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„Ich habe keine Angst mich einzuarbeiten“: Ulrike Scharf, die am 16. September bayerische Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz werden soll.

Bayerns neue Umweltministerin

Ulrike Scharf: „Ich bin ein Landei“

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München - Es ist der Sprung ins kalte Wasser: Ulrike Scharf wird in zwei Wochen zur neuen Umweltministerin gewählt. Die Erdingerin muss sich nach ihrer Ernennung gegen viele Skeptiker behaupten. Sie fühlt sich unterschätzt.

Ulrike Scharf ist schon um die Ecke, als Ludwig Hartmann sie gerade noch erwischt. Die designierte bayerische Umweltministerin hat gerade ein erstes, äußerst vorsichtiges Pressestatement gegeben, als der Fraktionschef der Grünen ihr die Fachthemen nur so um die Ohren haut. Drei Seiten umfasst der Brief, den Hartmann der 46-Jährigen überreicht. Akribisch sind die Punkte aufgelistet, bei denen die Grünen Taten von der Neuen erwarten. Artenvielfalt, Flächenfraß, Fracking, Atomaufsicht, Grund- und Trinkwasser, Feinstaub.

Wie weit sich Ulrike Scharf mit diesen Themen bereits auskennt, bleibt auch nach diesem ersten Auftritt vor dem CSU-Fraktionssaal im Landtag offen. Sie gibt zu, selbst von ihrer Berufung durch den Ministerpräsidenten überrascht worden zu sein. Die oberbayerische CSU-Bezirksvorsitzende Ilse Aigner war es, die die Personalie wesentlich beförderte. Horst Seehofer akzeptierte den Vorschlag – auch wenn Scharf beim Bewerbungsgespräch in der Staatskanzlei klar macht, dass sie auch als Ministerin an ihrem Nein zur Dritten Startbahn am Flughafen festhalten werde.

Sie kann also deutlich werden. Doch am Donnerstagmittag steht Scharf im Landtag vor Kameras und Mikrophonen. Die Journalisten sind neugierig auf Themen, Schwerpunkte und Positionierungen. Scharf aber bittet um Verständnis, dass sie „keine Regierungserklärung abgeben“ möchte. Inhaltlich werde sie nichts sagen, solange der Landtag nicht zugestimmt habe.

So gerät der erste Auftritt ein wenig dünn. Von „großer Ehre“ ist die Rede, von „großen Fußstapfen“, die Marcel Huber hinterlasse. Der hatte einst bei seinem ersten Gespräch gleich Kurzvorträge über die Vereinbarkeit von Vogelschutz und Windkraft gehalten. Auf den Überzeugungstäter folgt eine Seiteneinsteigerin.

Nur so viel verrät sie: Als „Richtschnur“ werde ihr die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie dienen. Sie sei ein sehr naturverbundener Mensch. „Ich bin ein Landei.“ Weil sie in einem Familienunternehmen aufgewachsen sei, stehe sie für Nachhaltigkeit. Auch die CSU-Formel von der „Bewahrung der Schöpfung“ fehlt nicht.

Das klingt noch sehr nach Wirtschaftspolitikerin. Seit sie vor einem Jahr in den Landtag zurückkehrte, sitzt Ulrike Scharf im Wirtschaftsausschuss. Die Unternehmerin hat einen gewaltigen Sprung vor sich. Auch in der eigenen CSU-Fraktion gab es nach der Bekanntgabe einige hochgezogene Augenbrauen. Scharf selbst sagt, die Leute würden sie zu wenig kennen. „Ich habe keine Angst mich einzuarbeiten.“ Was das heißt? Den Dialog suchen. Im eigenen Haus. Mit den Verbänden. Aber auch mit den Fachpolitikern der anderen Parteien. „Ich denke, dass ich eine gewisse Phase brauche, um die Themen in ihrer Vielfältigkeit aufzunehmen.“

Man könne ihr die Unerfahrenheit im Thema nicht vorwerfen, nimmt Ludwig Hartmann Scharf in Schutz. „Aber ich sehe mit Besorgnis, dass wir einen Ministerpräsidenten haben, der den Umweltschutz dermaßen abwertet“, sagt der Grünen-Politiker. „Nicht die Fachkompetenz ist entscheidend, sondern der Regionalproporz.“ Auch SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher verspricht „100 Tage Welpenschutz“. Er rügt aber, dass Seehofer die Gelegenheit zu einem größeren Umbau verpasst habe. Kultusminister Ludwig Spaenle hält er für angezählt. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner komme nicht aus den Startlöchern, und Beate Merk hänge noch immer der Fall Mollath nach. Rinderspacher hätte sich gewünscht, dass man die beiden Ministerposten in der Staatskanzlei (Merk ist dort für Europa zuständig) zusammenlegt – allerdings nicht mit Merk besetzt.

Ulrike Scharf hat nun ein paar Tage Zeit, sich einzulesen. Erst am 16. September wird sie vom Landtag bestätigt und dann vereidigt. Die Sitzung in der Sommerpause war von der Opposition beantragt worden, um den Fall Haderthauer zu diskutieren. Die Ex-Ministerin will sich dort verteidigen – und muss jene Frau wählen, die statt ihrer ins Kabinett einzieht.

Mike Schier

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