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Die unberechenbaren Zwillinge

Polen: - Berlin/Warschau - Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind auf dem Tiefpunkt. Vor dem heute beginnenden EU-Gipfel drohte Warschau mit einer Blockade. Mit ihrem Veto hatten die Brüder Kaczynski vor allem die ungeliebten Deutschen im Visier. Was steckt hinter der Attacke? Ein Portrait der Zwillinge.

Vor drei Tagen knallten im Hause Kaczynski die Korken. Jaroslaw und sein um 45 Minuten jüngerer Zwillingsbruder Lech feierten ihren 58. Geburtstag. Das schönste Geschenk kam über die Abendnachrichten: Ganz Europa blickt nach Polen. Seit Wochen schon geben sich Staatschefs in Warschau die Klinke in die Hand. Kürzlich war sogar US-Präsident Bush zu Besuch. Und fast täglich ruft ein besorgter Kanzlerberater aus Berlin an und fragt nach, ob es was Neues gibt. Die Zukunft der Europäischen Union, das Schicksal des gesamten Kontinents scheinen von einem einzigen Land abzuhängen. Politisch ist Polen isoliert, weil es sich allein gegen die Reform der EU stemmt. Medial betrachtet aber ist das Land in die Mitte Europas gerückt. Könnte es bessere Nachrichten geben für die Kaczynskis?

15 Jahre hat die Republik gebraucht, um nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in die EU aufgenommen zu werden - ein Prozess, den die deutschen Nachbarn nicht unerheblich unterstützt haben. 11 Monate genügten den beiden Brüdern, um das Brüsseler Bündnis auf eine seiner schwersten Proben zu stellen.

Lech, der Staatspräsident, und Jaroslaw, der Premier, gelten als Mysterium. Wer sich den beiden zu nähern versucht, stolpert über eine Fülle von Anekdoten, Affären und Zitaten. Was sind das für Menschen, die in den deutsch-polnischen Beziehungen eine "nationale Front" beschwören? Von denen der eine sagt, er sei bereit, für seinen Einfluss in Europa zu sterben? Von denen der andere mit Stolz behauptete, er kenne von Deutschland nicht mehr "als die Toilette auf dem Frankfurter Flughafen, und das reicht"? Zwei Spitzenpolitiker, die eine amtliche Überprüfung anordnen, weil sie befürchten, die "Teletubbies" im Kinderfernsehen seien schwul. Zwei Konservative, die kaum eine Gelegenheit auslassen, um Ressentiments gegen Deutsche, Russen und Franzosen zu schüren, gegen Homosexuelle, Linke und Liberale.

Schon als Zwölfjährige bringen es die Kaczynskis zu beträchtlichem Ruhm. 1960 werden die Blondschöpfe bei einem Casting für die Hauptrolle eines Kinderfilms ausgewählt. Titel: "Zwei, die den Mond gestohlen haben". Der Streifen wird ein Erfolg, auch wenn ein polnisches Magazin heute spottet: "Früher haben sie nur den Mond gestohlen, jetzt die ganze Welt . . ."

Die Kindheit prägt: Früh werden die Brüder mit den Folgen der deutschen Kriegsverbrechen konfrontiert. Ihre Eltern waren in der Heimatarmee, kämpften 1944 im Warschauer Aufstand gegen SS und Wehrmacht. Mit mörderischer Brutalität gingen die deutschen Truppen gegen die Zivilbevölkerung vor - 200 000 Menschen starben, die Hauptstadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Rote Armee war an die Stadt herangerückt, ließ die Deutschen aber gewähren. Noch heute erklären die Kaczynskis ihre Aversionen mit dem Verweis auf den August 1944.

Zur Politik kommen die Zwillinge als Studenten über die oppositionelle Bürgerrechtsbewegung und über die Gewerkschaft Solidarnosc. Gemeinsam gründen sie die rechtskatholische Partei PiS für "Recht und Gerechtigkeit", sagen der Korruption und den "roten Netzwerken" den Kampf an. Mit Jaroslaw als Spitzenkandidat wird die PiS bei den Parlamentswahlen im September 2005 stärkste Kraft, im Oktober gewinnt sie mit Lech auch die Präsidentenwahl. "Auftrag erfüllt", sagt Lech zu Jaroslaw. Die skurrilen Bilder der Zwillinge, die sich zur Vereidigung gratulieren, gehen um die Welt.

Die 1,57 Meter großen Machtmenschen mit ihren runden Gesichtern und dem grauen Haar sind äußerlich kaum zu unterscheiden. Selbst enge Mitarbeiter haben Schwierigkeiten, seit Lech sich den Bart abrasiert hat. Nur noch das Muttermal auf der Wange verrät ihn.

Die charakterlichen Unterschiede sind weit größer: Jaroslaw, der etwas Ältere, wird als "Machtmensch par excellence" beschrieben, als zynisch, aggressiv und dominant. Angeblich hat er seinen Bruder voll im Griff. Jaroslaw ist Junggeselle, er lebt noch mit seiner 80-jährigen Mutter und ein paar Katzen zusammen. Für Heiterkeit sorgte der polnische Premier, als er kürzlich erklärte, er habe kein Bankkonto und lasse sein Monatsgehalt (umgerechnet 3500 Euro) an die Mutter überweisen - aus Sorge, die Mafia könnte heimlich Gelder einzahlen und ihm später Korruption vorwerfen.

Die Angst vor dunklen Mächten, vor Intrigen und Verschwörungen kennzeichnet auch Lech Kaczynski, wenngleich der Familienvater als moderner, moderater und etwas umgänglicher gilt. Ein Trugschluss, wie es im Berliner Kanzleramt heißt, wo man während der EU-Präsidentschaft fast täglich mit Warschau verhandelt - stets in der Hoffnung, die Blockade der Brüder könnte doch noch bröckeln. Merkel hat stundenlang auf die Kaczynskis eingeredet, um resigniert festzustellen, dass die anti-deutschen Ressentiments tief sitzen, zu tief. Die Polen gönnten den Deutschen keinen Erfolg, heißt es. "Die haben das Geschichtsbuch immer dabei und sind beide aus dem gleichen Holz geschnitzt. Auch der Kopf", sagt ein Diplomat.

"In der Politik haben wir die gleichen Überzeugungen", betont Lech, der Präsident. "Sie sind durch den Patriotismus unserer Eltern geprägt, die während des Weltkriegs Widerstandskämpfer waren." Und so schlagen die Söhne heute noch die Schlachten der Vergangenheit: Die verhasste Ostsee-Pipeline von Schröder und Putin wird im Kabinett mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglichen, kritischer deutscher Journalismus mit dem "Stürmer". Die polnische Staatsführung aber hat nichts dagegen einzuwenden, wenn ein polnisches Magazin Merkel mit Hitlerbärtchen und Braunhemd zeigt.

In solchen Fällen drückt der eine Kaczynski schon mal offiziell sein Beileid aus, während der andere hintenrum wieder nachlegt. Vor dem heute in Brüssel beginnenden EU-Gipfel haben Präsident und Premier ihr Hase-und-Igel-Spiel perfektioniert: Wechselseitig heben und dämpfen sie die Erwartungen. "Polen soll isoliert und missachtet werden. Dem können wir nicht zustimmen. Das wäre Selbstmord", poltert der Premier. "Ich sehe die Chance für einen Kompromiss", flötet der Präsident. Seit Tagen geht das so. Hardliner Jaroslaw macht sich einen Spaß daraus, darauf hinzuweisen, dass der liberalere Lech heute zum Gipfel nach Brüssel reisen werde. Das sei doch ein gutes Omen, heißt es - Machtpolitik auf Polnisch.

Vornehme Diplomatie ist den Zwillingen wesensfremd. Immer wieder legten sie es bewusst darauf an, Vorurteile zu schüren - wider besseres Wissen. Zum Beispiel im Streit um die Stimmengewichtung in der EU: Lech Kaczynski warnt vor einem "deutschen Diktat" in Geld- und Machtfragen. Dabei hatte Polen dem neuen Mehrheitsprinzip im EU-Vertrag längst zugestimmt; dabei behält bei Finanzen und Außenpolitik jeder EU-Staat sein Vetorecht; dabei hat sich gerade Deutschland immer wieder für die Interessen Polens stark gemacht. Von den 83 Milliarden Euro an EU-Hilfen für Polen kommen in den nächsten sechs Jahren 16,6 Milliarden aus Deutschland.

Auch mögliche Entschädigungsklagen von Vertriebenen werden in Polen immer wieder skandalisiert, obwohl sie die Bundesregierung stets für haltlos erklärt hat. Vor dem Bau der Gaspipeline nach Russland wurde Polen sogar ein eigener Zugang angeboten, doch Warschau lehnte ab - der Streit geht weiter. Vergebens hat man im Kanzleramt versucht, die zahllosen Bedenken der Brüder zu zerstreuen. Merkel setzt auf Zeit. Und auf die nächste Wahl.

Im letzten Wahlkampf hat Jaroslaw Kaczynski verkündet, mit einer normalen Nachbarschaft werde es wohl noch ein bisschen dauern: "Die Beziehungen werden erst dann wieder normal sein, wenn Polen genauso reich ist wie Deutschland."

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