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Militärexperten zweifeln an ukrainischer Gegenoffensive – machen aber möglichen „Gamechanger“ aus

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Ukraine-Krieg
Ukrainische Soldaten bei einer Militärübung (Archivbild): Experten halten einen „Gamechanger“ bei der russischen Invasion für möglich. © Uncredited/Ukrainian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Im Ukraine-Krieg will Kiew die von Russland besetzten Gebiete mit Gegenoffensiven befreien. Doch Militärexperten verweisen auf Hürden.

Kiew/München - Die Truppen des russischen Machthabers Wladimir Putin besetzten bereits zu Beginn des Ukraine-Krieges die Region Cherson im Süden des Landes. Dort planen pro-russische Behörden unter Aufsicht von Moskau jetzt offenbar Referenden zur Annexion des Gebiets. Kiew will dies allerdings nicht erlauben und beeilt sich nun mit einer Gegenoffensive, um das Gebiet zu befreien.

Könnte die geplante Offensive der Ukraine tatsächlich das Blatt wenden und das russische Militär zurückschlagen? Militärexperten sind skeptisch. Dennoch sprechen sie von einem „Gamechanger“, der die militärische Situation in der Ukraine maßgeblich beeinflussen könnte.

Ukraine-News: Experte Neitzel skeptisch über geplante Ukraine-Gegenoffensive - „Voraussetzungen fehlen“

Gegenüber der Welt-Zeitung sprach der Militärexperte Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, Klartext mit Blick auf die ukrainischen Pläne. Zwar könnten die Ukrainer örtlich Erfolge erzielen. „Für eine groß angelegte Gegenoffensive fehlen meines Erachtens aber alle Voraussetzungen“, so der Experte. Die „quantitative und qualitative Überlegenheit“ sei nicht gegeben, führte er weiter aus.

Neitzel nahm zudem eine Unterscheidung zwischen Verteidigung und Angriff vor. Letzteres sei im großen Stil viel schwieriger. „Nach allen Informationen, die mir vorliegen, fehlen den ukrainischen Streitkräften dazu eben nicht nur die Waffen wie moderne Panzer, mehr Artillerie und Munition, mehr Kampfflugzeuge, sondern auch die taktischen Fertigkeiten“, begründete er seine Skepsis über die ukrainische Gegenoffensive.

Ukraine-News: Militärexperte Masala macht auf Ausrüstungsengpass der ukrainischen Armee aufmerksam

Ähnlich äußerte sich der Militärexperte Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. Auch er hält den Erfolg einer großangelegten ukrainischen Gegenoffensive für unwahrscheinlich. Stattdessen solle es der Ukraine um „stichpunktartige Gegenoffensiven im Süden“ gehen. „Nadelstiche mit dem Versuch, die massive Konzentration russischer Truppen im Donbass auszudünnen, weil dann Truppenteile zur Verstärkung in den Süden geschickt werden müssten“, erklärte Masala.

Die angekündigte Offensive mit einer Million Soldaten werde aber nicht viel bringen, da man die Truppen zunächst etwa ausbilden müsse. Masala erwähnte ebenfalls den Engpass der Ukraine bei militärischer Ausrüstung: „Hinzu kommt, dass die Ukraine nicht über ausreichend Gerät verfügt, um Territorium zu erobern. Sie verfügt über Gerät, um die Russen auf Distanz zu halten, sie zu zermürben, Dinge weit hinter den russischen Linien zu zerstören.“

Ukraine-News: Westliche Kampfflugzeuge und Panzer für Kiew? - „könnte Gamechanger sein“

Die Ukraine ist stark auf westliche Waffenlieferungen angewiesen, um sich gegen die russische Invasion verteidigen zu können, geschweige denn eine Gegenoffensive starten. Auch Deutschland liefert Waffen. Masala verwies im Gespräch mit der Welt etwa auf die US-Mehrfachraketenwerfer „Himars“ oder die deutsche „Panzerhaubitze 2000“. Bald könnte aber durchaus noch schwereres Kriegsgerät geliefert werden. Der Militärexperte stellte in Verbindung damit einen „Gamechanger“ in Aussicht.

„Wir kommen dann auch in die Debatte um Kampfpanzer und Kampfflugzeuge für die Ukraine“, so Masala. In den USA gebe es Berichte über Diskussionen zur möglichen Ausbildung von ukrainischen Piloten an westlichen Kampfflugzeugen. „Das könnte wirklich ein Gamechanger sein, wenn moderne westliche Kampfpanzer und Kampfflugzeuge da wären“, unterstrich der Militärexperte.

Neitzel zufolge wird Russland den westlichen Waffenlieferungen jedoch keineswegs tatenlos zusehen. „Russland wird sicher versuchen, die modernen westlichen Artilleriesysteme auszuschalten – etwa mit Hilfe von Drohnen aus dem Iran“, erklärte er. Spekulationen über die Lieferung von iranischen Drohnen an Russland dauern weiterhin an. Der Iran hatte dies zuletzt dementiert. „Sie werden also taktische Anpassungen vornehmen“, fügte Neitzel außerdem hinzu. Dass sich der „Charakter des Krieges“ in den nächsten Wochen verändern wird, erwarte er aber nicht. (bb)

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