Wahlanalyse

Deshalb hat Donald Trump gewonnen

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München - Fast alle großen Umfrageinstitute in den USA haben einen Sieg Hillary Clintons vorausgesagt. Sie haben die stillen Trump-Wähler unterschätzt.

Der 8. November in Amerika beginnt mit einer Verheißung. Als die Wahllokale erst ein paar Stunden geöffnet haben, veröffentlicht die „New York Times“ das Ergebnis einer Vorwahlumfrage: Hillary Clintons Siegchance beträgt demnach 85 Prozent. Die „Huffington Post“ sagt später am frühen Nachmittag 98, andere sogar 99 Prozent voraus. Große Teile der politischen Öffentlichkeit sind sich am Wahltag sicher: Die Demokratin Hillary Clinton wird triumphieren, der Republikaner Donald Trump untergehen. Kein Zweifel, keine Überraschung. 

Von wegen. Am Ende des Wahltages ist klar: Der neue Präsident heißt Donald Trump. Er hat unerwartet gesiegt, und zwar überraschend deutlich. Wohl kaum ein Kandidat hatte jemals schlechtere Chancen. Von 538 Wahlmännern holte er 289, Clinton nur 218 (Stand 9. November, 14.45 Uhr). Er gewann wichtige umkämpfte Bundesstaaten wie Florida, Ohio und North Carolina. Insbesondere weiße Menschen mit niedriger Bildung haben ihn gewählt. Doch wie konnte er angesichts der für ihn verheerenden Umfragewerte das Rennen um das Präsidentenamt doch noch für sich entscheiden? Oder anders gefragt: Wie konnte Clinton ihren als sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand geben? 

Die US-Wahl spaltet Bevölkerungsgruppen

Die US-Wahl 2016 spaltet Bevölkerungsgruppen. Sie ist eine Niederlage für alle Umfrageinstitute und Meinungsforscher. Und sie hat dazu geführt, dass sich Medien in den USA kritisch hinterfragen. Die „Washington Post“-Kolumnistin Margaret Sullivan schreibt, dieMedien hätten nicht glauben wollen, dass Trump gewinnen kann. „Trump hat uns entfremdet. Wir schauten nur auf Prognosen, die uns gefielen, und waren beruhigt, obwohl wir wussten, dass Umfrage-Ergebnisse keine Wahl-Ergebnisse sind.“ 

Nahezu alle 20 größten Umfrageinstitute, darunter die Umfrage-Abteilungen von Fernsehsendern und renommierten Zeitungen, sagen am Wahltag einen Sieg Clintons voraus. Noch am Morgen errechnet die angesehene Statistik-Website „RealClearPolitics“ einen Vorsprung von 3,3 Prozentpunkten für die Demokratin. Der Blog „FiveThirtyEight“ prognostiziert, dass Clinton die Schlüsselstaaten Florida, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin gewinnen wird – sie verlor alle vier Staaten. Der Politologe Larry Sabato von der Universität Virginia erklärt, die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, sei unterschätzt worden. „Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen.“

Krasse Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen im Wahlverhalten

Zwischen den Bevölkerungsgruppen gibt es krasse Unterschiede im Wahlverhalten. Den Nachwahlbefragungen zufolge sind 70 Prozent aller Wähler weiß. Diese Bevölkerungsgruppe hat mit deutlicher Mehrheit für Trump gestimmt. Noch höher ist der Anteil der Weißen mit geringer Bildung. Dass Clinton vor allem bei Nicht-Weißen punktet, stimmt nur bedingt. Zwar haben 88 Prozent aller schwarzen Wähler für sie votiert. Doch jeder Dritte Latino wählte Trump, und das obwohl der Republikaner Mexikaner pauschal als Vergewaltiger beschimpfte. Auch der Pussy-Skandal hat Trump nicht wirklich geschadet. Einerseits konnte er Männer so gut motivieren wie Clinton Frauen, andererseits wirkte er weniger abschreckend auf Frauen als Clinton auf Männer. Wie schafft das einer, der zuletzt damit angab, Frauen zu begrapschen? 

Es gibt kritische Stimmen, welche den Medien die Schuld in die Schuhe schieben. Einige Zeitungen hatten sich vor der Wahl unter anderem wegen Trumps Skandalen und rassistischen Äußerungen für Clinton ausgesprochen, darunter die „New York Times“. Forscher vom International Media Center HAW in Hamburg haben in einer Studie mit dem Titel „Medienphänomen“ Trump“ 10 000 Artikel der reichweitenstärksten Medien der USA und Deutschland ausgewertet, die in der finalen Wahlkampfphase erschienen. Die Autoren sagen, eine „unverhältnismäßig starke“ Berichterstattung über Trump habe indirekt zu dessen Erfolg beigetragen, „indem seine Botschaften stärker als die von Clinton verbreitet wurden“. Demnach stellten zwei Drittel der Berichte Trumps Kandidatur in den Mittelpunkt. „Die starke mediale Kritik an seinem Verhalten haben mit Blick auf die Wahlergebnisse sicherlich nicht alle Wähler geteilt.“ 

Haben die sozialen Medien den Wahlausgang beeinflusst?

Ob Trump sein zuweilen rüpelhaftes Auftreten in den sozialen Medien genutzt hat, ist fraglich. Dagegen spricht, dass ihn sogenannte Millenials, also Menschen die um das Jahr 2000 geboren sind und soziale Medien stark nutzen, kaum gewählt haben. Andererseits passen politische Debatten auf Facebook und Twitter zu einem Populisten wie Trump, der in der Diskussion statt auf Fakten auf Emotionen setzt. Der Medienforscher Stephan Weichert sagt in einem Interview mit „Media“, die Wirklichkeit werde in den sozialen Medien verzerrt. Dabei gehe es nicht nur darum, dass Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen einfach behauptet werden und es keine Rolle spiele, ob es sich um Fakten handele oder nicht. „Das eigentliche Dilemma in dieser postfaktischen Era liegt in der starken Emotionalisierung von Debatten und deren Diskursverschiebung, die unsere politische Kultur als Ganzes verändern könnte.“

rat/dpa/afp

Rubriklistenbild: © dpa

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