?

Russische Oligarchen: Was steckt hinter dem Begriff?

Oligarchen sind – vereinfacht gesagt – „wenige Führer“. Damit ist eine kleine Gruppe gemeint, die über viel Einfluss verfügt. Oftmals handelt es sich um vermögende Personen, die Macht und Geld haben – und es für politischen Einfluss nutzen. Der Begriff Oligarch bezieht sich vor allem auf vermögende Menschen in Russland, Belarus und der Ukraine.

Allerdings gibt es Oligarchen auch in anderen Teilen der Erde. Dort werden sie anders genannt – zum Beispiel Wirtschaftsmagnat oder Tycoon. Je schwächer die demokratischen Strukturen in einem Land und je geringer der Grad an Rechtsstaatlichkeit, desto größer ist auch der Einfluss von Oligarchen.

Russische Oligarchen: Woher kommt ihr Reichtum?

Viele Oligarchen haben im Energie-Sektor, also durch den Verkauf von Öl und Gas, ein Vermögen angehäuft. In der Augsburger Allgemeinen definiert der Politikwissenschaftler Klaus Segbers von der Freien Universität Berlin (FU) Oligarchen als „eine kleine Gruppe von Menschen (20-25), die entweder Anfang der 90er-Jahre durch die Privatisierung von Staatseigentum reich und einflussreich oder nach 2000 als Freundeskreis Putins privilegiert wurden.“

Hintergrund ist, dass mit dem Zerfall der Sowjetunion viele Firmen in Russland privatisiert wurden. Einige Russen sind so zu großen Vermögen gekommen. Der Reichtum der Oligarchen ist also eng mit der russichen Innenpolitik verbunden. Dadurch sind Abhängigkeiten entstanden – die die Oligarchen auszunutzen wissen. Sie schaffen es, Druck auf die Politik zu machen und Entscheidungen in ihrem Sinne herbeizuführen.

Ukraine-Konflikt - Protest gegen den Krieg am Tegernsee
Protest am Tegernsee gegen Putins Krieg – und gegen Oligarchen. © Uwe Lein/dpa

Russische Oligarchen: Wie groß ist ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft?

Noch immer kontrollieren Oligarchen zahlreiche Teile der russischen Wirtschaft. Die chaotischen Verhältnisse nach dem Zerfall der Sowjetunion spülten sie nach oben. Auch zu den ersten demokratisch gewählten Regierungen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hatten sie enge Verbindungen. Korruption spielte dabei schon eine Rolle. Oligarchen sind vor allem in exportorientierten Branchen und den Medien vorzufinden – somit haben sie auch Einfluss auf das öffentliche Leben.

Auch unter Kremlchef Wladimir Putin, der erstmals im Jahr 2000 zum Präsidenten gewählt wurde, konnten die Oligarchen ihren Einfluss wahren. Und das, obwohl auch sie damals ins Visier der Ermittlungsbehörden gerieten. Der prominente Putin-Gegner Michail Chodorkowski wurde sogar ins Gefängnis gesteckt. Andere flohen aus Russland. Doch viele Oligarchen blieben dort, wo sie auch heute noch sind – an der Spitze der russischen Wirtschaft.

Russische Oligarchen: Wer sind die bekanntesten Köpfe – und wie hoch ist ihr Vermögen?

NameBrancheVermögen (in Milliarden Dollar)
Alexej MordaschowStahl29,1
Wladimir PotaninMetall27
Wladimir LissinStahl26,2
Vagit AlekperovÖl24,9
Leonid MikhelsonGas und Chemie24,9
Gennadi TimtschenkoGas und Chemie22
Alisher UsmanowErz, Stahl und Technologie18,4
Andrej MelnitschenkoKohle und Düngemittel17,9
Pavel DurovTechnologie17,2
Suleiman KerimovFinanzmarkt15,8

Die Aufzählung entstammt dem Wirtschaftsgazin Forbes. Insgesamt kommen die russischen Oligarchen auf ein Vermögen von mindestens 223 Milliarden US-Dollar (Stand:2021).

Russische Oligarchen: Welche Sanktionen treffen sie?

In der Theorie macht es die EU den Oligarchen nicht leicht. So wurde ihre Reisefreiheit eingeschränkt – und ihre Vermögen eingefrogen. Nur: Oft sind Briefkastenfirmen und Strohleite das Problem, die das Geld verschleiern. Die Oligarchen dahinter sind nicht immer erkennbar. Vor allem in Großbritannien soll es relativ leicht sein, Geldströme zu kaschieren.

Hart treffen soll Russlands Oligarchen auch der SWIFT-Ausschluss, also das Abklemmen russischer Banken von den internationalen Finanzströmen. Am Beispiel des aktuell reichsten Russen Alexej Mordaschow zeigt sich, dass die Sanktionen durchaus zielgenau wirken. Mordaschow hält fast ein Drittel der Aktien des deutschen Reisekonzerns Tui. Doch aktuell hat er darauf keinen Zugriff. Die Sanktionen wirken wie eine Brandmauer.

Russische OIigarchen: Wie stehen sie zum Krieg?

Der brutale russische Angriff auf die Ukraine hat ungewohnt scharfe Reaktionen bei den Oligarchen hervorgerufen. Einige kritisieren Präsident Putin ganz offen. In einem offenen Brief an Putin schrieb der Medienmogul Evgeny Lebedev: „Als Bürger Russlands bitte ich Sie, den Zustand zu beenden, in dem Russen ihre ukrainischen Brüder und Schwestern töten.“

Zuvor hatten auch die Milliardäre Oleg Deripaska und Oleg Tinkow deutliche Kritik am russischen Krieg in der Ukraine geübt. Der russische Geschäftsmann Michail Fridmann rief in einem Schreiben an die Mitarbeiter dazu auf, das Blutvergießen in der Ukraine zu beenden. Der russische Milliardär Oleg Tinkow wandte sich per Instagram an die Öffentlichkeit. Dort schrieb er, „Staaten sollten Geld für die Behandlung von Menschen und für die Krebsforschung ausgeben und nicht für Kriege“. Der Tod unschuldiger Menschen sei inakzeptabel.

Interessant sind die Statements der Wirtschaftsbosse vor allem vor dem Hintergrund, dass sie selten Kritik an der Politik der Regierung üben. Doch die Forderung nach einem schnellen Frieden scheint im Kreml bisher kein Gehör zu finden.

Russische Oligarchen: Was hat es mit den mysteriösen Todesfällen auf sich?

Insbesondere seit Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar häufen sich die mutmaßlichen Suizide russischer Oligarchen. So wurde bereits einen Tag nach der Invasion der hochrangige Gazprom-Mitarbeiter Alexander Tjuljakov tot in seinem Landhaus nahe St. Petersburg gefunden, wie das Portal Newsweek berichtet. Eine Notiz neben seinem Körper deutete in diesem Fall auf Selbstmord hin. Ein Einzelfall? Zumindest häufen sich die Todesfälle. Eine Übersicht:

Bereits bevor Wladimir Putin die Invasion in die Ukraine begonnen hatte, gab es ähnlich mysteriöse Todesfälle von Oligarchen aus Russland. So wurde Leonid Shulman, Top-Manager von Gazprom, im Januar tot in der Leningrad-Region aufgefunden, wie Newsweek berichtet. Auch hier wurde eine Nachricht gefunden, die auf Suizid hindeutet, wobei Gazprom selbst angekündigt hat, den Fall zu untersuchen.

Keiner der Fälle ist abschließend geklärt, allerdings steht der Verdacht im Raum, dass auch die EU-Sanktionen gegen Russland ein Grund für die Suizide gewesen sein könnten.

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