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„Korrupt und bankrott“: Ex-General zerlegt Putins Armee – „bewaffnete Gruppe von Schlägern“

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Von: Felix Durach

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Die russische Armee agiert im Ukraine-Krieg mit erschreckender Brutalität - für einen Militär-Experten ein schlechtes Zeichen für den generellen Zustand der Truppe.

Moskau – Die russischen Streitkräfte agieren im Ukraine-Krieg immer mehr mit einer extremen Brutalität. Unabhängige Beobachter werfen ihnen eine zunehmende Zahl an Kriegsverbrechen vor. Das Massaker in dem Kiewer Vorort Butscha und die Bombardierung des Theaters in Mariupol sind nur zwei der schrecklichen Verbrechen in den ersten Kriegsmonaten.

Am vergangenen Freitag folgte die jüngste Meldung eines vermeidlichen Kriegsverbrechen. Bei einem Angriff auf ein Gefangenenlager in der Region Donezk kamen mindestens 50 ukrainische Kriegsgefangene ums Leben. Der Kreml macht ukrainische Mehrfachraketenwerfern für den Angriff verantwortlich, untersagt jedoch zeitgleich dem Komitee des Internationalen Roten Kreuzes den Zugang zu der zerstörten Baracke. Militäranalysten sehen das russische Militär für den Angriff verantwortlich.

Ukraine-News: Human Rights Watch berichtet von Kriegsverbrechen – russische Soldaten sollen Gefangene foltern

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach zuletzt in einem Bericht von diversen Kriegsverbrechen durch die russischen Streitkräfte. Putins Soldaten würden Zivilisten und Kriegsgefangene in den südlichen Regionen Cherson und Saporischschja foltern, so die Organisation. „Russische Truppen haben die besetzten Gebiete der Südukraine in einen Abgrund der Angst und wilden Gesetzlosigkeit verwandelt“, lies Human Rights Watch weiterhin verlauten.

Einen Eindruck der Folterungen erhielt die internationale Öffentlichkeit zuletzt in einem veröffentlichten Video, das zeigen soll, wie ein russischer Soldat einen ukrainischen Kriegsgefangenen erst würgt und anschließend kastriert. Das brutale und gegen die Genfer Konventionen verstoßende Vorgehen der russischen Truppen scheint bei weitem kein Einzelfall zu sein.

Russische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straße nahe der Grenze zwischen Russland und der Ukraine mit.
Russische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straße nahe der Grenze zwischen Russland und der Ukraine mit. © Anton Vergun/dpa

Ex-General über russische Kriegsverbrechen - mehr als „nur Krieg“

Die extreme Brutalität, mit der die russischen Streitkräfte in der Ukraine vorgehen, ist für den Militär-Experten Mick Ryan sinnbildlich für den Zustand von Putins Armee. Ryan ist ehemaliger General in der australischen Armee und arbeitet seit seinem Ausscheiden aus der Truppe als Autor und Militäranalyst. Für das australische Nachrichtenportal ABC News wirft der Experte in regelmäßigen Abständen einen Blick in die Ukraine und hilft dabei, die Lage einzuordnen.

„Ein kleiner Teil der Bevölkerung würde diese Taten vielleicht als ‚nur Krieg‘ abtun“, erklärt Ryan in seiner Analyse mit Blick auf die Taten. Jedoch würden die von russischen Soldaten ausgeübten Gräueltaten gegen geltendes Recht verstoßen, das Soldaten und Kriegsgefangene schützen sollte. Gerade der Umgang mit Kriegsgefangenen ist in den Genfer Konventionen von 1949 klar festgelegt, die auch von Russland unterzeichnet wurden.

Militärexperte: Russisches Militär ist „professionell korrupt und moralisch bankrott“

Sollten sich die Berichte über russische Kriegsverbrechen als wahr erweisen, so gäbe dies Ryan zu Folge einen guten Einblick in die Struktur der russischen Armee. „Diese Vorfälle würden suggerieren, dass die in den letzten Jahrzehnten unternommenen Reformen in der russischen Armee darin gescheitert sind, eine moderne, effektive und ethische militärische Institution zu erzeugen“, so der Analyst. Die von Verteidigungsminister Sergei Schoigu und General Waleri Gerassimow unternommenen Schritte hätten viel mehr eine Organisation geformt, die „professionell korrupt und moralisch bankrott“ ist.

Die militärische Führungsriege Russland: Präsident Wladimir Putin (m.) gemeinsam mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu während einer Parade in Moskau.
Die militärische Führungsriege Russland: Präsident Wladimir Putin (m.) gemeinsam mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu während einer Parade in Moskau. © OLGA MALTSEVA/AFP

Ex-General sieht Probleme im russischen Militär – Putins Armee eine „bewaffnete Gruppe von Schlägern“

Alles, was die Reformen bewirkt hätten, wäre „vergleichsweise neues Equipment an eine Institution zu geben, die in antiken Denkweisen über Kriegsführung hängen geblieben ist“. Ryan sieht in dem Verhalten der russischen Armee auch einen starken Effekt auf den weiteren Kriegsverlauf. „Eine Armee, die explizit oder implizit solches Verhalten toleriert, wird niemals dazu fähig sein, als effektive und zusammenhängend Streitmacht zu kämpfen“, prognostiziert der Ex-General. Ryan fügt weiter hinzu: „Eine Armee, die mit einem ‚Alles ist erlaubt‘-Ethos agiert ist keine Armee. Sie ist nicht besser als eine bewaffnete Gruppe von Schlägern.“

Die Aussagen des australischen Experten decken sich auch mit den Einschätzungen des US-amerikanischen Historikers und Yale-Professors Timothy Snyder. Der wunderte sich in der vergangenen Woche in seinem persönlichen Blog, über die wenig ausgereiften Strategie der russischen Streitkräfte in der Südukraine. „Ich muss feststellen, dass Russland im Großen und Ganzen unfähig war, im Mai und Juni Vorteile aus dem vergleichsweise günstigen Terrain im Südosten der Ukraine zu gewinnen.“ Dort erreichte Moskau nur langsam Fortschritte, obwohl die ukrainischen Streitkräfte noch nicht mit westlichen Waffensystemen ausgerüstet worden waren.

Putins Rhetorik als Auslöser für Brutalität der Soldaten? Dehumanisierung der Ukrainer

Als Auslöser für die Kriegsverbrechen und Gewalttaten durch russischen Streitkräfte sieht Ryan klar die Rhetorik von Präsident Wladimir Putin im Vorlauf des Kriegs. Dieser hatte wiederholt betont, dass die Ukraine kein echtes Land sei und historisch als Teil der Sowjetunion anzusehen sei. Dadurch bediene der Präsident einen Prozess der Dehumanisierung, der sich durch die gesamte Kommandostruktur ziehe.

Am Mittwoch hatte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, angekündigt, ein Team von unabhängigen Gutachtern zu berufen, die sich mit dem Angriff auf das Gefängnis in Donezk befassen sollen. Eine unabhängige Aufklärung der Kriegsverbrechen in der Ukraine wäre ein erster Schritt in einem langwierigen Prozess, die Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen. (fd)

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