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Künstlerkollektiv spielt Russen Telefonstreiche – um Putins Machtzirkel „zu ärgern“

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Von: Bettina Menzel

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Präsident Wladimir Putin bei einem Telefongespräch im vergangenen Jahr. Wenn heute das Telefon klingelt, könnte ein Telefonstreich für Verwirrung sorgen.
Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Telefongespräch im vergangenen Jahr. Wenn heute bei ihm das Telefon klingelt, könnte ein Telefonstreich für Verwirrung sorgen (Archivbild). © Alexei Nikolsky / ITAR-TASS / Imago

Ein Künstlerkollektiv startete am Mittwoch eine Aktion, die „russische Zeit verschwenden“ soll. Die Zutaten sind 5000 Telefonnummern von russischen Offiziellen, eine Webseite - und viel Verwirrung.

Moskau - Scherzanrufe gegen den Krieg: Das Kunstkollektiv „The Obfuscated Dreams of Scheherazade“, kurz „TODS“ stellte am Mittwoch eine Webseite online, die selbst in Kriegszeiten für ein Schmunzeln sorgt. Auf wasterussiantime.today finden Besucher einen Button. Wenn sie den klicken, verbindet die Seite zwei russische Geheimdienstler, Politiker oder Militärs telefonisch miteinander. Das soll im Ukraine-Konflikt „russische Zeit verschwenden“ und die Angerufenen verwirren.

Aktion gegen Ukraine-Krieg: 5000 Telefonnummern von Geheimdienstmitarbeitern, Duma-Abgeordneten und Militärs

Bereits am 26. Februar - zwei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine - hatten die Künstler eigenen Angaben zufolge die Idee zu der Aktion. Ein Leak von 5000 Telefonnummern von Duma-Abgeordneten, Geheimdienstmitarbeitern und Militärangehörigen war den Aktivisten von TODS in die Hände gefallen. Ob auch die Nummer des russischen Präsidenten Wladimir Putin darunter ist, war zunächst nicht bekannt.

Die am Mittwoch veröffentlichte Webseite der Künstler automatisiert Scherzanrufe. Wer auf einen Button klickt, startet damit eine Telefonkonferenz zwischen zwei zufällig ausgewählten Nummern aus dem Leak. Nach Angaben der Kunstaktivisten erfolgt das komplett anonym. Der Clou: Wer auf den Knopf drückt, kann den beiden - vermutlich verwirrten - Gesprächspartnern zuhören. TODS gibt an, dass die unfreiwilligen Teilnehmer der Telefonkonferenz nicht bemerken, dass jemand ihrem Gespräch lauscht. Eine Interaktion mit den russischen Anrufern ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

Ukraine-Aktion mit ernstem Hintergrund: „Wer am Telefon hängt, kann keine Bomben abwerfen“

Die Aktion mit den geleakten Telefonnummern ist nicht legal. Doch die Künstler halten ihre „interaktive Performance-Installation“ für legitim, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. „Wir sind militante Pazifisten. Wir wählen gewaltfreie Methoden, um gegen diesen Krieg zu kämpfen. Deshalb haben wir uns für diese zivile, friedliche Intervention entschieden“, heißt es in einer Mitteilung der Künstlergruppe. Die Aktion soll für „etwas Schönheit auch in dunkelsten Zeiten“ sorgen.

„Dieser Krieg begann in Moskau und St. Petersburg, im Machtzirkel von Putin, und den wollen wir ärgern und stören“, so die Aktivisten gegenüber dem Online-Magazin Wired. Die Zeitverschwendung von russischen Offiziellen hat allerdings einen ernsten Hintergrund. „Wer am Telefon hängt, kann keine Bomben werfen und keine Soldaten koordinieren.“, heißt es dazu auf der Webseite.

Ukraine im Cyberkrieg: Woher die 5000 Telefonnummern kommen - und wie gut die Telefonstreich-Webseite wirklich funktioniert

Der Ukraine-Konflikt ist auch ein „Cyberkrieg“. Nach dem Beginn des russischen Überfalls starteten Hacker - darunter auch das Kollektiv Anonymous - eine beispiellose Kampagne von Operationen gegen russische Organisationen, von denen einige zum Diebstahl und Durchsickern von Hunderten Gigabyte russischer E-Mails und anderer privater Informationen führten, wie Wired berichtet. Teilweise veröffentlichte die ukrainische Regierung selbst die Namen und Kontaktdetails von russischen Geheimdienstlern.

Bevor die Seite der TODS-Künstler am Mittwoch online ging, testete Wired die Funktionalität. Bei rund zwölf Testanrufen nahm in der Hälfte der Fälle eine verwirrt wirkende Person ab. Nur in einem Fall wurden tatsächlich zwei Personen miteinander verbunden, wobei eine bereits aufgelegt hatte, bevor die andere zu reden begann - wohl aufgrund einer Verzögerung. Man untersuche ein mögliches Latenzproblem, bestätigte ein Aktivist vor dem Start der Webseite.

Das Kunstkollektiv „The Obfuscated Dreams of Scheherazade“ arbeitete eigenen Angaben zufolge intensiv daran, die Webseite gegen russische Hacker zu wappnen. Ihnen ist jedoch bewusst, dass sie den Angriffen nicht ewig standhalten können. „Wir glauben, dass das ganze System nicht ewig leben wird; eines Tages wird es wahrscheinlich blockiert“, sagte einer der Aktivisten gegenüber Wired. Denn auch Russland hat eine Armee aus Hackern, die immer wieder Angriffe startet und nach Einschätzung von Sicherheitsexperten sogar die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens teilweise aushebeln könnte. Am Mittwochabend (Stand 21.00 Uhr) war die Seite jedenfalls noch online - und der Zähler zeigte bereits über 5000 getätigte Anrufe an.

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