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„Putin braucht einen Sündenbock“: Kreml-Insider sehen Anzeichen für Intrige gegen Schoigu

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Von: Stephanie Munk

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Es läuft schlecht für Russland im Ukraine-Krieg. Bald könnte Putin seinen Verteidigungsminister Schoigu als Schuldigen präsentieren, glauben Insider - zugunsten radikalerer Kräfte.

Moskau - Fast täglich vermeldet die Ukraine derzeit die Befreiung ukrainischer Dörfer oder Städte von russischer Besatzung - auch in Gebieten, die der Kreml bereits offiziell als russisches Territorium deklariert hat. Es sind Nachrichten, die Wladimir Putin und die Führungsriege in Russland in Rage versetzen müssen. Nach sieben Monaten Ukraine-Krieg scheint die russische Armee schwächer denn je.

Selbst Verantwortung dafür übernehmen wird Putin, der am 24. Februar den Angriffskrieg auf das Nachbarland befehligte, wohl nicht. Er braucht offenbar einen Schuldigen. Laut verschiedener Quellen mehren sich die Hinweise, dass Verteidigungsminister Sergej Schoigu dafür herhalten soll - und stattdessen noch radikalere Kriegsbefürworter das Kommando im Ukraine-Krieg übernehmen werden.

Ukraine-News: Putin macht Kadyrow zum Generaloberst - kein gutes Zeichen für Schoigu

Ein bedeutungsschweres Zeichen dafür sendete Putin am Mittwoch (5. Oktober), als er den berüchtigten Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow zum Generaloberst im Ukraine-Krieg ernannte - ausgerechnet den Mann, der das russische Verteidigungsministerium und damit indirekt auch Minister Schoigu seit Wochen mehr oder minder offen attackiert.

Wiederholt hat Kadyrow laut der russischen Internetzeitung Meduza betont, dass seine tschetschenischen Kämpfer im Ukraine-Krieg sehr viel besser kämpfen würden als der Rest der russischen Armee und sogar bereit sei, „Kiew morgen einzunehmen, wenn Putin das befiehlt.“

Besonders aggressiv gegenüber Schoigu sei eine Sprachnachricht Kadyrows gewesen, die er im September an seine 2,4 Millionen Follower auf Telegram sandte, berichtet RTL/ntv. Darin habe er „Fehler“ russischer Generäle angeprangert und wetterte, falls dies so bleibe, „werde ich gezwungen sein, mich an das Verteidigungsministerium und die Führung des Landes zu wenden, um die vor Ort herrschende Lage zu erläutern.“ Ein anderes Mal habe er via Telegram bemängelt: „Für Vetternwirtschaft ist in der Armee kein Platz, schon gar nicht in schwierigen Zeiten.“

Analysten glauben: Sobald Putin Schoigu nicht mehr als Sündenbock braucht, könnte er ihn feuern

Ist also die Beförderung des Schoigu-kritischen Tschetschenenpräsidenten ein Hinweis auf eine Intrige gegen den Verteidigungsminister? Das „Institute for the Study of War“ (ISW), das regelmäßig Analysen zum Ukraine-Krieg veröffentlicht, schreibt, dass die innenpolitische Kritik an der Teilmobilisierung Putin tatsächlich dazu bringen könnte, sein Verteidigungsministerium - und insbesondere Schoigu - zum Sündenbock zu machen.

Der Präsident würde bereits beginnen, sich rhetorisch von Schoigu distanzieren, heißt es im jüngsten Bericht. Zum Beispiel, als er am 5. Oktober Anpassungen bei den Regeln der Teilmobilisierung verkündete, mit dem Hinweis, dies sei nötig, „weil das Verteidigungsministerium es versäumt hat, den Gesetzesrahmen zeitnah zu ändern“.

Mit der endgültigen Entlassung Schoigus werde Putin wahrscheinlich noch warten, glauben die ISW-Analysten - so lange er den Verteidigungsminister noch brauche, um ihn für die militärischen Fehler seiner Armee verantwortlich zu machen. Gegenüber RTL/ntv sagte ein hochrangiger russischer Diplomat: „Putin wird bald einen Sündenbock präsentieren müssen, um nicht selbst ins Fadenkreuz der internen Kritik zu geraten.“ Ein Duma-Abgeordneter hätte Mitte September sogar bereits vorgeschlagen, Verteidigungsminister Schoigu vorzuladen und zu vernehmen.

Radikale Kriegstreiber hegen Groll gegen Schoigu

Russische Militärblogger halten mit ihrer Kritik an Schoigu seit den russischen Niederlagen jedenfalls nicht hinterm Berg: Anastassija Kaschewarowa, einflussreiche Bloggerin und ehemalige PR-Chefin des Duma-Vorsitzenden Wjatscheslaw Wolodin, forderte auf Telegram Antworten von Schoigu: „Weiß der Präsident von den Vorfällen? Wer berichtet ihm? Wo ist die Ausrüstung? Wo sind die (Panzer) Armata? Wo ist alles? Wie konnte das passieren? Eingesackt? Verkauft? Wo ist es hin? Gab es das überhaupt?“

Auch Jewgeni Prigoschin, bekannt unter der Spitznamen „Putins Koch“, weil sein Unternehmen einst Caterer des Kreml war - gilt als einflussreicher Schoigu-Kritiker: Wie die russische Internetzeitung Meduza unter Berufung auf zwei Kreml-nahe Quellen schreibt, hegt Prigoschin, inoffizieller Chef der Wagner-Gruppe, seit langem Groll gegen Schoigu. Er denke, die Armee nutze altmodische Methoden im Gegensatz der effektiven privaten Söldner-Gruppe. „Schoigu und seien Generäle glauben dagegen, dass die private Sicherheitstruppe alles nur durcheinander bringt“, heißt es in dem Artikel.

Ukraine-News: Feuert Putin bald Schoigu? Es müsste ein jahrzehntelanger Minister gehen

Sollte der 67-Jährige tatsächlich als Sündenbock herhalten und gestürzt werden, würde ein langjähriger russischer Politiker gehen: Der gelernte Bauingenieur war schon seit 1994 Minister, als der russische Präsident noch Boris Jelzin hieß. 2012 ernannte Putin ihn zum Verteidigungsminister der Atommacht Russland, seitdem befehligt er eine der weltweit größten Armeen.

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs war Schoigu einige Wochen abgetaucht, angeblich wegen eines Herzinfarkts. Eine Krankheit könne nun ebenfalls als Vorwand dienen, um ihn abzuberufen, heißt es in dem Bericht von RTL/ntv. (smu mit Material von dpa)

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