Ulrike Scharf und ihr neues Ressort

Die ersten Meter als Ministerin

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München – Nach dem Eid geht es ins Amt: Minister-Neuling Ulrike Scharf erkundet ihr neues Umweltministerium. Sie stößt auf Geschenke, einen Aktenstapel und eine Warnung. Wir haben sie begleitet.

Die Insignien der Macht sind klein, grün und unter dem Schreibtisch versteckt. Ulrike Scharf findet sie nach kurzer Suche. Fünf Stifte mit grüner Ministertinte liegen da sorgsam in einem Fach bereit. Jedes Häkchen, Fragezeichen, jedes Wort mit dieser Farbe auf einem Vermerk wird fortan ein Haus mit 700 Mitarbeitern in Trab versetzen. Nachdenklich schiebt sie die Schublade wieder zu.

Es ist schon eine andere Welt für die junge Unternehmerin, sie landet ja doch recht überraschend auf dem Ministersessel. In wenigen Minuten prasselt alles auf sie ein: Vor allem die engsten Mitarbeiter muss sie in Rekordzeit kennenlernen: Amtschef Christian Barth – dem obersten Beamten muss sie blind vertrauen können in einem Ministerium ohne Staatssekretär, das noch dazu so heikle Themen wie Flut oder die Atomaufsicht verantwortet. Der Pressesprecher ist wichtig, die Büroleiterin, die persönliche Referentin, das Vorzimmer.

Man macht ihr den Einstieg zumindest etwas leichter. Vorab wurden von ihrem Erdinger Lieblingskünstler zwei Großformate ins Büro gehängt, der Schliersee und die Isar. Auf dem Tisch im sechsten Stock stapeln sich Präsente: Blumen von Barth, ein Mampfkorb mit einer Flasche „Hesselberger perlende Birne“, außerdem hat irgendwer wohl Scharfs Schwäche für Pralinen ausgeplaudert.

Die Schenk- und Schonfrist für Minister ist allerdings nie lang. Als sie noch keinen Fuß in den Zweckbau am Rosenkavalierplatz gesetzt hat, landen bei Scharf schon die ersten Aktenstapel, die sie zuhause und im weißen Dienst-BMW abzuarbeiten hat. Auch kommen früh die ersten Bedenken. Im Haus wartet der Personalrat mit der Mahnung und dem Namenswitz, bitte keine Schärfe ins Ministerium reinzubringen. „Keine Sorge. Es wird nicht scharf geschossen“, antwortet sie tapfer.

Man kann das vorsichtige Beschnuppern verstehen in einem Ministerium, das alle paar Jahre umgebaut, fusioniert, geteilt wurde, all das unter extrem unterschiedlichen Chefs: Typen wie Bärenjäger Werner Schnappauf, der impulsive, fordernde Markus Söder, zuletzt der besonnene Tierarzt Marcel Huber, dem viele im Haus sehr nachtrauern. Scharf eilt bisher nur der dünne Ruf voraus, fachfremd zu sein, aber sympathisch.

„Jede Veränderung macht Unbehagen“, sagt sie den Mitarbeitern gleich. „Das kann ich nachvollziehen. Wichtig ist, dass man sich aufeinander verlassen kann.“ Sie versprüht Schwung, wie sie zügig durch die langen Ministerialflure läuft. Spontan schaut sie bei den Experten für Hochwasserschutz vorbei, wo ein ausgestopfter Biber in der Ecke steht. Wäre Scharf angekündigt gewesen, hätte man dem Nager wohl noch die Sonnenbrille abgenommen, jetzt steht sie halt so vor dem Tier und schmunzelt. Sie will öfter in Büros reinplatzen, Fragen stellen, Wissen aufsaugen. Bei den Flutpoldern, so sagen ihr etwa die Hochwasser-Leute, „da werd’ma heiße Diskussionen bekommen. Aber wir haben die besseren Argumente“.

Scharf hat bisher wenige Eckpunkte ihrer Politik festgelegt. Sie wird Hubers striktes Nein zum Fracking („keine Giftcocktails im Wasser“) mittragen. Sie setzt den Kurs beim Hochwasserschutz fort, war als Wasserwacht-Chefin 2013 im überfluteten Passau dabei. Und sie wird, das ist im Amt neu, strikt gegen den Bau der dritten Startbahn sein. Notfalls auch im Kabinett. „Das ,Aber‘ wiegt schwerer“, sagt sie über die Argumente.

Ob sie sich da durchsetzt, es gibt ja auch Minister mit anderer Meinung und gleich grünen Stiften? „Ich bin Marathonläuferin“, sagt sie. 

cd  

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