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Ukraine-Konflikt: Diese Waffe fürchtet Russland wirklich

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Ein ukrainischer Soldat raucht in einem Schützengraben an der Trennlinie zu den pro-russischen Rebellen in der Region Donezk. In der Ukraine-Krise haben die USA und Russland bei Gesprächen in Genf zunächst auf ihren bekannten Standpunkten beharrt.
Zwar ist Russland eine große militärische Macht, doch auch die Ukraine modernisiert ihr Militär zunehmend mit neuen Waffen. © Andriy Dubchak/dpa

Die Ukraine rüstet ihre Armee immer öfter mit neuer militärischer Ausrüstung auf. Besonders eine Waffe bereitet dem russischen Militär dabei große Sorgen.

Kiew/München - Die Ukraine wird von einer erneuten russischen Invasion bedroht. Seit der Annexion der Krim und Besetzung von Gebieten in der Ostukraine durch pro-russische Separatisten im Jahr 2014 dauert der Konflikt in der Region an. Westliche Geheimdienste gehen im Hintergrund der massiven Bewegung von russischen Truppen im Grenzgebiet davon aus, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin schon bald einen Angriff befehlen könnte. Auch Nato-Generalsekretär Stoltenberg befürchtet eine Eskalation der Situation.

Die entscheidende Frage ist hier, ob die Ukraine nach den bösen Erfahrung von 2014 gegen eine neue Invasion militärisch bereit ist. Zwar ist das russische Militär besonders zahlenmäßig überlegen, doch nun kann auch die Ukraine dank der Aufrüstung in den letzten Jahren auf moderne Waffen vertrauen. Neben Panzerabwehrraketen könnte insbesondere eine weitere Waffe den russischen Truppen zum Verhängnis werden. Es handelt sich um eine Waffe, die der russischen Militärhardware nicht fremd ist.

Russland-Ukraine: Moskau militärisch deutlich überlegen - Angriff von mehreren Fronten möglich

Ein Blick auf die Zahlen von Analysten zeigt die zweifellos immer noch bestehende Überlegenheit der russischen Streitkräfte. US-Analysten des Portals „Global Firepower“ zufolge kann Russland im Fall eines Konflikts auf 850.000 Soldaten zurückgreifen. Dazu kommen etwa 250.000 Reservisten, die aufgrund den zahlreichen Konflikten der letzten Jahre reichlich Kriegserfahrung besitzen.

Laut dem „International Institute of Strategic Studies“ sind in der russischen Armee 2.840 Panzer einsatzbereit. Hinzu kommen Waffen wie 4.684 Haubitzen oder 150 ballistische Raketen des Typs Iskandar sowie 1.160 Kriegsflugzeuge. Nicht zu vergessen: Russland hat das größte Atomwaffenarsenal der Welt. Ein Einsatz davon ist unwahrscheinlich, doch auch dies ist ein Faktor, die die militärische Stärke zeigt. In allen Bereichen der militärischen Ausrüstung ist die Ukraine massiv unterlegen.

Außerdem könnte Russland von mehreren Fronten wie Belarus oder der Krim angreifen, um den Druck auf Einheiten im ostukrainischen Donbass zu verringern und die ukrainische Verteidigung stärker zu belasten. Ferner würde die marode Infrastruktur der Ukraine zu einer langsamen Truppenverlegung und Antwort gegen einen russischen Angriff bedeuten.

Ukraine-Konflikt: Kiew rüstet Armee massiv auf - Nachbesserung bei Truppenzahl und Militärhardware

Doch ganz so aussichtslos ist die militärische Situation für die Ukraine nicht. Kiew hat nicht tatenlos auf die russische Aggression gewartet, sondern seine Armee in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert, einer neuen Ausbildung unterzogen und vor allem mit neuen, modernen Waffen aus verbündeten Ländern aufgerüstet. Im Vergleich zu 2014 wurde der militärische Unterschied zu Moskau also deutlich kleiner.

Dem „International Institute of Strategic Studies“ zufolge hat sich der Verteidigungshaushalt der Ukraine zwischen 2018 und 2020 von 2,5 auf über 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht. Bei der Truppenstärke wurde auch massiv nachgebessert. Nun sind 196.000 Soldaten sowie 102.000 Truppen der Nationalgarde im Einsatz. Dazu warten 900.000 Reservisten auf einen möglichen Dienst.

Zwar ist die Ukraine kein Mitglied der Nato, doch das Bündnis hat Kiew bei der Ausbildung und beim Umbau der Streitkräfte stark unterstützt. Mit gemeinsamen Manövern wurden Fortschritte erzielt und erprobt. Veraltete Waffensysteme wie der T-64-Kampfpanzer wurden modernisiert und die Zahl der Panzer auf 858 erhöht. Die USA leistete militärische Hilfe im Wert von 2,5 Milliarden Dollar - Radarsysteme, Patrouillenboote und hunderte Panzerabwehrraketen des Typs Javelin. Erst am Dienstag (18. Dezember) verkündete Großbritannien eine große Lieferung von Anti-Panzerraketen in das Land.

Ukraine vertraut auf türkische „Wunderwaffe“ - Russland besorgt über Drohne von Erdogans Schwiegersohn

Die Ukraine schenkt jedoch einer bestimmten Waffe ganz besonderes Vertrauen. Sie könnte dem Land womöglich einen großen Vorteil aus der Luft verschaffen - die Bayraktar TB2-Angriffsdrohne aus türkischer Herstellung. Die Drohne wird von der türkischen Verteidigungsfirma Baykar hergestellt, dessen Technik-Chef der 42-jährige Selcuk Bayraktar ist - zugleich der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Schon während seiner Ausbildung in der US-Eliteuniversität MIT begann sich der junge Selcuk Bayraktar für Drohnen zu interessieren. 2005 konnte er seine erste Mini-Drohne den türkischen Streitkräften vorstellen. Würde er Unterstützung bekommen, könne die Türkei zur Nummer 1 bei der Drohnenproduktion werden, versicherte er damals.

Seine Bayraktar TB2-Drohne entwickelte sich schließlich zum Verkaufsschlager der Türkei und wurde bislang in 13 Länder exportiert - darunter auch die Ukraine. Das Land war zugleich das erste Exportziel der türkischen Drohne. Menschenrechtsorganisationen werfen der Türkei von Zeit zu Zeit Menschenrechtsverletzungen mit Drohnen vor allem in Syrien vor, doch in Kiew wurde sie jedenfalls mit Begeisterung begrüßt. In Moskau ließ die Lieferung an die Ukraine dagegen die Alarmglocken läuten. In mehreren Konflikten, in denen Russland involviert war, bekam das Kreml die Wirksamkeit der türkischen „Wunderwaffe“ deutlich zu spüren.

In Konflikten in Syrien, Libyen und zuletzt in Berg-Karabach, in denen Ankara und Moskau unterschiedliche Seiten unterstützten, zerstörte die TB2 dutzende russische Luftabwehrsysteme. Die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu veröffentliche am ersten Tag einer groß angelegten türkischen Militäroperation in der syrischen Provinz Idlib ganze zwölf Minuten an Drohnenaufnahmen, die zeigen, wie Einheiten des Assad-Regimes und russische Militärhardware mit der TB2 angegriffen und zerstört werden. In sozialen Medien machten sich Analysten und Journalisten lange lustig über das vermeintlich starke russische Luftabwehrsystem Pantsir-S1. Ähnliches spielte sich in Libyen ab. Die türkische Drohne schadete auch dem Image des russischen Militärs und entwickelte sich so zu einem Albtraum für das Kreml.

Eine türkische „Bayraktar TB2“-Drohne fliegt auf der Gecitkale-Militärbasis bei Famagusta im Norden Zyperns im Dezember 2019.
Eine türkische „Bayraktar TB2“-Drohne fliegt auf der Gecitkale-Militärbasis bei Famagusta im Norden Zyperns im Dezember 2019. © BIROL BEBEK/AFP

Ukraine-Konflikt: Türkei unterstützt Kiew mit Drohnen und Korvetten - Russische Experten skeptisch

In Zukunft sollen die Bayraktar TB2-Drohen sogar auch direkt im Süden von Kiew hergestellt und repariert werden. Hierfür kaufte Baykar eine Landfläche und arbeitet an der Errichtung einer Produktionsstätte. Die militärische Kooperation mit der Ukraine ist auch für die Türkei vorteilhaft. Ankara strebt die gemeinsame Produktion von Triebwerken für Flugzeuge an. Die Ukraine stellt schon jetzt Triebwerke für größere türkische Drohnen wie die Akinci - ebenfalls ein Baykar-Produkt - bereit.

Die Unterstützung der Türkei dehnte sich anschließend auch auf das Marinegebiet aus, in dem die Ukraine dringend Nachschub nötig hat. Aktuell fertigt die türkische Rüstungsindustrie vier Korvetten des Typs Ada. Sie sollen mit modernsten Waffen aus türkischen Konzernen wie Aselsan bestückt werden und die ukrainische Marine stärken.

Im Dezember 2021 gab der ukrainische Generalstabschef Zaluzhny an, zu den 12 im Einsatz befindlichen Drohnen wolle sein Land weitere 24 Drohnen aus der Türkei kaufen. Im Oktober des selben Jahres hatte die Ukraine zuvor trotz eines Verbots die TB2-Drohne eingesetzt und eine russische Haubitze unter Beschuss genommen. Aus der russischen Stellung sei der Waffenstillstand verletzt worden, hieß es später in einer Erklärung. In einem Telefongespräch mit Erdogan brachte der russische Machthaber Putin seinen Unmut über die Drohnen zum Ausdruck. Ukrainische Soldaten würden mit diesen Drohen provokative Handlungen durchführen, so Putin zu Erdogan.

Trotz der scheinbar wichtigen Rolle sind Militärexperten allerdings auch skeptisch. Die meisten betonen, dass die Bayraktar TB2 nicht maßgeblich zu einer Wendung des Konflikts zum Vorteil der Ukraine führen wird. Dafür sei sie nicht ausreichend, heißt es. Zwar schaffte es die TB2 in den meisten Fällen den russischen Luftabwehrsystemen auszuweichen und sie zu zerstören, doch gegenüber der Washington Post betonte der russische Militärexperte Rob Lee: „Die Bayraktar TB2 ist nie einer integrierten Luftverteidigung wie in Russland begegnet. Im Falle eines Krieges wird sie einfach abgeschossen.“ Ukrainische Experten hingegen machten auf den wichtigen psychologischen Einfluss aufmerksam und sind sich sicher, dass die Drohne den russischen Soldaten einiges an Leid bereiten wird. (bb)

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