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„Völlige Verachtung“: Während die Vereinten Nationen um Frieden ringen, gibt Putin den Marschbefehl

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Von: Sven Hauberg

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Dieses von den Vereinten Nationen zur Verfügung gestellte Foto zeigt den UN-Botschafter der Ukraine, Sergiy Kyslytsya während einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zur Situation in der Ukraine.
Der UN-Botschafter der Ukraine, Sergiy Kyslytsya, erhielt während der UN-Sitzung Nachricht vom russischen Einmarsch in seiner Heimat. © United Nations/UNTV via AP/dpa

Skurrile Szenen im UN-Sicherheitsrat: Just in dem Moment, als die Weltgemeinschaft noch nach einer friedlichen Lösung suchte, gab Putin den Marschbefehl.

New York City - Es war wohl einer der denkwürdigsten Momente in der Geschichte der Vereinten Nationen: Während der UN-Sicherheitsrat in der Nacht auf Donnerstag (24. Februar) noch um Frieden in der Ukraine rang, platzte mitten in die Sitzung die Nachricht von der Eskalation der Lage.

Die Dringlichkeitssitzung begann mit einer bewegenden, flehentlichen Botschaft des UN-Generalsekretärs. „Wenn tatsächlich eine Operation vorbereitet wird, habe ich nur eines zu sagen, und zwar aus tiefstem Herzen“, sagte António Guterres in Richtung Kreml, der zu diesem Zeitpunkt den Befehl zum Einmarsch noch nicht gegeben hatte. „Präsident Putin: Stoppen Sie Ihre Truppen, die Ukraine anzugreifen. Geben Sie dem Frieden eine Chance. Zu viele Menschen sind bereits gestorben.“

Es folgten weitere Appelle der Weltgemeinschaft an Putin. Es sei „nie zu spät“ für eine diplomatische Lösung, sagte etwa die Vertreterin von Island, und auch Chinas Mann bei den Vereinten Nationen forderte alle Parteien zu „Zurückhaltung“ auf. Die USA richteten einen letzten Appell an Putin: „Schicken Sie Ihre Truppen, Panzer und Flugzeuge zurück nach Russland. Vermeiden Sie den Abgrund, bevor es zu spät ist“, sagte die US-Botschafterin bei der UN, Linda Thomas-Greenfield.

Beginn der russischen „Militäroperation“: „Ich wollte Ihnen das nur kurz mitteilen“

Dann war Russland an der Reihe, eines der fünf ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat und in der vergangenen Nacht auch mit der Leitung der Sitzung betraut. Sergej Werschinin, stellvertretender russischer Außenminister und Vertreter seines Landes bei den UN, hatte die Appelle seiner Kollegen abgewartet, um schließlich zu bestätigen, was sein Präsident nur Augenblicke vorher in einer Fernsehansprache verkündet hatte: den Beginn der Kampfhandlungen, von Russland als „Militäroperation“ bezeichnet.

Details wisse er noch nicht, so Werschinin, aber: „Ich wollte Ihnen das nur kurz mitteilen.“ Jener Sergej Werschinin hatte noch genau eine Woche zuvor, am 17. Februar, vor dem Sicherheitsrat russische Invasionspläne geleugnet. „Ich denke, wir haben genug darüber spekuliert“, sagte Werschinin damals.

Schließlich wurde dem ukrainischen UN-Vertreter das Wort erteilt. Sergiy Kyslytsya hatte eigentlich eine Rede vorbereitet, die er aber wieder verwarf. „Das meiste davon ist bereits nutzlos“, sagte Kyslytsya, der in der Zwischenzeit offenbar aus Kiew über die Vorgänge in der Ukraine benachrichtigt worden war. Statt sich an sein Redemanuskript zu halten, hielt der sichtlich angegriffene Ukrainer eine Kopie der UN-Charta in die Luft und verwies darauf, dass die Vereinten Nationen allen friedensliebenden Nationen offen stünden. Russlands allerdings sei nicht in der Lage, die Verpflichtungen der UN einzuhalten.

Russischer Angriff auf Ukraine: UN-Botschafter richtet verzweifelten Appell an die Welt

An den russischen Vertreter gewandt sagte Kyslytsya schließlich, es sei dessen Aufgabe als Vorsitzender des Sicherheitsrats, für Frieden zu sorgen. „Rufen Sie Putin an, rufen Sie Lawrow an, damit diese die Aggression beenden.“ Der ging auf die Forderung, den russischen Präsidenten und dessen Außenminister Sergei Lawrow telefonisch zu kontaktieren, nicht ein: „Ich habe nicht vor, Minister Lawrow zu diesem Zeitpunkt zu wecken“, entgegnete Werschinin.

Mehrere UN-Botschafter ergriffen ein zweites Mal das Wort, nachdem sie zu Beginn der Sitzung noch um Frieden gerungen hatten. Die amerikanische UN-Botschafterin Thomas-Greenfield verurteilte den Zeitpunkt der Einmarschankündigung just während der Sicherheitsrats-Sitzung. „Genau zu der Zeit, als wir uns im Rat versammelten, um Frieden zu suchen, übermittelte Putin eine Kriegsbotschaft in völliger Verachtung für die Verantwortung dieses Rates.“ Ihre britische Kollegin sprach von „einem schweren Tag für die Ukraine und für die Grundsätze der Vereinten Nationen“.

Russischer Angriff auf die Ukraine: „Für Kriegsverbrecher gibt es kein Fegefeuer. Sie kommen direkt in die Hölle“

Kyslytsya dankte wenig später allen, die auf der Seite der Ukraine stünden, und wandte sich dann erneut direkt an den russischen UN-Botschafter Werschinin: „Für Kriegsverbrecher gibt es kein Fegefeuer. Sie kommen direkt in die Hölle.“ Sichtlich ungerührt erwiderte Werschinin darauf lediglich, die Aggression seines Landes gelte nicht dem ukrainischen Volk, sondern „der Junta, die in Kiew an der Macht ist“ - und beendete die Sitzung.

Der ukrainische Botschafter zeigte sich im Anschluss an die Sitzung schockiert: Russlands Vorgehen sei „eine historische Beschämung für die Menschheit und diese Organisation im Besonderen“. Der UN-Generalsekretär stimmte ihm zu: „Dies ist der traurigste Moment meiner Amtszeit“, sagte Guterres und richtete noch einen letzten, verzweifelten Appell an den Kreml: „Präsident Putin, im Namen der Menschheit, ziehen Sie Ihre Truppen zurück.“ (sh)

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