„Würden Sie die Klappe halten?“

Donald Trump vs. Joe Biden: Denkwürdige Chaos-Veranstaltung offenbart einen großen Verlierer

  • Friedemann Diederichs
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Die USA erleben die wohl turbulenteste Präsidentschafts-Debatte aller Zeiten. Es hagelt Tiefschläge zwischen Amtsinhaber Donald Trump und Joe Biden. Dafür gibt es wenig politische Substanz.

  • Die USA wählen einen neuen Präsidenten. In der ersten Wahlkampfdebatte ging es verbal heiß her.
  • Es war ein Sammelsurium verbaler Tiefschläge, wie man es in dieser Form zuvor noch nicht gesehen hat.
  • Die politische Substanz des Rede-Duells zwischen Donald Trump und Joe Biden? Ziemlich mau.

Washington – Niemand, so bilanzierte die Tageszeitung „Boston Globe“, habe die erste der drei Debatten gewonnen, weder US-Präsident Donald Trump noch der Demokrat Joe Biden. Nur der Verlierer sei klar: die Vereinigten Staaten. Die „New York Times“ sprach in ihrer Bilanz von einer Debatte, wie sie das Land noch nie erlebt habe – und einer Diskussion, die für die Zuschauer nur schwer erträglich gewesen sei. In der Tat hatte das Millionenpublikum zur besten Sendezeit eine Chaos-Veranstaltung beobachten können, die von schonungsloser Brutalität der beiden Politiker im Umgang miteinander geprägt war.

Der Präsident, in den Umfragen zurückliegend, setzte darauf, seinen Gegner permanent zu unterbrechen. Er machte sich über Bidens Uni-Noten lustig, agitierte gegen die Ukraine- und China-Geschäfte von Bidens Sohn Hunter und lästerte über die Probleme des Demokraten, den „radikalen linken Flügel“ (Trump) der Partei hinter sich zu bringen. Und dann waren da persönliche Anwürfe wie diese: „Es gibt nichts Intelligentes bei dir, Joe“.

Donald Trump und die Wahlkampfdebatte in den USA: Politische Substanz kommt viel zu kurz

Biden wiederum, nach acht Jahren Vizepräsident unter Barack Obama eigentlich staatsmännisch erfahren, ließ sich von den Provokationen Trumps immer wieder aus der Ruhe bringen. Einen amtierenden Präsidenten mit „Würden Sie die Klappe halten?“ und „Dieser Clown“ anzufauchen, das hatte das Land seit den ersten Debatten im Jahr 1960 zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy noch nie erlebt.

Kein Platz für Höflichkeiten: Persönliche Angriffe prägten das Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden.

Die führenden US-Medien beklagten deshalb anschließend auch eines: Bei den Wortgefechten mit andauernden Schlägen unter die Gürtellinie sei politische Substanz viel zu kurz gekommen. Dabei gab es eigentlich genug Themen aufzuarbeiten – von Trumps Steuern, dem Gesundheitsplan Bidens, dem Klimaschutz und der Coronapandemie bis hin zur Frage, wie sicher denn die Briefwahl sei – und ob Trump am Ende eine Niederlage eingestehen würde.

Donald Trump fährt "Bulldozer-Stil" gegen Joe Biden - Wem hat der Auftritt mehr geschadet?

Angesichts der Dauer-Unterbrechungen vor allem von Seiten des Präsidenten – eine Taktik, die er schon 2016 eingesetzt hatte – fiel es den Zuschauern oft schwer, die Differenzen der Kandidaten bei den Sachfragen klar zu erkennen. Auch die Mahnungen des Moderatoren Chris Wallace vom konservativen Sender „Fox News“, Trump möge sich doch an die Spielregeln halten und nicht unterbrechen, fruchteten nicht. Ein Kommentator der „New York Times“ sprach treffend von einem „Bulldozer-Stil“ des Präsidenten, mit dem es Trump riskiere, jene Unabhängigen zu verprellen, die ihn noch vor vier Jahren unterstützt hatten. Das Magazin „Atlantic“ urteilte, das Ziel von Trump sei es offenbar gewesen, das Vertrauen in den Wahlprozess und die Demokratie zu unterminieren. Aber auch Joe Biden wirkte teilweise nicht konzentriert. Vor allem in der letzten halben Stunde suchte der 77-jährige Bewerber gelegentlich nach klaren Formulierungen, um Trump zu kontern.

Wer hat nun durch diese denkwürdige Debatte seine Wahlchancen verbessert? Eine Blitzumfrage des Sender CBS zeigte leichte Vorteile für Biden. Selbst prominente konservative Kommentatoren wie Rich Lowry vom Magazin „The Review“ bilanzierten, der Präsident sei mit seinem eigentlichen Ziel gescheitert: Biden zum Zusammenbruch zu bringen. Gleichzeitig vermied Trump, Klarheit in zwei wichtige Punkte zu bringen. Zum einen weigerte er sich, weiße nationalistische Bewegungen wie die „Proud Boys“ ausdrücklich zu verurteilen – und wetterte vor allem gegen die linksradikale „Antifa“-Bewegung. Dann lehnte er es ab, das Wahlverfahren als sicher zu bezeichnen – und servierte dem Publikum Verschwörungstheorien, obwohl es bislang keine Indizien für weit verbreiteten Wahlbetrug gibt.

Am Ende blieb Beobachtern wie einem Analysten der „New York Times“ nur das von Frustration geprägte Fazit: „Was für ein Debatten-Mist“.

Rubriklistenbild: © SAUL LOEB and JIM WATSON / AFP

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