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Menschenhandel an Ukraine-Grenze? „Nachfrage nach Frauen und Kindern ist enorm gestiegen“

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Von: Christina Denk

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Seit Beginn des Ukraine-Krieges sind mehr als vier Millionen Menschen geflüchtet. Experten warnen vor Menschenhandel. Aktuell flüchtende Ukrainerinnen seien besonders gefährdet.

Kiew - Menschenhändler an den Grenzen zur Ukraine: Seit Beginn der Fluchtbewegung aus der Ukraine wird immer wieder vor Menschenhandel und Zwangsprostitution der flüchtenden Ukrainer gewarnt. Aktuell spitze sich die Lage im eskalierten Ukraine-Konflikt noch einmal zu, schätzte nun Dietmar Roller, Vorsitzender der Organisation International Justice Mission, die Lage ein. Vor allem die Hilflosesten, die zu Fuß flüchten, seien gefährdet.

Flucht aus der Ukraine: Menschenrechtler beschreibt Szenen an der Grenze

„Eine freiwillige Mitarbeiterin beobachtete kürzlich einen Mann, der die Großmutter einer 16-Jährigen überzeugen wollte, ihm das Mädchen mitzugeben. Er habe keinen Platz für alle im Auto, doch das Mädchen sei sicher und könne in Berlin arbeiten. Unsere Mitarbeiterin hat das verhindert, der Mann verschwand“, so beschreibt Dietmar Roller im Interview mit dem Spiegel die Situation der flüchtenden Ukrainerinnen. Die beschriebenen Männer würden mit Kleinbussen an die Grenze oder Busbahnhöfe fahren, um dort gezielt Frauen anzusprechen und ihnen tolle Jobs in London, Madrid oder Deutschland in Aussicht zu stellen.

Eine freiwillige Mitarbeiterin beobachtete kürzlich einen Mann, der die Großmutter einer 16-Jährigen überzeugen wollte, ihm das Mädchen mitzugeben.

Dietmar Roller (Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation International Justice Mission)

Die Menschenrechtsorganisation International Justice Mission versucht gezielt Aufklärung zu betreiben. Neben enger Zusammenarbeit mit dem BKA, LKA und Europol-Polizeibehörden will die Organisation dem Interview zufolge Helfer und Flüchtende vor Ort mit Flyern und Durchsagen sensibilisieren.

Gefahr des Menschenhandels an ukrainischer Grenze: Eine Gruppe besonders gefährdet

Die Warnung vor Menschenhandel scheint derzeit besonders dringend. In der ersten Flüchtlingswelle seien viele Frauen noch in ihren eigenen Autos geflohen, so Roller. Aktuell kämen in einer zweiten Welle jedoch vor allem unbegleitete Frauen zu Fuß, die alles verloren haben und die Landessprache nicht sprechen. „Ihre Widerstandskräfte sind erschöpft. Sie sind erst mal dankbar für jede Hilfe. Das wissen die Menschenhändler genau und nutzen es aus“, warnt Roller.

Besonders betroffen seien junge Frauen. „Wir sehen aber auch online eine verstärkte sexuelle Ausbeutung von Kindern“, so Roller im Interview.

Viele Frauen und Kinder fliehen alleine aus der Ukraine. Menschenrechtler warnen vor Menschenhandel an bestimmten Grenze. Hier eine Aufnahme Anfang April aus Medyka.
Viele Frauen und Kinder fliehen alleine aus der Ukraine. Hier eine Aufnahme Anfang April aus Medyka. Menschenrechtler warnen vor Menschenhandel an bestimmten Grenze. © Sergei Grits/dpa

Ukrainer fliehen entlang der „Routen der Menschenschmuggler“ - Etablierte Netzwerke in Osteuropa

Ein weiterer Punkt, der die Gefahr verstärkt: Die Menschen fliehen aktuell „genau entlang der Routen der Menschenschmuggler, die schon zuvor etabliert waren. Es gibt dort die gut organisierten, großen Netzwerke, die etwa in Rumänien, Bulgarien, Moldau und der Ukraine arbeiten und in den deutschen Rotlichtvierteln aktiv sind.“ Unter anderem in die Republik Moldau flohen seit Beginn des Ukraine-Kriegs viele Ukrainer.

Neben den etablierten Netzwerken gibt es laut Roller auch kleinere Strukturen, die die Frauen ansprechen. Die Nachfrage, so makaber es klingt, sei seit Kriegsbeginn gewachsen. „Wir wissen von Pornoseiten, Freierforen und dem Darknet: Die Nachfrage nach Frauen und Kindern aus der Ukraine ist enorm angestiegen“, so Roller.

Auch in Deutschland, beispielsweise am Bahnhof in Berlin, sei die Lage anfangs schwierig gewesen. „Es gab keine Kontrollen, Missbrauch waren Tür und Tor geöffnet“, so Roller. „Die Geflüchteten wurden nicht einmal registriert. Das ist extrem gefährlich.“ Auch der Jurist Dr. Kramer, dessen Familie vor dem Krieg in der Ukraine floh, sprach über die Situation.

Kontrollen sollen Menschenhandel verhindern - doch Nachweise sind erst in vielen Monaten möglich

Mittlerweile werden die Flüchtlinge in vielen europäischen Ländern registriert. „Die Maßnahmen zum sicheren Grenzübertritt und die Ausstellung von humanitären Visa, die viele europäische Länder rasch ergriffen haben, bieten vorübergehenden Schutz und verringern die Notwendigkeit, auf Schlepper zurückzugreifen, enorm“, sagt Ilias Chatzis, Leiter der UNODC-Sektion Menschenhandel. „Aber das Risiko des Menschenhandels wird kurzfristig nicht verschwinden“, warnt er.

Wirklich nachweisen kann man den befürchteten Menschenhandel zudem wohl erst in sechs bis acht Monaten. „Man kann Menschenhandel erst nachweisen, wenn er passiert ist“, erklärt der Vorsitzende der International Justice Mission. Eine vergleichbare Situation gab es während des Jugoslawienkriegs: „Damals gab es eine ähnliche Fluchtbewegung. Ein Jahr später war klar, dass zahlreiche Frauen aus Bosnien in den Bordellen Europas gelandet waren.“ Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg gibt es im News-Ticker zur militärischen Lage. (chd)

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