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Wie Orban-Freunde vom Sport profitieren: „Fußball ist hier Geldwäsche“

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Von: Andreas Schmid

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Bild links: Fußball: EM, Ungarn - Portugal, Vorrunde, Gruppe F, 1. Spieltag in der Puskás Arena. Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, steht vor dem Spiel auf der Tribüne. 
Bild rechts: Fußball: EM, Deutschland - Ungarn, Vorrunde, Gruppe F, 3. Spieltag. Ungarische Fans feiern am Wiener Platz
Viktor Orban investiert enorm in den ungarischen Fußball. Einerseits will er die Nationalmannschaft zu altem Glanz zurückführen, andererseits profitieren er und seine Vertrauten. © dpa/Robert Michael/Tobias Hase/Montage

Warum investiert Ungarn so enorm in den Sport, auch in den ausländischen? „Am Ende profitieren Fidesz-Granden und Orban-Getreue“, sagen Kritiker.

Budapest - Fährt man durch Ungarn, sieht man sie oft: hochmoderne Fußballstadien. Teure Arenen mit nicht selten mehr leeren als vollen Plätzen. Elf der zwölf ungarischen Erstligisten haben in den letzten zehn Jahren ein neues oder renoviertes Stadion bekommen. Auch dank Viktor Orban*.

Ungarns Sportpolitik: „Wir wollen der Welt beweisen, dass wir noch jemand sind“

Seit Orbans erneuter Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2010 fließt kontinuierlich mehr Geld in den Sport, vor allem in den Fußball. Ungarns Regierung investiert mehr Geld in die Sport- als in die Bildungspolitik. Seit 2010 sollen es mehr als zwei Milliarden Euro sein. Allein die Budapester Puskas-Arena, Ungarns neues Nationalstadion, kostete fast 600 Millionen Euro.

Wo viel Geld fließt, wird schnell der Vorwurf der Bereicherung laut. Zumindest stellen sich Fragen wie: Warum pumpt Ungarn so viel Geld in den Fußball, wo die eigene Liga doch bis auf Serienmeister Ferencvaros Budapest eher unattraktiv wirkt? Offiziell soll Ungarns Fußball zu altem Glanz zurückgeführt werden.

Als Vorbild dient die in Ungarn verehrte Jahrhundertmannschaft von 1954, die in Bern das WM-Finale gegen die Bundesrepublik verlor. Von derartig ruhmreichen Zeiten sind die Magyaren zwar weit entfernt. Kleinere Erfolge wie die Qualifikation für die EM werden aber dennoch gerne auf das eigene Zutun zurückgeführt. Dank Orban in die Weltklasse? „Wir haben uns das Ziel gesetzt, uns und der Welt zu beweisen, dass wir noch jemand sind“, sagt der Ministerpräsident, der sich selbst gerne als fußballverrückten Fan bezeichnet. Tatsächlich geht er häufig zu Spielen ins Stadion, auch im Ausland. Früher hat er als Stürmer gekickt.

„Ungarn hat nicht nur hervorragende Fußballer hervorgebracht, sondern gerade auch durch die 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine lange und erfolgreiche Fußballtradition“, sagt Philipp Hartewig, sportpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. „Investitionen in den Sport sind nicht verwerflich, aber es stellt sich daraus auch immer die Frage und Gefahr des Sportswashing.“ Unter Sportswashing versteht man das Ziel, das eigene Ansehen durch das Ausrichten von Sportveranstaltungen zu verbessern.

Ungarns goldene Elf, ganz links Nationalheld Ferenc Puskas.
Ungarns goldene Elf, ganz links Nationalheld Ferenc Puskas. Von 1950 bis 1954 blieb die Nationalmannschaft in 31 offiziellen Länderspielen in Folge ungeschlagen, bis sie im WM-Finale 3:2 gegen die BRD verlor. © Imago Sportfotodienst

Ungarns Sportpolitik: Fidesz-Verbindungen in die erste Liga

Aber profitiert Ungarns Fußball wirklich von den Investitionen? Oder sind sie nur ein Vorwand für andere Dinge im Hintergrund? Fakt ist: Ungarns Breitensport schaden bessere Fußballplätze nicht - auch, wenn sich die Investitionen in der Regel auf die großen Vereine beschränken. Von besseren sportlichen Bedingungen wiederum kann auch die Nationalmannschaft profitieren, zumindest in der Theorie. Orbans Erzählung vom gütigen Geldgeber für die im Land immerhin populärste Sportart ist damit jedoch keineswegs auserzählt.

Orban hat es geschafft, in nahezu jedem ungarischen Profiklub einen Vertrauten zu installieren. „Alle ungarischen Vereine haben Verbindungen in Orbans Fidesz-Partei“, sagt ein ungarischer Sportjournalist. Beim aktuellen Tabellenzweiten Kisvarda etwa würde Orbans ehemaliger Entwicklungsminister Miklos Sesztak die Geschicke leiten. Ein offizielles Amt hat Sesztak nicht. Auf Anfrage wollte er sich ebenso wenig äußern wie Orbans Regierung.

Offensichtlicher ist die Orban-Verbindung in Felcsut. Orban ist in der knapp 2000-Einwohner-Gemeinde 45 Kilometer von Budapest entfernt aufgewachsen. 2005 hat er den Verein Puskas Akademika gegründet - und ihn seitdem kontinuierlich mit Vertrauten besetzt. Anfangs war Orban selbst Präsident, nun ist es sein Jugendfreund Lorinc Meszaros. Ein 56-jähriger Geschäftsmann, der eine beeindruckende Vita vorzuweisen hat. Binnen weniger Jahre ging es vom einfachen Gasinstallateur zu Ungarns reichsten Mann.

Meszaros neben Orban im Stadion.
Meszaros neben Orban im Stadion. Wie konnte er so reich werden? Er selbst sagt: „Durch Gott, Glück und sicherlich auch Viktor Orban.“ © Szilard Vörös/estost.net/Imago

Ungarn-Wahl: „Das ist Wahlbetrug“ - Orban setzt auch auf im Ausland lebende Wähler

Orban macht darüber hinaus keinen Hehl daraus, dass er gerne zu großungarischer Stärke wie im Königreich Ungarn zurückkehren würde. Deshalb hat er einen besonderen Blick für im Ausland lebende Ungarn. Auch sie sind bei der Wahl am 3. April stimmberechtigt. Es scheint, als wolle sich Orban auch mit deren Unterstützung im Amt bestätigen lassen.

Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter kritisiert, wie die Regierung dabei vorgeht. „Die ungarischen Minderheiten können sich mit einem Wohnsitz zur Wahl registrieren lassen. Dann leben plötzlich mehrere Hundert an einer Adresse.“ Ungarn habe „sehr großzügig“ Pässe an ungarisch sprachige Minderheiten ausgegeben. In knappen Wahlkreisen könnten diese Menschen für „sehr verzerrende Ergebnisse“ sorgen. Für den früheren Grünen-Fraktionschef ein Unding: „Man verschiebt Menschen, von denen man ausgeht, dass sie einen wählen, in den Wahlkreisen hin und her. Das ist Wahlbetrug.“

Der frühere Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter war eine Woche vor der Ungarn-Wahl zusammen mit dem Grünen-Europapolitiker Daniel Freund vor Ort, um sich ein Bild vom Wahlkampf zu machen.
Der frühere Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter war eine Woche vor der Ungarn-Wahl zusammen mit dem Grünen-Europapolitiker Daniel Freund vor Ort, um sich ein Bild vom Wahlkampf zu machen. Gegenüber Merkur.de schildern die beiden Politiker ihre Eindrücke. © Istvan Bielik/fkn

Ungarns Sportpolitik: Rumänien, Serbien, Slowenien - Orbans Investitionen in „Großungarn“

Tatsächlich ist die Fidesz-Partei auch fernab des Wahlkampfs sehr präsent in jenen Regionen, in denen viele Ungarn leben. Rund 70 Millionen Euro soll die Regierung in ausländischen Sport investieren, wohl um „die Nation zu einen“, wie Orban einst sagte. Zu sehen ist das etwa in der Region Siebenbürgen (Transsylvanien) in Rumänien. Dort investiert die ungarische Regierung in zwei Profiklubs. Sepsi Sfantu Gheorghe und FK Miercurea Ciuc. Sepsi, ein Klub aus Sankt Georgen, wo die Bevölkerung zu 70 Prozent aus Ungarn besteht, qualifizierte sich vergangenes Jahr das erste Mal für einen europäischen Wettbewerb, die neu geschaffene Uefa Conference League.

Im kroatischen Osijek hatte Orban-Freund Meszaros zwischenzeitlich Anteile am Erstligisten NK Osijek. Meszaros wollte auch in den SV Mattersburg in Österreich investieren, ein Deal kam jedoch nicht zustande. Fidesz-Verbindungen gibt es auch ins slowenische Nafta oder das slowakische Dunajska Streda, wo sich 75 Prozent der Einwohner als Ungarn bezeichnen. Der FC DAC ist auch dank eines neuen Stadions mittlerweile ein Spitzenklub, sechs Ungarn spielen im Team.

In Serbien errichtete Orban eine Fußballakademie für den TSC Backa Topola. Laut Zahlen von 2011 leben in der rund 30.000-Einwohner-Stadt knapp 60 Prozent Ungarn. Für Backa Topola ging es binnen weniger Jahre von der vierten Liga bis in die Europa League Qualifikation, aktuell ist der ehemalige Provinzklub Fünfter.

Viktor Orban 2018 bei der Eröffnung der Fußballakademie im serbischen Backa Topola.
Viktor Orban 2018 bei der Eröffnung der Fußballakademie im serbischen Backa Topola. Die Stadt liegt in der Provinz Vojvodina, die früher zu Großungarn gehörte. © Marko Metlas/Imago

Ungarns Sportpolitik: „Am Ende profitieren Fidesz-Granden und Orban-Getreue“

Wer profitiert von den Investitionen, will Merkur.de von der Regierung wissen. Keine Antwort. Peter Marki-Zay, Orbans Gegenkandidat bei der Wahl am 3. April, antwortet hingegen, wenn auch im Wahlkampfmodus: „Orban profitiert. Da brauchen Sie gar nicht nach anderen Profiteuren suchen. In Ungarn geht nichts ohne Orban.“ Laut Marki-Zay spielt in den Investitionen auch der Nationalstolz eine Rolle. Eine gute Nationalmannschaft führe die Menschen zusammen. Das konnte man bei der Europameisterschaft vergangenes Jahr beobachten, als sich Fans aller ungarischer Erstligisten geschlossen hinter der Nationalmannschaft vereinigten. Anders als etwa in Deutschland genießt die Nationalmannschaft in Ungarn deutlich mehr Anerkennung als etwa der Klubfußball.

Marki-Zay sagt über Meszaros: „Er ist durch Orban reich geworden und alles andere als unabhängig.“ Orbans Gegenkandidat lässt Vorwürfe der persönlichen Bereicherung mitschwingen. Weil Orban aufgrund seines Ministerpräsidentenamtes keine privaten Unternehmen besitzen dürfe, würde er den Umweg über Meszaros gehen. „Meszaros ist nichts anderes als Orbans Geldbeutel. Sein Vermögen ist auch Orbans Vermögen, da gibt es gar keine Zweifel.“

Orbans Herausforderer bei der Ministerpräsidentenwahl am 3. April: Peter Marki-Zay.
Orbans Herausforderer bei der Ministerpräsidentenwahl am 3. April: Peter Marki-Zay. © Peter Kohalmi/AFP

Ungarns Sportpolitik: Hand in Hand mit der Uefa

Auch die SPD-Politikerin Sabine Poschmann sieht „zahlreiche Anhaltspunkte für Vetternwirtschaft und Wettbewerbsverzerrung“. Orbans Politik sei „gekennzeichnet von Machtkonzentration auf allen Ebenen, verbunden mit der Aushöhlung fundamentaler demokratischer Prinzipien“, sagt die sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Merkur.de.

Sabine Poschmann (SPD) im Deutschen Bundestag.
Sabine Poschmann sitzt seit 2013 im Deutschen Bundestag. Sie ist Mitglied im erweiterten SPD-Fraktionsvorstand und seit Dezember sportpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. © Political Moments/Imago

Orban nutze den Sport und insbesondere den Fußball „für Propagandazwecke, zur Stärkung des Nationalstolzes und der ungarischen Identität“. Deshalb würde Ungarn auch immer wieder sportliche Großevents wie die Handball-EM oder diverse internationale Spiele austragen. „Orban will Ungarn offenkundig als attraktiven Standort für Sportgroßveranstaltungen in Stellung bringen.“ Budapest wurde auch schon das Finale der Europa League 2023 zugesprochen.

Mehrere Champions-League-Spiele wurden nach Budapest verlegt, etwa um Reiseeinschränkungen für die Teams zu umgehen oder vor Fans spielen zu können, wie der FC Bayern im Supercup gegen den FC Sevilla. Die Uefa ist dem nicht abgeneigt. Auch durch das Einspringen von Budapest konnten der eng getaktete Spielkalender eingehalten und damit freilich wiederum mehr Einnahmen erzielt werden.

Ungarns Sportpolitik: „Das Sytsem Orban ist ziemlich einmalig“

In Ungarn sind Politik und Sport insgesamt eng miteinander verflochten. Zu eng? Der Grünen-Europapolitiker Daniel Freund spricht gegenüber Merkur.de von Korruption: „Wie zahlreiche öffentliche Bereiche Ungarns ist auch der Sport geprägt von korrupten Machenschaften. Öffentliche Gelder werden in Fußballmannschaften gepumpt, ohne dass dies durch eventuelle sportliche Erfolge gerechtfertigt wäre. Am Ende profitieren Fidesz-Granden und Orban-Getreue.“ Konkret: „Jene, die mit öffentlichen Aufträgen zu Millionären und Milliardären geworden sind.“ Etwa durch teure Projekte beim Stadionbau.

Die heutige Bundestags- und frühere EU-Abgeordnete Inge Gräßle sieht das ähnlich. Als EU-Haushaltskontrolleurin habe sich die CDU-Politikerin „stark für die europäischen Gelder eingesetzt, aber das System Orban ist ziemlich einmalig“, sagt sie Merkur.de. „Es beruht nicht zwingend auf persönlicher Bereicherung - wenn man vom Schwiegersohn mal absieht - sondern auf der Vermischung von Politik und Wirtschaft.“ Orbans Schwiegersohn Istvan Tiborcz ist in viele Geschäfte mit Orbans Kumpel Meszaros involviert. Es gibt auch Berichte wonach das Familienunternehmen von Orbans Vater Gyözö in die Geschäfte miteingebunden wird.

Auch Freund spricht von einem „ausgeklügelten System“, das Orban im Sport geschaffen habe. „Es dient einem einzigen Zweck: Öffentliche Gelder in die Taschen seiner politisch Getreuen wandern zu lassen.“ Im Profi-Fußball gelte in Ungarn: „Erfolgreich wird am Ende der, der nah an den politisch Mächtigen ist. Fußball ist hier nicht nur Prestige. Fußball ist hier Geldwäsche.” (as) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Ungarn-Wahl 2022

Dieser Text ist Teil unserer Berichterstattung zur Ungarn-Wahl am 3. April. Bereits erschienen ist ein Text über Puskas Akademia, einen Fußballklub in Viktor Orbans Heimatort. Am Samstag folgt ein Interview mit Peter Marki-Zay, Orbans Herausforderer.

Ungarn-Wahl 2022 bei Merkur.de

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