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Die US-Wahl in New York ist im vollem Gange. Auch Hillary Clinton und Donald Trump haben bereits ihre Stimmen abgegeben.

US-Wahl 2016 im vollem Gange

Ende einer Achterbahnfahrt: New York geht wählen

New York - 16 Monate haben sich die Kandidaten im Rennen ums Weiße Haus beharkt, nun kommen die Amerikaner zum Zug. Die Stimmung an den Wahllokalen in New York ist gemischt.

Für Jim Gold ist die Sache klar. „Ich wähle seit 1980 bei Präsidentschaftswahlen - und das ist die wichtigste Wahl, an der ich jemals teilgenommen habe.“ Seinen ausgefüllten Stimmzettel im mehrsprachig bedruckten Papp-Umschlag hält der New Yorker stolz in der Hand, den Aufkleber mit der Aufschrift „I Voted“ vor dem Bild der Freiheitsstatue hat er sich an den Pullover geklebt. Darunter: Der sattblaue Flyer mit dem weißen „H“ der Kampagne von Hillary Clinton. Die politische Lage im Land beschreibt er als „abscheulich.“

Ein bisschen gedrängelt und geschoben wird in der Turnhalle an der Henry Garnet High School in Manhattans Stadtteil Harlem am Dienstag schon, und nicht jeder weiß auf Anhieb, wo er seinen Stimmzettel bekommt oder wo er sich anstellen muss. Doch nach dem ersten Andrang am Morgen werden die Warteschlangen kürzer. „Es läuft reibungslos. Kein Streit, gar nichts“, sagt Ahmad Ellis, der sich als freiwilliger Helfer an einem Wahllokal am Malcolm X Boulevard postiert hat.

Südlich vom Central Park ist die Stimmung deutlich angespannter. Der Gehweg rund um den bronzefarbenen Wolkenkratzer des republikanischen Kandidaten Donald Trump ist abgesperrt, Hunderte Schaulustige und Journalisten drängeln sich an einer nahegelegenen Schule, um den Milliardär beim Urnengang zu beobachten.

Feministinnen protestieren „oben ohne“ in Trumps Wahllokal

Als zwei Frauen sich dort ihre Oberteile vom Körper reißen, um mit nackter Brust gegen den für seine sexistischen Kommentare kritisierten Republikaner zu protestieren, führt die Polizei sie ab. „Nimm' deine Eier und lass meine Brüste in Ruhe“, hat eine der Aktivistinnen der Frauenrechtsgruppe „Femen“ sich auf den Oberkörper gepinselt. Dann endlich kommt Trump selbst - der Mann, dessen Antlitz monatelang über die Bildschirme wanderte, über den Kommentatoren sich den Mund zerrissen, und füllt die kleinen Kreise auf dem Stimmzettel aus. Er wird ausgebuht.

Nachdem selbst Psychologen bestätigt haben, dass dieser beispiellos schmutzige, aberwitzige Wahlkampf die Menschen innerlich belastet, scheinen viele New Yorker aufzuatmen. Wem der Stimmzettel nicht reichte, um den angestauten Stress der vergangenen Wochen und Monate abzubauen, wurde selbst aktiv: „Ich musste meine Beklemmung über die Wahlen in etwas Produktives verwandeln“, sagt die 37 Jahre alte Jessica Quinn, die mit ihrer kleinen Tochter Emma zum Wahllokal in Brooklyns Stadtteil Williamsburg gekommen ist. Am Montag habe sie für das Clinton-Lager rund 30 Anrufe gemacht, um Wähler zu mobilisieren.

Amerika geht wählen - die Bilder vom Wahltag

„Es macht mich krank, dass die ganze Welt uns zusieht“, sagt auch die aus Hamburg stammende Kyra Cubukcuoglu, die seit etwa 30 Jahren in New York lebt und eine deutsche und amerikanische Staatsbürgerschaft hat. Ein großer Fan Clintons ist sie nicht, will mit ihrer Stimme aber zumindest dafür sorgen, dass Trump nicht die Mehrheit bekommt. Die Weltstadt New York ist mit Ausnahme der Insel Staten Island seit Jahren fest in der Hand der Demokraten.

Scott LoBaido lässt sich davon nicht aus der Bahn werfen. Der auf Staten Island lebende Maler spricht von der „unglaublichen Bewegung“, die Trump losgetreten habe. Als LoBaido sein Wahllokal verlassen hat, zeigt er sich überzeugt, dass der Baulöwe das Rennen machen wird. Die Verkündung der Ergebnisse will er mit anderen Trump-Unterstützern in einem Hotel verfolgen, noch am Vorabend hatte der Maler auf Staten Island eine kleine Demonstration organisiert.

Nach 16 Monaten politischer Achterbahnfahrt sind so manche Ängste und Sorgen der teils zerrissenen Gesellschaft zu Tage getreten, nicht nur in New York entladen sie sich an den Wahlkabinen. Der Wahlkampf habe die Amerikaner zwar viel Energie gekostet, sagt Jasmin Stein, aber nun würde wenigstens offen diskutiert. „Viele Dinge sind ans Licht gekommen, die dieses Land meiner Meinung nach fühlt“, sagt die 29-Jährige an einer Wahlkabine in Brooklyn.

Clinton oder Trump? So haben sich US-Stars entschieden

Als sie sich auf den Weg macht, sind es nur noch Stunden, bis Millionen sich am Times Square, auf Wahlpartys und vor den Fernsehern versammeln. Der aus Barbados stammende Robert Hill, der seinen „I Voted“-Aufkleber in den Händen hält, ist glücklich, dass das große Theater jetzt überstanden ist. Nun heißt es abwarten. „Vielen Dank, dass sie gewählt haben“, sagt eine Wahlhelferin neben ihm. „Have a great day.“

Alle aktuellen Entwicklungen zur US-Wahl 2016 können Sie in unserem News-Ticker nachlesen.

dpa

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