+
Randale: Am Donnerstag arteten in Paris Schülerproteste aus.

Ultrarechte sprechen von „Migrantenkrieg“

Unruhen in Pariser Vororten: Der eingebildete Bürgerkrieg

  • schließen

München/Paris – Seit Polizisten einen Schwarzen misshandelt haben, gibt es in einigen Pariser Vororten Proteste. Ultrarechte Kreise sprechen schon von einem „Migrantenkrieg“ – und ignorieren die wirklichen Ursachen.

Das junge Jahr hat sein erstes kleines Déjà-vu. Autos brennen. Schaufensterscheiben zerspringen, vermummte Gestalten stapeln Mülltonnen zu Barrikaden auf und werfen Steine auf Polizisten. Die knüppeln zurück. Es gibt Verletzte auf beiden Seiten. Szenen aus Bobigny, einem Vorort von Paris. Sie erinnern an die Krawalle von 2005. Eine Region in Unruhe.

Hunderte demonstrieren gegen Polizeigewalt

Einiges ähnelt sich, längst nicht alles. Vor zwölf Jahren kamen zwei Jugendliche auf der Flucht vor Polizisten um, heuer brachte die mutmaßliche Misshandlung eines jungen Schwarzen durch vier Polizisten das Fass zum Überlaufen. Seither demonstrieren Hunderte friedlich gegen Polizeigewalt und fordern „Justice pour Théo“, Gerechtigkeit für Théo. Dass sich gleichzeitig junge Franzosen aus Migrantenfamilien mit extremen Linken verbinden und randalierend durch Pariser Vororte ziehen, ist bitter, aber kaum mit 2005 vergleichbar. Damals gab es Straßenkämpfe in mehreren Städten, 2500 Randalierer wurden verhaftet. Diesmal sind es Berichten zufolge 200.

So weit die Fakten. Im Internet basteln sich rechte Kreise derweil ihre eigene Wahrheit. Die klingt dann so: „Migrantenkrieg in Frankreich“ (pi-news). „Frankreich vor der Staatskrise“ (Junge Freiheit). „Frankreich am Rande des Bürgerkriegs“ (Blaue Narzisse). „Wird Frankreich als erstes Land in Europa fallen?“ (pi-news). Die islamfeindliche US-Bloggerin Pamela Geller listet „No-Go-Areas“ für Weiße auf. Der Subtext geht so: Seht, was die Muslime mit Paris machen, das blüht bald ganz Europa. Und die „Systempresse“, gemeint ist auch diese Zeitung, schweigt.

„Mit einem Bürgerkrieg hat das alles nichts zu tun.“

Benjamin Schreiber weiß nichts von No-Go-Areas und auch nichts von einer Staatskrise. Der 36-jährige Franzose ist in einem Pariser Vorort groß geworden, lebt und arbeitet in der Innenstadt. Die Ausschreitungen seien eine ernste Sache, sagt er. „Mit einem Bürgerkrieg hat das alles aber nichts zu tun.“ Auch Victoria Weidemann nennt das Getöse „völligen Unfug“. Die 30-jährige Deutsche lebt seit über zehn Jahren in Paris. Auch in der Innenstadt habe es vergangene Woche Randale gegeben, sagt sie. Eingeworfene Scheiben, Tränengas. Aber das waren Episoden.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Was ist da los?

Die Krawalle, sagt Schreiber, seien ein Zeichen für ein grundlegendes Misstrauen zwischen jungen Franzosen und der Polizei. „Das ist ein ganz großes Thema hier.“ In den bevölkerungsreichen Pariser Vororten leben in erster Linie junge Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien im Maghreb und Subsahara-Afrika. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Kriminalitätsrate auch. Vor allem Drogen sind ein Problem. Aus Polizeisicht eine echte Brennpunktregion. Einerseits.

Wahr ist aber auch, „dass die Polizei gegen Franzosen mit dem entsprechenden Aussehen häufig härter vorgeht als gegen Weiße“. Das sagt Nino Galetti, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Paris leitet. Zivilgesellschaftliche Gruppen klagen schon lange über das „Racial Profiling“ der Sicherheitskräfte. In dieser Gemengelage reicht ein kleiner Funke zur Eskalation. Der Fall Théo war einer. Am 2. Februar überprüften vier Beamte den 22-Jährigen in Bobigny, einer soll den jungen Mann mit seinem Schlagstock im Rektalbereich schwer verletzt haben.

Rechte: Kampf um Europa

Die Regierung, sagt Galetti, habe das Problem in den Banlieus bis heute nicht in den Griff bekommen. Die Wunden drohen immer wieder aufzuplatzen. Stramm Rechte bedanken sich – und deuten den Fall Théo in ihren Online-Foren in einen Kampf um Europa um. Auch der Front National (FN) profitiert zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen von einer Stimmung des Unmuts. FN-Chefin Marine LePen stellt sich klar auf die Seite der Polizei, der sie im Falle eines Wahlsieges mehr Personal verspricht. Vom Bürgerkrieg hat sie bislang nicht gesprochen.

Übertreibung zu geißeln heißt nicht, die Realität zu verschweigen. Erst gestern kam es bei Schülerprotesten in Paris zu unschönen Szenen. Die Demonstranten blockierten 28 Gymnasien, Mülltonnen brannten, Steine flogen. Auf Plakaten war „Gerechtigkeit“ zu lesen. Aber auch „Rache“.

Frankreich: Proteste gegen Polizeigewalt eskalieren - Bilder

Marcus Mäckler

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

SPD-Chef Schulz stellt sich in Abschiebefrage gegen Albig
Kiel - SPD-Chef Schulz wirbt im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf für die Fortsetzung der Küstenkoalition. Bei der Abschiebungsfrage aber hat er eine klare …
SPD-Chef Schulz stellt sich in Abschiebefrage gegen Albig
Merkel will Welt-Fonds für Frauen - Treffen mit Ivanka Trump
Die Kanzlerin bezieht First Daughter Ivanka in eine Debatte über Frauenförderung ein. Das Ziel: die Einigung auf einen Finanzfonds beim G20-Gipfel in Hamburg. Dafür …
Merkel will Welt-Fonds für Frauen - Treffen mit Ivanka Trump
SPD-Chef Schulz stellt sich in Abschiebefrage gegen Albig
SPD-Chef Schulz wirbt im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf für die Fortsetzung der Küstenkoalition. Bei einem sensiblen Thema aber geht er auf Distanz zum …
SPD-Chef Schulz stellt sich in Abschiebefrage gegen Albig
Emmanuel Macron: Seine Ehefrau Brigitte ist 24 Jahre älter
Paris - Brigitte Macron: Die Ehefrau des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron ist 24 Jahre älter als ihr Mann. Ihre Liebe begann, als sie seine …
Emmanuel Macron: Seine Ehefrau Brigitte ist 24 Jahre älter

Kommentare