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Sorge vor Hunger in aller Welt: Özdemir erhebt Vorwürfe gegen Indien – und erntet Unmut von Hilfs-NGO

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Von: Magdalena von Zumbusch

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Wegen Abhängigkeit von russischen und ukrainischen Lebensmittel-Exporten drohen weltweit Hungersnöte. Putin setzt „Hunger als Waffe“ ein, wird vorgebracht.

Stuttgart – Die G7-Staaten haben sich am Samstag (14. Mai) in Stuttgart mit steigenden Lebensmittelpreisen, aber auch mit drohenden Hungersnöten befasst. Stark in der Kritik stand der jüngst ausgerufene indische Exportstopp für Weizen, der Versorgungskrisen befürchten lässt.

Hunger durch Ukraine-Krieg? Grünen-Minister Özdemir rügt Indien

Die internationalen Getreidemärkte sind wegen des Russland-Ukraine-Kriegs angespannt, die Preise gehen nach oben. Der Höhenflug der Preise droht sich in armen Ländern, die auf Importe aus der Ukraine oder Russland angewiesen sind, zu Hungersnöten auszuweiten. Vertreter der G7, sowie der EU, der UNO und der OECD suchten am 14. und 15. Mai nach Lösungen.

Die G7-Gruppe sprach sich Agrarminister Cem Özdemir (Die Grünen) zufolge insbesondere gegen Exportstopps aus. „Wir rufen dazu auf, die Märkte offen zu halten.“ Indien als weltweit zweitgrößter Weizenproduzent hatte zuvor angekündigt, die Ausfuhr des Getreides mit sofortiger Wirkung zu verbieten. Die Entscheidung sei angesichts des Anstiegs der weltweiten Weizenpreise getroffen worden; Neu-Delhi sieht die Lebensmittelsicherheit Indiens gefährdet. In dem Land hatte in den vergangenen Monaten eine Hitzewelle Teile der Ernte vernichtet. „Wenn jetzt alle anfangen, solche Exportbeschränkungen zu machen oder gar Märkte zu schließen, wirkt das krisenverschärfend“, meinte Özdemir.

Die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ äußerte dagegen Verständnis für Indiens Exportverbot: „Es ist nur gerechtfertigt, wenn die indische Regierung Hunger im eigenen Land durch einen Ausfuhrstopp verhindern will“, sagte Francisco Marí, Welternährungsreferent bei dem evangelischen Hilfswerk, der Tageszeitung taz. Der Staat könne zu wenig Getreide kaufen, um 500 Millionen arme Inder mit subventioniertem Weizen zu versorgen.

Schnelle Hilfe für bedrohte Länder wie Tunesien und Ägypten, fordert Experte von „Brot für die Welt“

„Da muss ich schon mit dem Kopf schütteln, wie Herr Özdemir dazu kommt, gerade Indien anzugreifen, obwohl die G7 selber Millionen Tonnen an Weizen zusätzlich zur Verfügung stellen könnten, indem sie zum Beispiel weniger Getreide als Kraftstoff verheizen oder verfüttern würden“, übte Entwicklungsexperte Marí Kritik. Deutschland etwa verfüttere derzeit 80 Prozent des Weizens.

Er rief dazu auf, Staaten wie Tunesien und Ägypten schnell und unbürokratisch zu helfen. Tunesien decke 45 Prozent, Ägypten 35 Prozent seines Kalorienbedarfs durch größtenteils importierten Weizen. „Fatal ist es, wenn in dieser Situation der Internationale Währungsfonds zur Bedingung macht, dass die betroffenen Staaten Subventionen für Grundnahrungsmittel zurückfahren“, meinte Marí. Solchen Forderungen des IWF solle die Bundesregierung entgegentreten.

Ukraine-Krieg blockiert insbesondere Getreide: Groß-Exporteure Ukraine und Russland fallen weg

Özdemir zollte auf dem Treffen den ukrainischen Landwirten „großen Respekt“, die tagsüber kämpften und ihr Land verteidigten und nachts „säen und dafür sorgen, dass die Ernte eingeholt werden kann“. Derzeit sei die Lage aber dramatisch - in der Ukraine lagerten 20 Millionen Tonnen Getreide, die angesichts blockierter Lieferwege und Häfen nicht exportiert werden können.

Der Ukraine-Krieg habe „gravierende Folgen für die globale Ernährungssicherung“, fasste Özdemir zusammen. Daher liefen Gespräche über konkrete Hilfen. Özdemir betonte, dass alternative Lieferwege wichtig seien - „über den Landweg, über die Schiene, über die Donau“. Es gehe darum, so viel wie möglich von der Ernte zu retten. Klar sei aber: Es könne nicht alles kompensiert werden, „was Russland blockiert“.

Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge, bestätigte die akute Gefahr von Hungersnöten: „Länder wie Ägypten, Kenia, der Südsudan, der Libanon und viele andere Staaten waren bislang direkt oder indirekt stark von russischen und ukrainischen Exporten abhängig“, sagte Mogge dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Diese Länder erhalten jetzt nicht die bestellten Mengen oder müssen dafür sehr viel mehr bezahlen.“ Zu spüren bekämen das besonders arme Menschen, die einen hohen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssten. Auch für Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe seien die gestiegen Preise ein riesiges Problem.

Video: Schon Anfang März warnten Experten vor Hungersnöten als Folge des Ukraine-Krieg

Putin setzt „Hunger als Waffe“ ein, so Özdemir: „Eine besonders widerliche Komponente des Krieges“

Der ukrainische Agrarminister Mykola Solskyi meinte, es sei, „klar, dass die Ernte in diesem Jahr viel geringer ausfallen wird als im letzten Jahr“. Es gehe aber noch immer um große Mengen, die zusätzlich exportiert werden müssten. „Das wird eine Herausforderung sein, weil die Mehrheit der ukrainischen Häfen nicht funktioniert“, sagte der Minister. Er bat um Hilfe: „Im Alleingang können wir diese Aufgabe nicht lösen.“ Solskyi mahnte zudem, von der Lage hingen auch die globale Situation insgesamt sowie die Verbraucherpreise ab. „Von Tag zu Tag“ werde das Getreide teurer. Es müssten dringend die Schwarzmeerhäfen entsperrt werden und es müsse nach logistischen Möglichkeiten in den baltischen Häfen geschaut werden.

Özdemir betonte die Rolle Russlands, das Hungersnöte für seine Zwecke strategisch einsetze: Wladimir Putin wolle nicht nur „einen Konkurrenten ausschalten“, sondern führe auch einen „Wirtschaftskrieg“, in dem es darum gehe, sich das Eigentum von Bäuerinnen und Bauern „einzuverleiben“. Der Präsident setze „Hunger als Waffe“ ein, darin liege eine „besonders widerliche Komponente“ des Krieges.

Russland wies Kritik zurück: Hohe Preise und drohende Hungersnöte als Folge westlicher Sanktionen

Russland wies die Verantwortung für die hohen Lebensmittelpreise und die Gefahr einer Hungerkrise zurück. Die Preise stiegen wegen der westlichen Sanktionen, schrieb die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Samstag auf ihrem Telegram-Kanal. „Wenn man das nicht versteht, ist das entweder ein Zeichen von Dummheit oder für die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit.“ (mvz)

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