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Carl Campeau auf der Treppe vor dem Münchner Herder Verlag auf der Schwanthalerhöhe: Dort stellte der 53-Jährige sein Buch „Meine Seele kriegt ihr nie“ (240 Seiten, 20 Euro) vor.

Interview zum Buch

UN-Mitarbeiter war acht Monate lang Geisel von Islamisten: Meine Flucht aus der Hölle

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Der kanadische UN-Mitarbeiter Carl Campeau wurde vor vier Jahren in Syrien von der Al-Nusra-Front entführt, dem syrischen Ableger von Al-Kaida. Uns erzählt der 53-Jährige von den acht Monaten seiner Geiselhaft, einer Zeit voller psychischer Folter und Todesangst.

Am 17. Februar 2013 wurden Sie auf einer Autofahrt vom UN-Camp nach Damaskus von Bewaffneten gestoppt. War Ihnen sofort klar: Das sind Entführer?

Carl Campeau: Nein, ich dachte zuerst, das sind Straßenräuber, die Geld oder das Auto wollen. Aber als ich realisierte, dass sie mich entführen wollen, wusste ich: Ich stecke wirklich in Schwierigkeiten. Sie fragten mich, ob ich Jude sei – wenn ich bejaht hätte, wäre ich wohl sofort hingerichtet worden.

Ihre Entführer versprachen immer wieder: Du wirst bald freigelassen! Doch es dauerte acht lange Monate, bis Sie fliehen konnten…

Campeau: Ich verlor die Hoffnung, dass irgendwer Lösegeld zahlen oder Spezial­einheiten mich befreien würden. Meine Geiselnehmer forderten sieben Millionen Dollar – die kanadische Regierung bot nur die magere Summe von 11.000 Dollar an. Das erzählten mir meine Bewacher. Da war mir klar: Keiner holt mich raus, ich muss das selbst hinbekommen.

Wie bitter war es, als Ihnen klar wurde, dass weder die Vereinten Nationen noch die kanadische Regierung mehr für Ihre Freilassung tut?

Carl Campeau im Gespräch mit tz-Politikchef Klaus Rimpel.

Campeau: Ich bin immer noch sehr enttäuscht. Die UN verhandelte zwar mit den Entführern, und solange verhandelt wird, war mein Überleben gesichert. Doch es war klare Linie, niemals Lösegeld zu zahlen. Je frus-trierender die Verhandlungen für meine Entführer waren, desto größer wurde die Gefahr, dass sie mich exekutieren. Später erfuhr ich, dass die Behörden sogar meiner in den USA lebenden Mutter gedroht hatten, sie würde wegen Terror-Finanzierung ins Gefängnis kommen, falls sie privat Lösegeld für mich zahlen würde.

Wie brutal waren Ihre Entführer?

Campeau: Ich war Augenzeuge, wie sie einen entführten syrischen Polizeioffizier köpften. Es gab einen Schnell-Prozess mitten in der Nacht, und am nächsten Morgen wurde er hingerichtet. Da war mir klar: Ich könnte der Nächste sein…

Acht Monate eingesperrt in einem nur drei Quadratmeter kleinen Kinderzimmer einer Villa, die von den islamistischen Kämpfern beschlagnahmt wurde. Wie haben Sie sich da die Zeit vertrieben?

Campeau: Die Langeweile ist quälend! Und nachts konnte ich oft nicht schlafen – bis heute leide ich unter Schlafstörungen. Irgendwann nahmen sie mir auch die Bücher und Magazine weg, die ich dabeihatte. Am wichtigsten für mich war, als sie mir ein TV-Gerät erlaubten – es war mein einziges Fenster zur Welt. Da konnte ich englischsprachige Sender wie Al-Dschasira und BBC sehen. Ich versuchte, mein Gehirn fit zu halten – mit einigen der freundlicheren Wärter spielte ich Schach. Sie brachen der Königsfigur das – christliche – Kreuz ab. Aber weil ich zu oft gegen sie gewann, verloren sie nach zwei Wochen die Lust, mit mir zu spielen.

Wie war generell Ihr Verhältnis zu den Wächtern?

Campeau: Unter diesen oft sehr jungen Leuten waren freundliche, aber auch sehr aggressive. Die Entführer redeten die ganze Zeit über Religion, die Villa wurde in eine Art Koran-Schule verwandelt. Sie zwangen mich, zum Islam zu konvertieren – ich bin kein sonderlich religiöser Mensch. Aber ich dachte, es würde mir helfen, wenn ich zum Islam übertrete. Ich diskutierte mit ihnen auch, ob ihre Gewalttätigkeit mit dem Islam vereinbar sei. Einmal zeigten sie mir mit fast kindlichem Stolz auf dem Handy ein Video, auf dem ein Autobombenanschlag zu sehen war.

Was war die schlimmste Zeit Ihrer Entführung?

Campeau: Es war kurz vor meiner Konversion, da wurde ich zwei Wochen lang total isoliert, keiner durfte mit mir sprechen, alles wurde mir weggenommen, was mich zerstreuen könnte. Das war psychische Folter – vor allem, weil ich nicht wusste, ob das für immer so weitergeht.

Wie gelang die Flucht?

Campeau: Meine Bewacher waren alle draußen bei einem Fitness-Training. Da merkte ich, dass sie vergessen hatten, die Tür wie sonst abzuschließen. Sie hatten sogar all ihre Waffen im Wohnzimmer liegen lassen – aber ich nahm keine an mich, da ich dachte, dann merken sie bei der Rückkehr gleich, dass etwas nicht stimmt. Ich sah die Golan-Höhen vor mir und wusste, dass in dieser Richtung ein UN-Camp liegt. So lief ich los, stundenlang – bis ich an einem Stützpunkt der syrischen Armee festgenommen wurde. Die Syrer verhörten mich mehrmals, dann übergaben sie mich an die UN. Dieser Tag der Freilassung war wie ein zweiter Geburtstag für mich.

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