Gille Vos arbeitet undercover für eine belgische Spezialeinheit in Brüssel. Er sagt, dass die Stadt sicherer werde. 
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Gille Vos arbeitet undercover für eine belgische Spezialeinheit in Brüssel. Sein Gesicht darf er nicht zeigen. Er sagt, dass die Stadt sicherer werde. 
15 Monate nach den Anschlägen in Brüssel
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In der Brüssler U-Bahn sichern schwer bewaffnete Soldaten die Züge. 
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In der Brüssler U-Bahn sichern schwer bewaffnete Soldaten die Züge. 
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In der Brüssler U-Bahn sichern schwer bewaffnete Soldaten die Züge. 
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Soldaten patroullieren im U-Bahnhof Schuman im EU-Viertel, nur einen Station neben Maelbeek. 
Maelbeek wurde zum Symbolbild der Brüssler Anschläge. In einem Zug sprengte sich ein Attentäter in die Luft, mindestens 20 Menschen starben, 130 wurden verletzt. 
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Maelbeek wurde zum Symbolbild der Brüssler Anschläge. In einem Zug sprengte sich ein Attentäter in die Luft, mindestens 20 Menschen starben, 130 wurden verletzt. 
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Maelbeek wurde zum Symbolbild der Brüssler Anschläge. In einem Zug sprengte sich ein Attentäter in die Luft, mindestens 20 Menschen starben, 130 wurden verletzt. 
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Vor dem zentralen Bahnhof der Brüssler Innenstadt ist das Militär präsent, wichtige Zufahrtsstraßen und Plätze sind gesichert. 
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Vor der EU-Kommission wachen Soldaten, die Sicherheitslage im EU-Viertel ist hoch. 
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Über der Stadt wachen unzählige Überwachungs-Kameras, wie auf diesem Platz, im EU-Vietel.

Unser Reporter besucht Brüssel nach den Anschlägen

Undercover-Polizist: „Ich spüre, dass sich die Menschen hier unsicher fühlen“

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In Brüssel ist die Angst vor Anschlagen 16 Monate nach den Explosionen präsent - es herrscht eine Sicherheits-Mentalität. Die Überwachung der Menschen steigt an. Unser Reporter verschaffte sich vor Ort einen Eindruck.  

Brüssel - Wenn Sovei Yousri mit der U-Bahn zur Arbeit im Brüsseler Stadtteil Etterbeek fährt, hat er ein ungutes Gefühl. Sicher fühlt er sich dann nicht. Sicherheit gebe es nirgends in der Stadt, sagt der 38-Jährige. Fast täglich muss Yousri durch die Röhre - und vorbei an der Haltestelle Maelbeek, in der sich am 22. März 2016 um 9.11 Uhr Khalid El Bakraoui in einem Zug in die Luft sprengte und viele Menschen in den Tod riss. Insgesamt töteten Terroristen des „Islamischen Staat“ (IS) - es gab noch weitere Selbstmordattentate am Flughafen Brüssel-Zaventem - 32 Menschen an diesem Vormittag. Mehr als 300 wurden verletzt. 

Soldaten patrouillieren in der Stadt

16 Monate nach den Anschlägen in Brüssel sind die Spuren noch sichtbar: Immer noch herrscht Terrorwarnstufe vier (von fünf), immer noch patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten durch die Straßen, sichern bestimmte Plätze, Behörden und die U-Bahn. Militärfahrzeuge stehen an zentralen Zufahrtsstraßen. Absperrungen und Beton- oder Stahlpoller wurden vor wichtigen Gebäuden aufgebaut, um Anschläge mit Autos oder Lastwagen abzuwehren. Und es gibt unzählige Kameras, die wie Falken über einigen Stadtteilen wachen. Sovei Yousri sagt, dass die Menschen ein Stück weit den Behörden und der Polizei vertrauen müssen, auch wenn das schwer falle. 

Sovei Yousri (38) ist Kellner in einer Brüsseler Bar nahe dem U-Bahnhof Maelbeck. Sicher sei es nirgends in der Stadt, sagt er. 

Steffen Schulz ist Pressesprecher der EU-Kommission in München. Er spricht von Pragmatismus der Menschen in Brüssel. Heißt: Die Menschen müssen mehr aufpassen, ob sie verdächtige Personen um sich entdecken. Die Brüssler hätten gelernt, mit der Terrorangst zu leben, es sei eine „Sicherheitsmentalität“, die sich entwickelt habe. Diese jedenfalls, so scheint der Eindruck, wenn man durch die Innenstadt zwischen EU-Viertel und Gare Centrale (Hauptbahnhof) schlendert, führt dennoch nicht dazu, dass sich die Menschen zurückziehen oder verstecken: Bars, Restaurants und Plätze sind rege gefüllt, die Menschen wirken nach außen unbeschwert. 

Steffen Schulz (links), Pressesprecher der EU und Merkur-Reporter Christoph Hollender vor der EU-Kommission im Gespräch: In der Stadt gibt es eine „Sicherheitsmentalität“, sagt Schulz.

Undercover-Polizist: „Wer kommuniziert, wird überwacht“

Belgien hat seine Sicherheitsmaßnahmen in den letzten Monaten verstärkt, nach außen sichtbar, aber auch im Dunkeln und für die Bürger nicht wahrnehmbar. Gille Vos (Nachname von der Redaktion geändert) ist 38 Jahre alt und Polizist einer belgischen Spezialeinheit - er arbeitet undercover in Brüssel. Er erzählt, dass sich die Menschen hier unsicher fühlen und dass er das spüre. Niemand wolle länger als es sein muss in der U-Bahn verbringen, viele laufen regelrecht verunsichert durch die Bahnhöfe, um schnell wieder an die Oberfläche und nach Hause zu kommen - das sei auffällig. „Belgien baut das Sicherheitssystem stetig aus, es gibt mehr Polizisten und Spezialeinheiten in der Stadt“, sagt Vos. Das fällt auch auf. Viele Einheiten arbeiten undercover, so wie Gille Vos. Er sagt: „Man nimmt uns nicht wahr, aber wir sind da.“ In Zügen, auf Plätzen, an Bahnhöfen, in der Fußgängerzone und am Flughafen. Vieles laufe hinter den Kulissen, ohne, dass es im Alltag auffalle. Jeder, der am Bahnhof oder Flughafen ankomme, werde registriert, jeder, der in der U-Bahn unterwegs ist, im Auge behalten. 

Die Überwachung der Menschen nehme zu, die Behörden führten seit den Anschlägen 2016 einen „Big Check“ in Belgien durch, wie der 38-jährige Polizist sagt. Jeder, der sich in Belgien auffällig verhalte, werde überwacht, das beginne als erstes bei der Kommunikation - und jeder kommuniziere, meistens über Handy oder Computer.  „Du musst kommunizieren“, sagt Gille Vos, „um beispielsweise Waffen zu besorgen oder Anschläge zu koordinieren.“ Das würden die Behörden merken. Sagt er. Und: Brüssel sei in den letzten Monaten viel sicherer geworden. Dass sich die Menschen im Land selbst radikalisieren, so wie die Attentäter von Maelbeek, weiß er. Wie das zukünftig verhindert werden soll, nicht. Überwachung alleine reiche dann wohl nicht, gesteht Vos ein. 

Gille Vos arbeitet undercover für eine belgische Spezialeinheit in Brüssel. Sein Gesicht darf er nicht zeigen. Er sagt, dass die Stadt sicherer werde. 

In Brüssel macht sich seit Jahren ein gewisses Gefühl der Unsicherheit breit, es ist eine angespannte Atmosphäre in der Stadt, die im Alltagsleben von mehr als 1,1 Millionen Menschen aber untergehen muss. Während in Vierteln wie Molenbeek-Saint-Jean, in dem es ausgeprägte Parallelgesellschaften und nachweislich islamistische Strömungen gibt, das Spannungsgefühl offener ist, scheint jenes im Stadtteil Etterbeek, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Europäischen Viertel, eher latent und im Waffelduft unterzugehen. 

Malte Pieper ist Korrespondent in Brüssel und kennt die Stadt seit Jahren. Er selbst meidet die U-Bahn. 

Malte Pieper ist Brüssel Korrespondent von BR/SWR und MDR und kennt die Stadt seit Jahren. Er sagt, dass die Menschen das Gefühl wegdrücken. Er selbst fährt viel Fahrrad in der Stadt, die U-Bahn nutzt er nur selten. Falls doch, schaut er, ob jemand eine auffällige Tasche dabei hat oder sich sonderbar verhält. Durch Maelbeek zu fahren, ist immer ein „komisches Gefühl“. 

Strengere Kontrollen in Zügen

Dass sich die Stadt in den letzten Monaten optisch verändert hat, kann der Journalist bestätigen: Volksfeste und große Menschenansammlungen würden mit Panzersperren gesichert. Ab Juli sollen außerdem große Züge am Hauptbahnhof stärker überwacht und die Passagiere kontrolliert werden, bevor sie einsteigen, erzählt er.

Seit 2009 ist Monika Hohlmeier (CSU) im Europäischen Parlament und hat ein Büro in Brüssel. Die Gefühlslage in der Stadt und bei ihren Kolleginnen und Kollegen habe sich bereits nach den Anschlägen 2015 in Paris verändert. Nach den Anschlägen in Brüssel sei die Vorsicht noch größer geworden, betont die CSU-Politikerin. Niemand habe aber hysterisch reagiert. 

Das hat sich nach den Anschlägen verändert

Monika Hohlmeier (CSU) sagt, dass in Brüssel die Stimmung seit den Anschlägen in Paris angespannt ist.

Mitarbeiter von EU-Behörden und Parlaments-Abgeordnete hätten die Anweisungen bekommen, Züge oder öffentliche Plätze unverzüglich zu verlassen, wenn es eine unsichere Lage gebe. Die Anschläge in Europa hätten freilich die EU-Politik in Brüssel beeinflusst, sagt Hohlmeier, die Stellvertreterin im Innenausschuss der EU und innenpolitische Sprecherin der EVP-Fraktion ist. Zum Beispiel hat sich „die Zusammenarbeit der europäischen Behörden verändert und läuft seit den Anschlägen besser“. Das sei dem Druck durch die Terrorgefahr geschuldet. 

Panik am Gare Central

Wie real die aktuelle Terrorgefahr in Brüssel ist, zeigt der versuchte Anschlag eines Mannes im Juni am Bahnhof. Kurz nach einer kleineren Explosion schossen Soldaten einen mutmaßlichen Selbstmordattentäter nieder. Die belgischen Sicherheitsbehörden gehen von einem Terrorangriff aus, der Mann habe, laut Zeugenaussagen des Bahnhofsmanagers, „Allahu akbar“ gemurmelt. 

Das Gebiet um den Bahnhof Gare Central in der Brüsseler Altstadt wurde zum Teil geräumt. Die Menschen flüchteten in Panik durch die Stadt.  Viele brachten sich in Restaurants und anderen Gebäude oder Einrichtungen in Sicherheit. Nachdem die Behörden die beiden großen Bahnhöfe im Norden und Süden der Stadt komplett sperrten, läuft der Betrieb mittlerweile wieder. Die Terrorwarnstufe wurde nicht auf das höchste Niveau angehoben, Hinweise auf unmittelbar weitere Anschläge gebe es laut Behörden nicht. Was bleibt, ist eine Stimmung der Unsicherheit in Brüssel, wie in vielen anderen europäischen Städten dieser Tage auch. 

Doch Unsicherheit dürfe nicht zu Angst werden, sagt Sovei Yousri. Der Kellner arbeitet in Brüssel bis in die Nacht und kennt seine Stadt gut. Direkt vor seiner Bar kreuzen sich Straßen, Autos fahren, Menschen sitzen bis spät auf den Gehwegen und in den Bars, die Gegend in Etterbeek ist belebt, die Stimmung gut. Wann man Angst habe, sagt Yousri, gewinnen die Terroristen. Und die „sind keine Menschen, sondern Tiere“. 

Christoph Hollender

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