Viele Menschen der Arbeiterklasse in den USA sehen Trump als ihren Kämpfer für den Aufstieg an.
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Viele Menschen der Arbeiterklasse in den USA sehen Trump als ihren Kämpfer für den Aufstieg an.

US-Soziologin erklärt das Phänomen

„Hat etwas von einem religiösen Heilsbringer“: Expertin erklärt, warum so viele Menschen Trump gewählt haben - Biden vor großer Aufgabe

  • Thomas Eldersch
    vonThomas Eldersch
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Donald Trump polarisiert wie kaum ein anderer US-Präsident vor ihm. Wohl gerade deshalb schafft er es, so viele Menschen hinter sich zu vereinen. Ein Erklärungsversuch.

  • Donald Trump* war vor allem ein Präsident für die Reichen in den USA.
  • Dennoch hat er so viele Anhänger in der Arbeiterklasse wie nie zuvor.
  • Eine Berkley-Professorin versucht sich an einer Erklärung dafür.

Washington - Noch knapp ein Monat ist Donald Trump der Präsident der Vereinigten Staaten. Dann übernimmt Joe Biden. Eine Tatsache, die der scheidende US-Präsident gerne leugnet und verdrängt. Ein gängiges Argument, das Trump gerne verwendet, um seinen Anspruch auf das Amt zu untermauern, sind die Millionen von Wählern, die für ihn gestimmt haben. Rund 74 Millionen um genau zu sein. Das sind noch einmal elf Millionen mehr als 2016. Doch wer sind diese Menschen, die dem 74-Jährigen treu folgen?

Donald Trump schaffte es bei der US-Wahl 2020 viele Wählerschichten anzusprechen

In einem Interview mit dem Spiegel versucht die Soziologie-Professorin Arlie Hochschild eine Erklärung dafür zu geben. Die Berkley-Forscherin hat sich mit zahlreichen Menschen in ganz Amerika getroffen, um das Phänomen Trump* noch besser verstehen zu können. Er hat Anhänger in den verschiedensten Bevölkerungsschichten. „Die Reichen haben ihn gewählt, weil er ihre Steuern gesenkt hat. Die Evangelikalen, weil er sich gegen Abtreibung stellt. Die amerikanischen Arbeiter haben für ihn gestimmt, weil sich als ‚starker Führer‘ präsentierte“, sagt Hochschild.

Vor allem im relativ armen Bundesstaat Louisiana* machten viele Wähler ihr Kreuz für Trump. Und das, obwohl Ölfirmen dort die Umwelt verschmutzen und die Lebenserwartung niedriger sei, als in allen anderen Staaten der USA, so Hochschild. Dieses Paradoxon komme zustande, weil „Trump ein Meister der Gefühle ist“. Er schaffe es, die Schuld für die Misere der Menschen dort auf Minderheiten wie Schwarze, illegale Einwanderer, Frauen oder den korrupten Staat zu schieben. In Wahrheit, sagt Hochschild, liege der Grund für den sozialen Abstieg der Menschen in Louisiana an dem Einsetzen der Globalisierung in den 70ern. Firmen hätten geschlossen oder wären ins Ausland ausgewandert. Die Bildung der Bürger sei gering.

Die Arbeiter haben Angst um ihre Zukunft, und sie spüren eine tiefe Scham, weil sie merken, dass sie abgehängt werden. Donald Trump hat diese Scham erkannt. Und er schafft es, sie ihnen zu nehmen.

Arlie Hochschild, Universität von Berkley

US-Wahl 2020: Trump gibt sich als Kämpfer für die Arbeiterklasse

Außerdem habe die Wirtschaftspolitik Trumps der armen Arbeiterklasse kaum geholfen, so Hochschild weiter. Ihre Lage habe sich kaum verbessert. Dennoch seien sie davon überzeugt, Trump würde für sie kämpfen. „Er hat etwas von einem religiösen Heilsbringer.“ Auch sei das Bild des wütenden Trump-Anhängers ein wenig schief, führt die Berkley-Professorin weiter aus. Der Arbeiter sei traurig und verängstigt. „Die Industrie, von der seine Familie seit Generationen gelebt hat, verschwindet. [...] Die Menschen dort trinken mehr, viele Väter sehen ihre Kinder nicht. Die Selbstmordrate steigt. Diese Menschen sind verzweifelt, aber sie wollen es nicht zeigen.“

Bald liegt es in den Händen von Joe Biden*, an der Situation der amerikanischen Arbeiterklasse etwas zu ändern. Doch kann er die tiefen Gräben, die Trump mit seiner Spaltungspolitik noch weiter verbreitert hat, überwinden? „Es wird nicht leicht. Die Demokraten* sehen die Verzweiflung der Trump-Wähler nicht“, sagt Hochschild. Dabei seinen viele seiner Anhänger genauso besorgt über den Riss in der amerikanischen Gesellschaft. (tel) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Trotz der vielen Anhänger kam Donald Trump bei einer Umfrage des amerikanischen Nachrichtensenders Fox News nicht gut weg. Ein Großteil der Befragten war von seiner Regierungsarbeit nicht überzeugt.

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