Armin Laschet kneift die Augen zusammen und rückt mit der rechten Hand seine Brille zurecht
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Es könnte besser laufen: Armin Laschet muss die Union wenige Monate vor der Bundestagswahl wieder auf Vordermann bringen.

Grüne vorne

Umfrage-Schock: 37 Prozent dürften Laschet zu denken geben - vieles spricht jetzt für Baerbock

  • Marcus Giebel
    vonMarcus Giebel
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Wer kommt nach Angela Merkel? Lange schien es so, als hätte die Union die Kanzlerschaft auf Jahre hinweg gepachtet. Neueste Umfragen lassen jedoch einen Machtwechsel realistisch erscheinen.

München - Grün vor Schwarz - so lautet die neue Rangfolge in Wahlumfragen rund fünf Monate vor der Bundestagswahl, bei der es auch um das Erbe von Kanzlerin Angela Merkel geht. Bei der neuesten Studie des britischen Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ kommen die Grünen auf 25 Prozent und liegen damit einen Prozentpunkt vor CDU und CSU.

Im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren wäre das ein satter Zugewinn von gut 16 Prozent für die Ökopartei um Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Die Union würde dagegen fast neun Prozent einbüßen. Noch im Januar hatten CDU/CSU mit 36 Prozent komfortabel von der Spitze gegrüßt, damals lagen die Grünen bei auch schon ordentlichen 18 Prozent.

Umfragen vor Bundestagswahl: Zuletzt lagen dreimal die Grünen an der Spitze

Der Trend führte die Parteien seither jedoch immer näher zusammen. In den vergangenen Tagen hatten schon zwei andere Institute die Grünen vor der Regierungspartei gesehen: „Kantar“ ebenfalls hauchdünn mit 28 zu 27 Prozent, „Forsa“ sogar deutlich mit 28 zu 22 Prozent. Bei „INSA“ kam Grün wie Schwarz auf 23 Prozent.

Aber zurück zur „YouGov“-Umfrage: Demnach wäre die SPD drittstärkste Kraft mit 14 Prozent, dahinter würden FDP und AfD mit jeweils elf Prozent einlaufen. Auf die Linke entfielen acht Prozent der Stimmen, die anderen Parteien würden sich die übrigen sieben Prozent teilen. Damit gäbe es ebenso eine Mehrheit für Grün-Schwarz wie für die Ampel. Knapp würde es auch für Grün-Rot-Rot reichen.

Umfragen vor Bundestagswahl: Umwelt- und Klimaschutz gilt als drängendstes Thema

Von den 1643 zwischen dem 23. und 26. April befragten Wahlberechtigten halten 16 Prozent den Umwelt- und Klimaschutz für das wichtigste Thema der Gegenwart - natürlich ein Faustpfand für Baerbock und ihr Team. Jeweils zwölf Prozent votierten für Alter und Rentenvorsorge respektive Gesundheitsversorgung. Hier dürfte nicht zuletzt die Corona-Pandemie eine gewichtige Rolle gespielt haben.

Mit den Grünen im Aufwind: Annalena Baerbock scheint auf dem besten Weg ins Kanzleramt zu sein.

Unter den Anhängern der Ökopartei kommt die Kanzlerkandidatin deutlich besser an als ihr Kontrahent Armin Laschet bei den Unions-Wählern. Denn von den Befragten, die schon 2017 ihr Kreuz bei Grün gemacht haben, gaben 17 Prozent an, durch Baerbock sei es wahrscheinlicher, dass sie wieder so entscheiden würden. Nur vier Prozent fühlten sich von der 40-Jährigen eher abgeschreckt und scheinen umzudenken.

Umfragen vor Bundestagswahl: Mehr als jeder Dritte Unions-Wähler will sich wegen Laschet abwenden

Unter den Umfrage-Teilnehmern, die vor vier Jahren für CDU oder CSU stimmten, halten zwar immerhin 15 Prozent eine Wiederholung wegen der Kandidatur des NRW-Ministerpräsidenten für wahrscheinlicher. Doch gleich 37 Prozent deuten an, sich aufgrund der Personalie abzuwenden und ihre Stimme einer anderen Partei zu schenken. Das sollte ein Alarmsignal für die Union und ihre Speerspitze im Wahlkampf sein.

Warum stehen die Zeichen derzeit so deutlich auf Machtwechsel? Ist es die Corona-Politik? Oder das Geschacher zwischen Laschet und CSU-Chef Markus Söder in der K-Frage? Beides dürfte eine große Rolle spielen, aber eine pauschale Antwort scheint kaum möglich.

Video: Diese Kandidaten schicken die Parteien ins Kanzlerrennen

Umfragen vor Bundestagswahl: Experte betont „sehr kurze Halbwertszeit für politische Stimmungen“

Matthias Jung beobachtet die aktuelle Entwicklung ohnehin mit großer Vorsicht. Schließlich sah die Situation vor fünf Monaten ja noch ganz anders aus. „Die Halbwertszeit für politische Stimmungen ist sehr kurz geworden“, betont der Chef der Forschungsgruppe Wahlen in der Augsburger Allgemeinen.

„Bisher hatte die Union strukturell das höchste Wählerpotenzial, doch ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet steht wahrlich nicht als strahlender Sieger der Entscheidung um Vorsitz und Kanzlerkandidat da“, erklärt Jung, der bei der neu erwachsenden Konkurrenz ein riesiges Potenzial sieht: „Um 60 Prozent der Wähler können sich heute grundsätzlich vorstellen, ihre Stimme auch mal den Grünen zu geben.“

Umfragen vor Bundestagswahl: „Wem trauen die Bürger am ehesten die Kanzler-Rolle zu?“

Für ihn ist klar, dass mehr die Personen als die Programm-Inhalte in den Fokus rücken werden: „Es wird jetzt in den kommenden Wochen immer mehr darum gehen, wem die Bürger am ehesten die Kanzler-Rolle zutrauen.“ Eine richtige Wechselstimmung macht Jung nicht aus - was auch an der Grünen-Kandidatin liegen könnte: „Annalena Baerbock ist allerdings bei vielen Bundesbürgern noch kaum bekannt. Das trifft aber auch - außerhalb von Nordrhein-Westfalen - auf Armin Laschet zu.“

Ein Malus also, dem Kanzlerkandidatin wie Kanzlerkandidat noch entgegenwirken sollten - noch bleibt dafür genug Zeit. (mg, mit Material dpa und afp)

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