Türkische Frauen beim Einkauf

Studie der Universität Münster

Islamgebote für viele türkische Zuwanderer wichtiger als deutsche Gesetze

Münster - Fast jeder zweite Türkeistämmige in Deutschland hält die Befolgung der Islamgebote für wichtiger als die deutscher Gesetze. Das geht aus einer Studie der Universität Münster hervor.

Allerdings nimmt einer am Donnerstag veröffentlichten Emnid-Umfrage zufolge ein strenges Islamverständnis in der zweiten und dritten Migrantengeneration ab. Die meisten Türkeistämmigen fühlen sich demnach in Deutschland wohl, viele vermissen allerdings angemessene soziale Wertschätzung.

Der im Rahmen einer Studie der Universität Münster vorgenommenen Erhebung zufolge sind im Bereich Religion die Unterschiede zwischen Türkeistämmigen und übriger Bevölkerung am größten. Viele Türkeistämmige betrachteten den Islam als "eine angegriffene Religion, die vor Verletzungen, Vorurteilen und Verdächtigungen zu schützen ist", erklärte der Leiter der Studie, der Religionssoziologe Detlef Pollack, in Berlin. Dabei werde aber der Islam überwiegend mit Friedfertigkeit und Toleranz assoziiert.

Deutliche Unterschiede zwischen den Generationen

Ein Drittel der Zuwanderer und ihrer Nachkommen sprach sich demnach dafür aus, Muslime sollten zur Gesellschaftsordnung aus der Zeit des Propheten Mohammed zurückkehren. Den Anteil der Befragten mit verfestigtem fundamentalistischem Weltbild gab Pollack mit etwa 13 Prozent an.

Deutliche Unterschiede gibt es zwischen Migranten der ersten und der zweiten oder dritten Generation, also den in Deutschland Geborenen oder schon als Kind Zugewanderten. In der ersten Generation stuften die Forscher 18 Prozent als fundamentalistisch ein, in den Folgegenerationen neun Prozent. Der Anteil der Kopftuchträgerinnen halbierte sich demnach von 41 auf 21 Prozent.

Generell ist der Studie zufolge die zweite und dritte Generation besser integriert, hat bessere Schulabschlüsse, fühlt sich weniger durch die Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und hat auch mehr Kontakte zu Menschen ohne Migrationshintergrund.

"Allerdings pocht die zweite und dritte Generation weit mehr auf kulturelle Selbstbehauptung als die erste", erklärte Pollack. So sagten 72 Prozent der ersten Generation, Muslime sollten sich an die deutsche Kultur anpassen, jedoch nur 52 Prozent der Folgegenerationen.

90 Prozent fühlen sich in Deutschland wohl

Insgesamt ist das Bild von der persönlichen Lebenssituation der Türkeistämmigen hierzulande der Studie zufolge "positiver, als man es angesichts der vorherrschenden Diskussionslage zur Integration erwarten würde", erklärte Pollack weiter. Es mangle jedoch an dem "Gefühl, willkommen geheißen und anerkannt zu sein".

90 Prozent der Türkeistämmigen gaben an, sie fühlten sich in Deutschland wohl. Etwa die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass sie im Vergleich zu anderen in Deutschland ihren gerechten Anteil erhalten. Damit fühlen sich die Zuwanderer der Studie zufolge nicht stärker benachteiligt, als dies die Gesamtbevölkerung im Durchschnitt tut.

Gut die Hälfte der Befragten fühle sich jedoch als Bürger zweiter Klasse. "So wichtig es ist, eine Wohnung und Arbeit zu haben, so wichtig ist es, dass die Bevölkerung den Zugewanderten mit Wertschätzung begegnet", erklärte Pollack.

Für die repräsentative Erhebung befragte das Institut TNS Emnid im Auftrag eines Exzellenzclusters der Universität Münster gut 1200 Zuwanderer aus der Türkei und ihre Nachkommen ab 16 Jahren. Die Befragten der ersten Generation leben demnach im Durchschnitt seit 31 Jahren in Deutschland. 40 Prozent der Befragten wurden in Deutschland geboren.

afp

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