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Eine Aufnahme der italienischen Marine zeigt ein Flüchtlingsboot am 25. Mai 2016, das kurz vor dem Kentern steht.

Todesroute übers Mittelmeer

UNHCR: 2016  bereits mehr als 2.500 Flüchtlinge ertrunken

Berlin - Einen traurigen Halbjahresrekord vermeldet das Flüchtlingshilfswerk UNHCR: Noch vor Ende des ersten Halbjahres sind bereits mehrere tausend Menschen auf der Flucht ertrunken.

Bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, sind in diesem Jahr nach UN-Angaben bereits mehr als 2500 Menschen ums Leben gekommen. Gleichzeitig hätten seit Anfang des Jahres 204.000 Schutzsuchende über den Seeweg die EU erreicht, sagte ein Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) am Dienstag in Genf. Die deutsche Organisation Sea-Watch veröffentlichte das Foto eines im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingsbabys.

2016 sei bislang ein "besonders tödliches" Jahr, sagte UNHCR-Sprecher William Spindler. Demnach ertranken mindestens 2510 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer. Die Vergleichszahl für die ersten fünf Monate des vergangenen Jahres liegt bei 1855 Toten. Laut Spindler verloren allein in der vergangenen Woche 880 Menschen ihr Leben, als mehrere Flüchtlingsboote auf dem Weg nach Italien havarierten. Überhaupt sei die Route zwischen Nordafrika und Italien "erheblich gefährlicher" als der Weg über die Ägäis nach Griechenland, sagte Spindler. So seien 2119 der mehr als 2500 Opfer auf dem Weg über das südliche Mittelmeer ums Leben gekommen.

Bild eines ertrunkenen Flüchtlingsbabys geht um die Welt

Ein Helfer hält ein ertrunkenes Flüchtlingsbaby in den Armen.

Sea-Watch veröffentlichte am Dienstag das Foto eines im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingsbabys und forderte zum Handeln auf: "Wenn wir solche Bilder nicht mehr sehen wollen, müssen wir aufhören, sie zu produzieren", erklärte die Organisation. Das Bild zeigt einen Rettungshelfer an Bord eines Bootes, der ein totes Baby im Arm hält. Er hält den Kopf gesenkt und blickt das Kind an.

Das Baby, dessen Alter und Identität unklar blieb, war nach Angaben von Sea-Watch gemeinsam mit rund 350 Flüchtlingen an Bord eines Holzbootes, das Ende vergangener Woche vor der libyschen Küste kenterte. Als das Rettungsboot von Sea-Watch die Schiffbrüchigen erreicht habe, seien viele Menschen bereits ertrunken gewesen, erklärte die Organisation.

Vor dem Hintergrund solcher Tragödien werde klar, dass Aufrufe von EU-Politikern, dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu bereiten, lediglich "Lippenbekenntnisse" seien, erklärte Sea-Watch. Die Gruppe begründete die Veröffentlichung des erschütternden Bildes mit der Dramatik der Ereignisse. Die europäische Gesellschaft müsse sich solche Bilder anschauen, denn diese Tragödien seien "Konsequenz der europäischen Außenpolitik". Im vergangenen Jahr war das Bild des kleinen syrischen Jungen Aylan Kurdi um die Welt gegangen und zum Symbol der Flüchtlingskrise geworden. Die Leiche des ertrunkenen Dreijährigen war an einem türkischen Strand angeschwemmt worden.

16 Schleuser auf Sizilien festgenommen

Auf Sizilien wurden derweil nach Angaben der Staatsanwaltschaft 16 mutmaßliche Schleuser festgenommen wurden. Sie sollen zum Preis von 500 bis 1000 Euro pro Person den Transport von rund 900 Flüchtlingen aus Libyen nach Italien organisiert haben.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, forderte eine verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland und eine Beschleunigung von Familienzusammenführung. "Unserer Erstaufnahmeeinrichtungen stehen an vielen Stellen leer", sagte Göring-Eckardt. "Wir haben Kapazitäten."

EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos äußerte die Befürchtung, die nach Europa kommenden Flüchtlinge könnten als unfreiwilligen Drogenkuriere missbraucht werden. Drogenschmuggler hätten keine Hemmungen, "verzweifelte Menschen auszunutzen", sagte Avramopoulos vor Journalisten in Lissabon.

AFP

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