Untergang der "Wilhelm gustloff" - "Es war totenstill"

München - Es ist keine Übertreibung: Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" ist bis heute die größte Katastrophe der Seefahrt. Mehr als 9000 Menschen kamen in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in der eiskalten Ostsee ums Leben.

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" forderte sechsmal mehr Opfer als das Sinken der "Titanic". Das Schiff, benannt nach einem erschossenen und von den Nazis flugs zum Märtyrer stilisierten NSDAP-Landesgruppenleiter, war ursprünglich für "Kraft durch Freude"-Kreuzfahrten konzipiert: Sie bot 417 Mann Besatzung und 1463 Passagieren Platz. Die Kabinen waren gleich - ganz der NS-Ideologie entsprechend: Es gab Zwei- oder Vierbettkammern, alle hatten fließend kaltes und warmes Wasser, einen Tisch, ein Sofa, Stockbetten und einen Kleiderschrank für jeden Gast. Ein enormer Luxus, den die Reisenden auf Touren ins verbündete Italien oder nach Norwegen genießen durften.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs übergab man das aus Wochenschauen und Zeitungen jedem Bürger vertraute Schiff der Kriegsmarine. Von November 1940 an wurde die "Gustloff", eine Art Stahl gewordener NS-Mythos, nach einigen Einsätzen als Lazarettschiff zum Wohnschiff einer in Gotenhafen (heute Gdynia) stationierten U-Boot-Lehrdivision.

Nie werde die russische Armee auch nur einen Fuß nach Ostpreußen setzen, tönte der Königsberger Gauleiter Erich Koch noch im September 1944. Nach dem Durchbruch der Roten Armee einen Monat später wurde überstürzt das "Unternehmen Hannibal" angekündigt: 2,5 Millionen Menschen sollten ins westliche Deutschland gebracht werden - auch mit den in den Häfen liegenden Schiffen: etwa der "Kap Arkona", der "Deutschland" oder der "Hansa".

"Aber die Leute wollten auf die ,Gustloff, weil sie das durch die Propaganda bekannteste Schiff war", weiß Rudolf Geiss, der als Ober-steuermann an Bord arbeitete. Die Trecks mit den Flüchtlingen aus dem Osten, vor allem Frauen, Kinder und Alte, waren oft bereits Wochen unterwegs und am Ende ihrer Kräfte, als sie in den Häfen von Pillau, Danzig oder Gotenhafen ankamen. Wer es bis hierher geschafft hatte, glaubte sich gerettet, wenn er auf einem der übervollen Schiffe stehen würde, die jetzt täglich Richtung Westen ablegten.

Rudolf Geiss bricht heute noch die Stimme, wenn er sich erinnert: "In der Stadt drängten sich plötzlich bis zu 300 000 Flüchtlinge, fast nur Frauen und Kinder. Erst wurden sie in Hotels untergebracht. Da waren schnell alle Zimmer zwei- bis dreifach belegt. Schließlich lagen die Leute sogar auf den Fluren. Man konnte sie ja nicht auf der Straße erfrieren lassen, es waren zu dieser Jahreszeit durchschnittlich 20 Grad unter null."

Am 24. Januar kam der Befehl, "den nicht für Soldaten und Marinehelferinnen benötigten Schiffsraum" für den Abtransport der Zivilbevölkerung zu nutzen. 5000 Personen sollte die "Wilhelm Gustloff" aufnehmen, bevor sie sich auf den Weg nach Flensburg und Kiel machen würde. Heinz Schön, damals Zahlmeister-Lehrling an Bord, erinnert sich, dass die ersten Passagiere am 25. Januar um 5 Uhr in der Früh an Bord kommen sollten: "Man konnte den Pier vor lauter Menschen nicht mehr erkennen. Jeder wollte auf das Schiff. Vier Tage lang dauerte die Einschiffung. Die 5000 Passagiere, die wir eigentlich mitnehmen sollten, hatten wir am zweiten Tag erreicht. Aber es hieß: weiter einschiffen."

Am 30. Januar, dem Jahrestag von Hitlers Machtübernahme, sollte die "Gustloff" endlich auslaufen: "Ein ungutes Gefühl hatten wir Besatzungsmitglieder alle. Aber das hing mit der Überladung des Schiffes zusammen", sagt Heinz Schön. "Es war für 2000 Passagiere gebaut. Jetzt waren fünfmal so viele Leute an Bord, und die sanitären Verhältnisse beispielsweise waren katastrophal."

Mit nur geringem Geleitschutz legt die "Gustloff" gegen 13 Uhr ab, an Bord um die 10 300 Menschen. Genau lässt sich das in der Rückschau nicht sagen, da in der Eile auf die Registrierung der Passagiere verzichtet wurde.

Bis heute wird diskutiert, ob eine Deklaration als "Lazarettschiff" den über 9000 Zivilisten an Bord mehr Schutz geboten hätte - völkerrechtlich galt die "Gustloff" als Kriegsschiff. Vier Kapitäne waren anwesend, die von der Gefahr durch russische U-Boote wussten. "Die haben sich laut gestritten auf der Brücke", erzählt Rudolf Geiss. "Aber worum es im Einzelnen ging, habe ich nicht richtig mitbekommen. Nur, dass es um die Frage ging, ob der Weg über die offene See oder entlang der Küste sicherer wäre." Kurz nach 21 Uhr schlagen plötzlich drei Torpedos ein, abgefeuert vom sowjetischen U-Boot S 13, das in der Danziger Bucht auf Lauer lag. Die "Gustloff" sinkt innerhalb einer knappen Stunde.

Heinz Schön war damals 18 Jahre alt. Was er in dieser Nacht erleben musste, prägte sein Leben: "Nach den Torpedos gingen Licht und Maschinen aus. Es war totenstill. Danach neigte sich das Schiff und man hörte, wie in den Kammern alles hin und her flog. Ich habe mir Mantel und Schwimmweste angezogen und wollte raus. Aber der Schlagseite wegen hatte sich die gesamte Konstruktion verschoben. Meine Tür klemmte, und ich hörte, dass aus vielen Kabinen die Menschen nicht mehr herauskamen und dadurch in diesem Moment schon zum Tode verurteilt waren. Als ich es geschafft hatte, drängte ich mich mit den anderen zum Oberdeck. Überall in den Gängen und auf der Freitreppe lagen totgetrampelte Menschen. Der Rest schob sich schreiend darüber hinweg. Man wurde einfach von dieser Masse Mensch nach oben ins Freie gedrückt. Jemand riss mir meine Schwimmweste weg, und einen Schuh habe ich ebenfalls verloren, weil sich ein Mann daran festgeklammert hatte. So kam ich an Deck, das vollkommen vereist war, weil es die ganze Zeit über leicht geschneit hatte. Alle rutschten hilflos herum, und an die Reling geklammert bewegte ich mich zu den Rettungsbooten."

Es sind dramatische Szenen: Mütter und Kinder, die voneinander getrennt wurden, schreien panisch. Ein Mann in Parteiuniform, der Frau und Tochter erschießt, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. Ein Soldat, der mit Kopftuch getarnt ins Rettungsboot drängt, entdeckt und sofort erschossen wird.

Um 22.15 Uhr ist die "Gustloff" von der Wasseroberfläche verschwunden. Herbeieilende Boote und Schlepper können nur 1252 Menschen retten, darunter auch Geiss und Schön. Nach mehr als fünf Stunden im eiskalten Wasser werden sie herausgefischt. Unterkühlt, aber am Leben. Geiss ahnt, dass "man als Seemann bessere Chancen zum Überleben" hatte. "Wir kannten uns aus. Die vielen Frauen mit ihren Kindern, die wussten ja nicht einmal, in welche Richtung sie laufen sollten, um ans Oberdeck zu gelangen."

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