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Ukraine-Minister verkündet neue Strategie: „Antwort auf die Fleischwolf-Taktik“

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Von: Felix Durach

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Die ukrainischen Streitkräfte scheinen im Krieg gegen Russland ihre Strategie zu ändern. Die Explosionen auf der Halbinsel Krim könnten die ersten Vorboten gewesen sein.

Kiew – Der Ukraine-Krieg könnte zum wiederholten Mal eine neue Phase erreicht haben. Knapp sechs Monate nach dem Beginn der russischen Invasion bewegen sich die russischen Streitkräfte an den Frontlinien kaum noch voran. Für die Eroberung der Region Luhansk hatte das russische Militär extrem viele Ressourcen aufwenden müssen. Gerade bei den Kämpfen um die Städte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk stießen die russischen Truppen auf erbitterten Widerstand und mussten hohe Verluste in Kauf nehmen. Das US-Verteidigungsministerium schätzt die Zahl der russischen Verluste seit Kriegsbeginn bisher auf bis zu 80.000.

Erschwert wird die Lage der russischen Streitkräfte an der Front auch durch die andauernden Lieferungen von westlichen Waffensystemen. Gerade mit den gelieferten Himars-Mehrfachraketenwerfern ist es den ukrainischen Streitkräften nun möglich, russische Ziele weit hinter der Frontlinie ins Visier zu nehmen. Für Kiew ist jetzt offenbar der richtige Zeitpunkt, um die Strategie anzupassen.

Ukrainische Soldaten der Aufklärungsgruppe «Fireflies» springen von der Ladefläche eines Pickups an der Frontlinie in der Region Mykolajiw.
Das ukrainische Militär hat offenbar seine Taktik im Krieg gegen Russland geändert. (Symbolbild) © Evgeniy Maloletka/dpa

Ukraine-Krieg: Verteidigungsminister Resnikow erklärt neue Strategie – Antwort auf „Fleischwolf-Taktik“

Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow erklärte in einem Interview mit der Washington Post, dass den ukrainischen Streitkräften aktuell noch Waffen und Munition fehlen würden, um eine großangelegte Gegenoffensive zu starten. Deswegen müsse Kiew sich nun anderer Taktiken bedienen: Gezielte Angriffe, die weit hinter den Frontlinien durchgeführt werden sollen. „Wir verwenden eine Strategie, um ihre Bestände zu ruinieren, ihre Depots zu ruinieren, ihre Hauptquartiere und Kommandostützpunkte zu ruinieren“, erklärte Resnikow. „Das ist unsere Antwort auf ihre Fleischwolf-Taktik.“

Einen ersten Vorgeschmack auf diese neue Taktik könnte Moskau bereits erfahren haben. In der vergangenen Woche wurde Russland von einer schweren Explosion auf der annektierten Halbinsel Krim überrascht. Die Detonation auf einem Flugplatz zerstörte mehrere Flugzeuge der russischen Schwarzmeerflotte und war auch für russische Touristen an einem naheliegenden Strand gut sichtbar. Die Krim galt bis dahin als weitestgehend sicher. Zum Beginn dieser Woche wurden erneut mehrere Explosionen von der Schwarzmeerhalbinsel gemeldet. Die Ziele diesmal: Munitionsdepot, Stromleitungen und Schienen.

Am Strand von Saky steigt Rauch nach einer Explosion auf. Auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ist Munition auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt explodiert.
Am Strand von Saky steigt Rauch nach einer Explosion auf. Auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ist Munition auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt explodiert. © Uncredited/dpa

Explosionen auf der Krim Teil der ukrainischen Taktik? Verteidigungsminister äußert sich kryptisch

Der Kreml spricht mit Blick auf die Vorfälle von einem Sabotageakt und von Terrorismus. Es soll wohl der Eindruck verhindert werden, dass es sich bei den Explosionen um koordinierte Aktionen des ukrainischen Militärs gehandelt hat. Resnikow wollte eine ukrainische Verantwortung, für die Explosionen, gegenüber der Washington Post weder bestätigen noch dementieren.

Die Krim sei laut dem Verteidigungsminister jedoch ein erklärtes Ziel der Strategie. „Sie haben ihre vollen Munitionslager auf der Krim und liefern sie in den Süden der Ukraine, auf das Festland. Also müssen wir sie zerstören, wie wir es in der Kiewer Kampagne getan haben, um ihre Nachschubwege zu unterbrechen“, erklärt Resnikow. Mit einer ähnlichen Taktik hatte das ukrainische Militär, die russischen Truppen zu einem Rückzug von der Hauptstadt Kiew gezwungen.

Selenskyj-Berater: Ukraine will „Chaos unter den russischen Streitkräften“ verursachen

Das Ziel des ukrainischen Militärs sei es, „Chaos unter den russischen Streitkräften“ zu verursachen, bestätigte auch Mykhailo Podolyak im Gespräch mit dem Guardian. Der 50-Jährige gilt als enger Vertrauter und Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Podolyak sprach davon, dass es innerhalb der „nächsten zwei bis drei Monate“ zu weiteren Angriffen kommen könnte, die den Vorfällen auf der Krim ähneln könnten. Bereits nach den Explosionen am Dienstag schrieb Podolyak auf Twitter von einem „erhöhten Todesrisiko für Invasoren und Diebe“ auf der Halbinsel.

Der Präsidentenberater weist ebenfalls darauf hin, dass die ukrainische Taktik einen Gegenentwurf zu Russlands Offensive darstellen würde. „Russland hat jedem beigebracht, dass eine Gegenoffensive riesige Mengen an Streitkräften erfordert, wie eine riesige Faust, und nur in eine Richtung geht“, sagte er, aber „eine ukrainische Gegenoffensive sieht ganz anders aus. Wir verwenden nicht die Taktiken der 60er und 70er Jahre, des letzten Jahrhunderts.“

Neue Strategie im Krieg gegen Russland: Ukraine plant weitere Angriffe hinter der Frontlinie

Das Ziel Kiews sei es einerseits, die russischen Versorgungswege zu unterbrechen und somit Nachschübe an die Front zu verhindern. Gleichzeitig sollen die russischen Streitkräfte durch die Angriffe hinter der Frontlinie beschäftigt werden, sodass sie sich nicht mehr voll auf die Kämpfe an der Front fokussieren können. Von dieser Kombination erhofft Kiew sich die Möglichkeit für Vorstöße in die durch Russland eroberten Gebiete. Die Wiedereinnahme der strategisch wichtigen Stadt Cherson gilt dabei als erklärtes Zwischenziel.

Dass der Ukraine-Krieg in der aktuellen Phase am Verhandlungstisch beendet werden könnte, ist für Podolyak ein unrealistisches Szenario. Konstruktiven Verhandlungen mit Moskau müssten zunächst militärische Niederlagen für die russischen Truppen vorausgehen. „Russische Ohren gehen nur auf, wenn ein riesiger militärischer Schläger den Russen auf den Kopf schlägt“, so der Präsidentenberater. (fd)

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