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Kiew wirft Russland illegale Massenadoption ukrainischer Kinder vor - USA sprechen von „Filterung“

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Von: Bettina Menzel

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Ein ukrainisches Mädchen geht an einem ausgebrannten russischen Panzer vorbei. Die Ukraine beschuldigt Russland, ukrainische Kinder zu verschleppen und zur Adoption freizugeben. © IMAGO/Mykhaylo Palinchak/Zuma Wire

Die Ukraine beschuldigt Russland, massenweise ukrainische Kinder zu verschleppen und zur Adoption freizugeben. Die USA schätzen, dass bereits 260.000 Kinder nach Russland gebracht wurden.

Kiew - In Kriegszeiten sind Kinder besonders gefährdet. Sie verlieren oft ihre Heimat, ihre Familien, leiden Hunger oder erleben Gewalt. Im Ukraine-Krieg könnten Kinder zum Spielball Moskaus geworden sein. Die Ukraine wirft Russland vor, ukrainische Kinder zu verschleppen und massenweise zur Adoption freizugeben. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Doch die Verschleppung von Kinder ist in Kriegszeiten keine Seltenheit.

Ukraine wirft Russland Verschleppung von Kindern vor

„Russland entführt weiterhin Kinder aus ukrainischem Staatsgebiet und arrangiert ihre rechtswidrige Adoption durch russische Staatsbürger“, erklärte das ukrainische Außenministerium am Dienstag. Nach Angaben des Ministeriums wurden mehr als tausend Kinder aus der von Russland kontrollierten ukrainischen Hafenstadt Mariupol „illegalerweise Fremden in Tjumen, Irkutsk, Kemerowo und in der sibirischen Republik Altaj übergeben“. Das Ministerium beruft sich unter anderem auf Informationen, die Behörden der Stadt Krasnodar im Südwesten Russlands veröffentlichten.

Auch die ukrainische Onlinezeitung Pravda berichtete am Dienstag darüber. Auf der Webseite der Behörde wäre zynischerweise von einem „befreiten“ Mariupol die Rede gewesen, hieß es. Der russische Staat zahle etwa 20.000 Rubel (etwa 330 Euro) jährlich an Menschen, die ein Kind adoptieren. In der Region Krasnodar seien derzeit über 300 ukrainische Kinder in „speziellen Einrichtungen“ untergebracht, so der Pravda-Bericht weiter.

Kiew beschuldigt Moskau nun, die Genfer Konventionen zum Schutz von Zivilisten sowie die UN-Kinderrechtskonvention zu verletzen. „Alle ukrainischen Kinder, die rechtswidrig nach Russland gebracht wurden, müssen ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten zurückgegeben werden“, forderte das Ministerium.

„Kinder des Krieges“: Portal zur Suche nach ukrainischen Kindern

In der Ukraine ging Anfang August ein Portal für die Suche nach Kindern namens „Kinder des Krieges“ online. Demzufolge seien seit Beginn des Krieges 7013 Kinder deportiert worden (Stand 27. August), 377 seien gestorben und 226 verschwunden. 5041 Kinder wurden den Informationen des Portals zufolge gefunden und 53 seien zurückgekommen. Auf der Seite gibt es eine Suchfunktion, über die Betroffene nach ihren vermissten Kindern suchen können.

Auf der entsprechenden Internetseite der russischen Region Krasnodar ist indes von einem Hackerangriff die Rede. „Am 23. August 2022 um 9:35 Uhr erschien in unserem Newsfeed ein Beitrag über Kinder aus Mariupol“, so die Information des Amtes für Familien- und Kinder, das auch für Adoptionen zuständig ist. Der Beitrag sei nicht von der Behörde selbst veröffentlicht worden, stattdessen seien die Informationen „unter Ausnutzung einer Schwachstelle in der Serversoftware nicht autorisiert gehostet“ worden. Im Anschluss habe es einen DDoS-Angriff gegeben. Bei einem solchen Denial of Service-Angriff wird eine Seite durch Überlastung lahmgelegt. „Gegen Mittag haben wir den Beitrag gelöscht“, heißt es in der Mitteilung des Amtes weiter.

USA sprechen von 260.000 nach Russland verschleppten Kindern

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hat die ukrainische Regierung in Kiew Moskau immer wieder vorgeworfen, Ukrainer in den von russischen Truppen besetzten Gebieten zu zwingen, ihre Heimat in Richtung Russland zu verlassen. Ukrainische Behörden sprechen in diesem Zusammenhang von „Deportationen“. Auch die USA teilen diese Darstellung und werfen Moskau die Deportation von bis zu 1,6 Millionen Ukrainern nach Russland vor, wie US-Außenminister Antony Blinken im Juli mitteilte. Unter den Verschleppten seien rund 260.000 Kinder. Einige von ihnen seien gezielt von ihren Eltern getrennt worden, um in Russland zur Adoption freigegeben zu werden, erklärte Blinken damals.

Unter anderem deportieren sie Kinder - in der Hoffnung, dass sie vergessen, wo ihr Zuhause ist.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine im April 2022

Die Zwangsumsiedlung sei anscheinend frühzeitig geplant worden und gleiche dem russischen Vorgehen in anderen Kriegen, etwa in Tschetschenien. Blinken warf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine „Filterung“ der Bevölkerung vor, zu der neben der Trennung von Familien auch die Beschlagnahme ukrainischer Pässe und die Ausgabe russischer Pässe gehörten. Russland gehe es „anscheinend“ darum, „die Bevölkerungsstruktur von Teilen der Ukraine zu verändern“, so die Ansicht des US-Außenministers Blinken. Moskau müsse dafür „zwingend“ zur Verantwortung gezogen werden

Auch schon im Zweiten Weltkrieg gab es von Seiten der Nationalsozialisisten Verschleppungen und illegale Adoptionen zahlreicher Kinder aus Ländern wie Tschechien und Polen. Die Deutschen verschleppten „arisch aussehende“ Kinder brachten sie in die sogenannten Lebensborn-Heime, wo sie eine neue deutsche Identität erhielten. Nach dem deutschen Überfall auf die damalige Sowjetunion im Jahr 1941 entführten die Nationalsozialisten teilweise auch Kinder von der Krim (bme mit Material von AFP/dpa).

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