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Ein Mann mit USA-Flagge steht vor dem Weißen Haus in Washington (Archivbild).

Electoral College & Swing States

US-Wahl 2016: Das müssen Sie zum amerikanischen Wahlsystem wissen

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    Friedemann Diederichs
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München - Worauf kommt es bei der US-Wahl 2016 am Dienstag an? Das US-Wahlrecht ist kompliziert. Hier erfahren Sie alles, was Sie zum Wahlsystem wissen müssen.

Es war ein legendäres Duell im Jahr 2000. George W. Bush gegen Al Gore, Showdown in Florida. Bei der Auszählung der Stimmen im Sunshine-State ging es drunter und drüber: eine Wahlurne wurde nicht ausgezählt, Kandidatennamen standen unübersichtlich auf dem Stimmzettel. Am Ende entschied der Oberste Gerichtshof: Bush wird neuer Präsident – obwohl eigentlich Gore landesweit eine hauchdünne Mehrheit errungen hatte. Bis heute ist das Urteil umstritten.

Gerade für Deutsche, die relativ simpel mit Erst- und Zweitstimme wählen, ist das ungewöhnlich: Es kommt in den USA zwar selten vor, aber selbst wer die Mehrheit der Bürger-Stimmen bekommt, kann noch verlieren. Entscheidend ist nicht die Zahl der insgesamt abgegebenen Stimmen für den Kandidaten – den Wahlausgang entscheiden vielmehr die Wahlmänner und -frauen.

Die Zahl dieser Wahl-Persönlichkeiten, die dann am 19. Dezember im Electoral College den Präsidenten wählen, ist in etwa proportional zur Einwohnerzahl jedes Bundesstaates. Die meisten gibt es in Kalifornien, nämlich 55. Der Bundesstaat an der Westküste wählt traditionell mehrheitlich demokratisch – Hillary Clinton dürfte ihn bereits sicher in der Tasche haben. Das liegt auch an dem konstanten Zuzug von Latinos aus Mexiko, die nach der Einbürgerung meistens Demokraten wählen.

Für einen Sieg braucht ein Kandidat mindestens 270 der 538 Wahlmänner-Stimmen. Sollte es zu einem Patt, also einem 269-zu-269-Ergebnis, kommen, gibt es keine Stichwahl. In einem solchen Fall entscheidet das US-Repräsentantenhaus, dessen 435 Mandate ebenfalls am Dienstag neu vergeben werden. Im Senat wird ein Drittel der 100 Sitze neu gewählt. Senat und Repräsentantenhaus bilden zusammen den US-Kongress – die Legislative der Vereinigten Staaten.

Bei einem Unentschieden hätte der republikanische Kandidat Donald Trump die besseren Karten, denn im Repräsentantenhaus, der größeren Kammer des Kongresses, wird erneut eine Mehrheit der Grand Old Party erwartet.

Verliert Trump, ist es nicht unvorstellbar, dass er seine Drohung wahr macht und den Wahlausgang anfechtet. Bei einem ganz engen Ausgang in einem Bundesstaat ist auch eine Nachzählung möglich – wie im Jahr 2000.

US-Wahl 2016: „Alles-oder-Nichts-Regel“ gilt in fast allen Bundesstaaten

In den einzelnen Bundesstaaten ist das basisdemokratische Wahlverfahren nicht überall gleich. Üblicherweise gilt die Alles-oder-Nichts-Regel: Sämtliche Plätze eines Staates im Electoral College gehen an die Wahlmänner jenes Kandidaten, der einen Bundesstaat gewinnt. Doch Maine und Nebraska tanzen aus der Reihe: Dort werden Wahlmänner proportional zum Ausgang vergeben. Die US-Verfassung schreibt den Mitgliedern des Wahlkollegiums übrigens nicht vor, entsprechend des Wahlausgangs in ihrem jeweiligen Bundesstaat abzustimmen. Es gibt allerdings einzelne Bundesstaaten, die ihre Wahlmänner dazu verpflichten. In der Praxis ist es extrem selten, dass ein Wahlmann anders abstimmt, als das Wahlergebnis vorgibt.

Die Demokraten haben ihren stärksten Rückhalt im Nordosten und an der Westküste, die Republikaner im Süden, in den Rocky Mountains und Präriestaaten. Auf diese traditionellen Bastionen scheint sich aber nur die Demokratin Clinton weitgehend verlassen zu können – während Trump trotz seines jüngsten Aufwinds in den Umfragen fürchten muss, in einigen republikanischen Hochburgen zu verlieren. So hat Clinton neben Kalifornien auch New York de facto in der Tasche. Trump hingegen kann nur weniger bedeutsame Staaten wie Alabama, Kentucky oder Oklahoma schon für sich verbuchen. Selbst in der jahrzehntelangen republikanischen Festung Texas kann er sich des Sieges nicht sicher sein – allerdings hat er dort seinen zeitweise knappen Vorsprung zuletzt wieder ausgebaut.

Das größte Augenmerk wird sich am Wahltag allerdings auf die Swing States richten – also Staaten, in denen ein Kandidat den Sieg nicht sicher hat. Zu den wichtigsten zählen dabei Staaten, die die meisten Wahlmänner zu vergeben haben, zum Beispiel Florida (29), Pennsylvania (20), Ohio (18) Michigan (16) oder North Carolina (15). Die beiden Kandidaten waren deshalb auch am Wochenende vor allem in diesen Staaten präsent, um die Basis noch einmal zu mobilisieren. In Florida und Ohio muss Trump unbedingt gewinnen, sonst ist die Wahl für ihn verloren. Für Clinton hingegen könnte es trotz einer Niederlage in diesen beiden Staaten immer noch zur Mehrheit im Wahlkollegium reichen – dies kommt auf die übrigen Swing-States an.

Besonders spannend wird das Rennen auch in Arizona, einer traditionellen Hochburg der Republikaner, in der Trump laut „realclearpolitics“ nur drei Prozentpunkte vor Clinton liegt. Die Demokratin hat dort zuletzt ihre Kampagne massiv verstärkt. Am Samstag war sie heiser – ihr Wahlkampflager hofft, dass sie ihre Stimme wiederfindet.

Angesichts ihres zuletzt knapp gewordenen Vorsprungs in den Meinungsumfragen will Clinton am Montag noch wenige Stunden vor der Öffnung der ersten Wahllokale an der Ostküste in North Carolina einen Wahlkampfauftritt bestreiten. Trump, der sich in den vergangenen Tagen keine besonderen Schnitzer geleistet hat, plante für Sonntag und Montag Auftritte in acht Staaten.

US-Wahl 2016: Wann die Wahllokale am Dienstag schließen

Nach deutscher Zeit kann die Wahl ab Mitternacht verfolgt werden. Die USA erstrecken sich über sechs Zeitzonen, deshalb öffnen und schließen die Wahllokale in den östlichen Bundesstaaten viele Stunden früher als an der Westküste. Das Dörfchen Dixville Notch in New Hampshire gibt traditionellerweise bereits kurz nach Mitternacht („Eastern Standard Time“) das Ergebnis seiner sieben Wähler bekannt. Die Bürger von Hawaii und Alaska sind die Schlusslichter in der langen Reihe der Staaten. Der wichtigste Staat ist Kalifornien. Wenn die Wahllokale dort um 20 Uhr Ortszeit schließen, ist es in Deutschland 5 Uhr.

Die US-Fernsehanstalten werden zunächst Exit polls anbieten – Umfragen, die sich auf Bürger-Aussagen unmittelbar nach der Stimmabgabe stützen. Doch Vorsicht! Die können irreführend sein, wie 2004, als sie fälschlicherweise einen Sieg des Demokraten John Kerry gegen George W. Bush prophezeiten. Ein wichtiges Indiz für den Wahlausgang werden Analysen sein, wie hoch der Anteil Trumps unter weißen Wählern ist. Weiße mit Hochschulabschluss stimmen gewöhnlich eher für die Republikaner als für einen Demokraten. Liegt Donald Trump hier bei einem Anteil von über 51 Prozent in den ersten Analysen, erhöht er seine Chancen auf den Gesamtsieg. Hillary Clintons Strategie hingegen setzt darauf, die Unterstützung von den bewährten Obama-Wählern zu bekommen: Afro-Amerikaner, Latinos und weiße Jungwähler.

Obama wurde 2012 in der Wahlnacht um 5.15 Uhr von drei US-Sendern zum Sieger erklärt. Trump und Clinton werden um diese Uhrzeit aller Voraussicht nach in New York sein. 

Von Friedemann Diederichs und Carina Zimniok mit dpa, afp

US-Wahl 2016: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Hier finden Sie die aktuellen Umfragewerte von Donald Trump und Hillary Clinton.

Wie Donald Trump zu dem Mann, der er heute ist? Eine Spurensuche zur US-Wahl 2016.

Im News-Ticker zur US-Wahl 2016 finden Sie die aktuellsten Informationen.

Wann das Ergebnis feststeht sowie Antworten auf alle wichtigen Fragen finden Sie hier.

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