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Lehren der Geschichte: Warum Historiker an einer russischen Invasion zweifeln

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Von: Sven Hauberg

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Deutsche Soldaten durchbrechen den Grenzzaun und überqueren am 1. September 1939 bei Sopot die Grenze nach Polen.
Deutsche Soldaten durchbrechen den Grenzzaun und überqueren am 1. September 1939 bei Sopot die Grenze nach Polen. © www.imago-images.de

Fällt Russland schon bald in der Ukraine ein? Ein Blick in die Geschichte zeige, dass eine Invasion derzeit unwahrscheinlich sei, glauben Historiker.

Moskau - Es war eine steile These: Auf den Tag genau wollten US-Geheimdienste herausgefunden haben, wann Wladimir Putin den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine gibt. Am 16. Februar sei es so weit, verlautete es aus Washington. Passiert ist an jenem Tag aber: nichts. US-Präsident Joe Biden ist sich indes weiterhin sicher, dass eine Invasion nur noch eine Frage von Tagen sei. Die Gefahr, so der 79-Jährige, sei nach wie vor hoch.

Aber ist es überhaupt wahrscheinlich, dass die russische Armee genau in jenem Moment in der Ukraine einmarschiert, in dem die gesamte Welt auf den Krisenherd blickt? Zumal sich die Ukraine längst auf eine mögliche Invasion vorbereitet hat. So trainieren Freiwillige wie etwa der Kiewer Oberbürgermeister Vitali Klitschko selbst an der Waffe, um einen russischen Angriff abwehren zu können. Außerdem unterstützten Länder wie Großbritannien und die USA die Ukraine zuletzt großzügig mit Waffenlieferungen.

Ukraine-Krise: Anderes Vorgehen als noch 2014?

Gänzlich anders war die Situation noch 2014, als sich die beiden ostukrainischen Oblaste Luhansk und Donezk vom Rest des Landes lossagten - auch heute steht die Region wieder im Fokus des Konflikts. Damals unterstützte Russland die Separatisten verdeckt, wie der Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) schilderte. Im Gegensatz dazu würde ein von langer Hand vorbereiteter Angriff, wie ihn die USA heute erwarten, „Zeit für Gegenmaßnahmen“ lassen. „Eine effektive Kriegsführung würde sicher schneller gelingen, wenn man subversiv eindringen würde wie 2014“, so Bauerkämper.

Historische Beispiele für den Erfolg von Überrumpelungstaktiken gibt es viele, wie das RND schreibt. Etwa den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939, mit dem das Land nicht gerechnet hatte. Dem Angriff von Hitler-Deutschland waren mehrere Sicherheitsgarantien vorausgegangen, etwa ein Nichtangriffsabkommen von 1934. Und auch als Hitler den Pakt aufkündigte, vertraute Polen noch auf den Beistand Frankreichs und Großbritanniens. Der im August 1939 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt machte zwar deutlich, dass ein deutscher Angriff auf Polen bevorstehen könnte; dieser kam dann aber unerwartet schnell.

Ähnlich sieht das der Historiker Sönke Neitzel. Gegen eine Invasion der Ukraine spreche, „dass man bei einem Militärschlag die Überraschung auf seiner Seite haben muss“, sagte der Professor für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam im ZDF-„heute Journal“. Als Russland hingegen die Krim annektiert habe, sei der Westen „völlig überrascht“ gewesen. „Und das ist jetzt nicht der Fall“, so Neitzel; Putin werde derzeit kaum „ins Scheinwerferlicht der internationalen Öffentlichkeit treten“.

Ukraine-Krise: Ergreift Putin die Flucht nach vorne und greift an?

Heute stehen westlichen Schätzungen zufolge deutlich mehr als 100.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine. Historiker Bauerkämper glaubt, dass sich diese „Drohkulisse“ nicht dauerhaft aufrechterhalten lasse. „Militärexperten wissen, dass man 130.000 Leute nicht einfach so stehen lassen kann. Da setzt dann schnell eine Demoralisierung ein. Irgendwann werden die Militärs sagen, wir müssen jetzt entweder marschieren oder uns wieder zurückziehen.“ Darin liege allerdings auch eine Gefahr: nämlich, dass Putin „die Flucht nach vorne“ ergreife, also die Ukraine angreifen könne.

Für den Historiker ist es jedoch wahrscheinlicher, dass Putin die Drohkulisse lediglich nutzt, um innenpolitische Erfolge zu erzielen. Dafür sieht Bauerkämper ebenfalls historische Parallelen: „Auch 38/39 waren die Deutschen begeistert von Hitlers außenpolitischen Erfolgen“, so der Historiker. „Erst als die Kriegsgefahr real wurde, kippte die Stimmung.“ In Russland sei die Situation heute ähnlich.

Ukraine-Krise: Historiker wirft Putin falsches Geschichtsverständnis vor

Der Historiker und Osteuropa-Experte Martin Schulze Wessel vermutet, dass hinter dem russischen Truppenaufmarsch nicht nur „machtpolitisches Kalkül“ steckt, sondern auch eine „historische Mission“. Schulze Wessel, der an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität unterrichtet, verwies im Gespräch mit der Universität auf einen historischen Essay, den Putin im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte. Darin zog Putin „das Fazit, dass die Russen und Ukrainer eine gemeinsame Nation bilden“ - für den Historiker eine falsche Interpretation der Geschichte, die Putin aber zu Annexionen verleiten könnte. „Putin könnte dabei in einem Geschichtsverständnis gefangen sein, in dem er einen möglichen Krieg gegen die Ukraine als interne Angelegenheit betrachtet.“

Aus dem Kreml kommen derweil widersprüchliche Signale: Einerseits kündigte die russische Regierung bereits am Dienstag an, Teile ihre an der Grenze zur Ukraine stationierten Truppen abziehen zu wollen; andererseits plant der Kreml für Samstag ein neues Militärmanöver, bei dem ballistische Raketen und Marschflugkörper zum Einsatz kommen sollen. (sh)

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