Union umwirbt türkische Wähler

Berlin/München - 1,7 Millionen Türken leben in Deutschland. Sie gelten als sehr konservativ. Dennoch wählt eine große Mehrheit der Eingebürgerten die SPD.

Bülent Arslan ist überzeugt: Eigentlich seien die in Deutschland lebenden Türken typische Wähler der Union, sagt der CDU-Politiker über seine Landsleute. "Die wertkonservativen Haltungen sind oft dieselben." Der Großteil der zugewanderten Türken vertritt das klassische Familienbild und wünscht sich einen starken Staat. "Wir Muslime fühlen uns auch in einer christlich geprägten Partei aufgehoben, solange sie uns nicht ausgrenzt", sagt Arslan.

Der 32-jährige Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen ist Mitglied des CDU-Vorstands, er arbeitet in der Islamkonferenz mit Kanzlerin Merkel zusammen und leitet das "Deutsch-Türkische Forum" der Union. Bülent Arslan ist ein gefragter Mann, denn er vertritt eine gefragte Wählerklientel: die Zuwanderer.

6,7 Millionen Ausländer leben in Deutschland. Die mit Abstand größte Gruppe bilden die 1,7 Millionen Türken. Von den knapp 1 Million eingebürgerten Türken besitzen nach Schätzungen rund 700 000 Bürger das Wahlrecht. Damit stellen die Wähler mit türkischer Herkunft gut ein Prozent aller 62 Millionen Wahlberechtigten. In Großstädten wie München oder Köln hat etwa jeder fünfte Wähler einen Migrationshintergrund. Bisher wurde der Gruppe nur wenig Bedeutung beigemessen - auch von Seiten der Demoskopen. Meinungsforscher gehen davon aus, dass 80 Prozent der türkischstämmigen Deutschen SPD wählen und maximal acht Prozent die Union. Doch genaue Daten gibt es nicht.

Auch wenn sie bundesweit nur ein Prozent der Wahlberechtigten ausmachen: Die Stimmen der Migranten können letztlich den Ausschlag geben. Die Adenauer-Stiftung ist überzeugt, dass der knappe Wahlausgang 2002 und die Niederlage des Kanzlerkandidaten Stoiber von den Deutsch-Türken entschieden wurde. 2005 war ihr Einfluss ebenfalls beträchtlich. CDU und CSU sind alarmiert: Nach dem Wahldebakel in Hessen wächst der Druck auf die Unionsspitze, mehr auf Migranten einzugehen. "Was das Thema Integration anbelangt, wurden bei diesem Wahlkampf sehr viele Fehler gemacht", kritisiert der CDU-Politiker Heiner Geißler. Sein Parteifreund Arslan wandte sich schriftlich an Kanzlerin Merkel und kritisierte den "polarisierenden Wahlkampf" von Ministerpräsident Koch. Viele Deutsch-Türken fühlten sich von der CDU "bewusst vor den Kopf gestoßen und ausgegrenzt", so Arslan. "Wir müssen uns festlegen: Wollen wir in Zukunft eine Partei sein, die nur die Deutschstämmigen anspricht, oder binden wir Migranten bewusst ein?"

Vor einer Woche haben auch türkischstämmige Schauspieler, Musiker und Wissenschaftler CDU und CSU aufgefordert, "mehr Sensibilität und Sachlichkeit in die Debatte um Jugendgewalt zu bringen". Es sei zwar unbestritten, dass die Zahl der Ausländer unter jugendlichen Straftätern hoch sei. Koch aber habe kein einziges Problem gelöst, sondern "rassistische Ressentiments" geschürt. In ihrem offenen Antwortbrief gingen 17 Unions-Politiker auf Distanz zu Koch und mahnten ebenfalls zu einem sachlicheren Ton.

Längst gibt es auch in der CSU Stimmen, die mehr Rücksichtnahme auf Muslime fordern. So plädierte Landtagspräsident Alois Glück lange vor der Hessen-Wahl für eine Öffnung zum Islam: Die notwendige Wachsamkeit gegen Extremisten dürfe nicht zu einem Klima des Misstrauens führen. Wenn Muslime die deutsche Politik und Gesellschaft nur abwehrend erlebten, drohe Konfrontation und Polarisierung.

"Wenn man meine Landsleute so behandelt wie im hessischen Wahlkampf, werden sie sich wehren", sagt Nesrin Yilmaz. Die 42-Jährige sitzt für die CSU im Stadtrat von Ingolstadt. "Hauruck-Aussagen schaden der Union", warnt die türkischstämmige Unternehmerin. Sie distanziert sich von Kochs Kampagne ebenso wie vom "Schläger-Plakat" der Münchner CSU. Ihrer Partei rät Yilmaz, Einwanderer einzubinden. "Türken sind sehr konservativ. Das ist ein Wählerpotenzial." Immer mehr Deutschtürken interessierten sich für die Union. "Schichten, die früher die CSU abgelehnt haben, gehen heute auf unsere Partei zu", freut sich Yilmaz. Die Politik müsse den Migranten dieselbe Offenheit entgegenbringen.

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