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Debatte in den USA

Die Macht von Fake-News vor der US-Wahl: Ein russischer Hack, der keiner war – diesmal

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Ein im Netz zirkulierender russischer Bericht zeigt, wie viel Macht simple Falschinformationen haben können. Doch die Lage ist komplex, wie Autoren des Magazins „Foreign Policy“ schildern.

  • Ein russischer Zeitungsbericht über einen Wahl-Hack vor der US-Wahl sorgte in den Vereinigten Staaten für Aufregung.
  • Bei der Meldung handelte es sich wohl um Fake-News - doch der Fall zeigt, wie anfällig die USA für solche Desinformation sind.
  • Die Lage ist durchaus komplex, auch die Regierung Trump ist gefordert. Doch sie steuert in eine andere Richtung.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 2. September 2020 das Magazin „Foreign Policy“.

Russische Hacker haben persönliche Daten von Millionen von US-Wählern erbeutet. Das zumindest behauptete ein Bericht, der unlängst in einer russischen Zeitung veröffentlicht wurde. Die Nachricht löste Panik aus, sah man in dem Hack doch einen erneuten Versuch russischer Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl in den USA.

Eine Reihe hochkarätiger Journalisten, politischer Kommentatoren und nationaler Sicherheitsexperten nutzte die weitverbreitete Sorge über Pläne Moskaus, die erfolgreiche Cybereinmischung in die Wahlen 2016 zu wiederholen, und verbreitete den Bericht online weiter. Die Sache hatte nur einen Haken: Fast nichts an der Geschichte stimmte.

USA: Viele Amerikaner immer noch empfänglich für Fake-News - Verwirrung ist leicht zu stiften

Dieser Vorfall macht deutlich, wie empfänglich viele Amerikaner noch immer für Fake-News sind, selbst vier Jahre nach der US-Desinformationskampagne der berüchtigten russischen Trollfabrik. Die Erwartungshaltung ist nach wie vor, dass Russland US-Wähler durch Hacks, Online-Anzeigen und dreiste Lügen manipuliert, um die eigene Agenda voranzutreiben.

„Es war frustrierend zu sehen, wie viele Leute den Artikel sofort in den sozialen Medien posteten, trotz ihres Fachwissens im Bereich der politischen und nationalen Sicherheit, und ihr somit den Anschein der Legitimität gaben“, sagte Cindy Otis, eine ehemalige CIA-Analystin. „Die Geschichte lehrt uns, dass man seine Sorgfaltspflicht zu erfüllen hat, egal ob man zwei Follower hat oder eine Million.“

Viele Amerikaner halten schon jetzt Ausschau nach einer erneuten ausländischen Einmischung in den kommenden Wahlen. So warnte ein hochrangiger US-Geheimdienstler in den letzten Monaten: „Ausländische Staaten nutzen weiterhin verdeckte und offene Maßnahmen, um die Präferenzen der US-Wähler zu beeinflussen.“ Hier sieht man, wie allein die Möglichkeit einer Einmischung, ob nun real oder nicht, dazu benutzt werden kann, Verwirrung unter potenziellen Wählern zu stiften.

Sorge vor US-Wahl - Ministeriums-Sprecherin empfiehlt: „Lassen Sie nicht Ihren Verstand hacken“

„Natürlich gibt es Interesse an so einer Story. Alle fragen sich, wann und wo es zu einer russischen Einflussnahme auf die Wahl kommt“, meint Nina Jankowicz, die als Fellow am Wilson Center, Washington D.C., zum Thema Desinformation forscht. „Aufgrund der dürftigen Informationen seitens der Bundesbehörden versuchen die Menschen, die Lücken selbst zu schließen.“

Dabei wurde die brisanteste Behauptung im Kommersant-Bericht, dass die Information von einem Hack stammen müsse, sehr schnell von Experten für Internetsicherheit widerlegt. Die Daten, auf die in dem Bericht verwiesen wird, sind nämlich entweder fast überall in den USA frei verfügbar oder können im Rahmen des Freedom of Information Acts angefordert werden. Einige Staaten, wie etwa Florida, schreiben gesetzlich vor, dass Daten zur Wählerregistrierung und historische Wahlergebnisse öffentlich zugänglich sein müssen.

Auch das Innenministerium Michigans dementierte den Systemhack. Tracy Wimmer, eine Sprecherin des Innenministeriums, erklärte: „Wir empfehlen allen Wähler in Michigan, vorsichtig zu sein. Lassen Sie sich nicht Ihren Verstand ‚hacken‘. Hinterfragen Sie die Informationsquellen und Werbeanzeigen, die Ihnen unterkommen. Suchen Sie nach verlässlichen Quellen und wenden Sie sich an Ihren lokalen Wahlleiter sowie unser Amt.“

USA: Bericht über russischen Einflussnahme - doch FBI sieht keinerlei Cyberangriffe

In einer gemeinsamen Erklärung des FBI und der Cybersecurity and Infrastructure Security Agency bestätigten beide Ämter, dass sie keinerlei Cyberangriffe auf Wählerdatenbanken und andere Systeme, die mit Wahlen zu tun haben, registriert hätten. „Vorschnelle, ungeprüfte Behauptungen sollten mit einer gesunden Dosis Skepsis betrachtet werden“, sagten sie.

Dass öffentlich zugängliche Daten in russischen Onlineforen ausgetauscht werden, überraschte langjährige Beobachter Russlands wenig. Der Handel sowohl mit gehackten als auch mit auf legalem Wege beschafften Informationen blüht dort schon lange. Laut Aric Toler, einem führenden Analysten Osteuropas und Eurasiens auf dem Open-Source-Recherchenetzwerk Bellingcat, verfügt Russland „über viele Menschen mit Zugang zu Einwanderungsdaten, Polizeiakten, Kreditinformationen und so weiter. Um nebenher etwas Geld zu verdienen, sind sie mehr als willens, diese Daten zu verkaufen.“

Der ursprüngliche Kommersant-Bericht behauptete, dass russische Internetnutzer über die Wählerdatenbank Prämien erschleichen wollten, die das Außenministerium im Rahmen des Rewards-for-Justice-Programms auszahlt. Das Programm stellt bis zu zehn Millionen Dollar für Informationen in Aussicht, die zur Identifizierung von Personen oder deren Aufenthaltsort führen, die im Auftrag ausländischer Regierungen mittels illegaler Cyberaktivitäten in US-Wahlen eingreifen.

Bericht über Wahlmanipulation in den USA: Nachlässiger Journalismus oder dunklere Absichten?

In dem Artikel hieß es weiter, ein Nutzer des Hacker-Forums habe behauptet, 4.000 Dollar vom Außenministerium für die Weitergabe eines Links zu einer zugespielten Wählerdatenbank aus Connecticut erhalten zu haben. Auch dies ist wohl falsch. Ein Sprecher des Außenministeriums bekräftigte gegenüber Foreign Policy, dass im Rahmen des seit Anfang August laufenden erweiterten Wahlbeeinflussungsprogramms keine Belohnungen ausgezahlt worden seien.

Rewards for Justice wurde 1984 vom Außenministerium ins Leben gerufen, um Informationen über Terrorakte oder Terroristen zu sammeln, die amerikanische Bürger ins Visier nehmen. Außenminister Mike Pompeo erweiterte das Programm letzten Monat, um Informationen zu Wahlmanipulationen durch ausländische Stellen zu belohnen.

Obwohl der Inhalt des Berichts weitgehend entkräftet wurde, bleibt unklar, ob es sich dabei einfach nur um nachlässigen Journalismus handelte oder ob dunklere Absichten dahinterstecken.

Russland und die USA: „Im Kreml scheint man sich auf den Vorwurf der Einmischung vorzubereiten“

Die Ankündigung des Rewards-for-Justice-Programms verleitete die Sprecherin des russischen Außenministeriums zu einem Scherz auf Facebook: Die Website des Außenministeriums breche aufgrund des Ansturms von Leuten, die ihre Nachbarn gegen eine finanzielle Belohnung denunzieren wollen, zusammen.

Tatjana Stanowaja, Analystin russischer Politik, bezeichnete den Artikel als „merkwürdig“. Er scheine das Außenministerium zu beschuldigen, die nicht autorisierte Veröffentlichung von Daten der US-Bürger zu belohnen und damit zu provozieren. „Im Kreml scheint man sich auf den Vorwurf der [Wahl-]Einmischung vorzubereiten“, schrieb sie auf ihrem öffentlichen Kanal im Nachrichten-Messenger Telegram.

Cindy Otis, die Autorin von True or False: A CIA Analyst´s Guide to Spotting Fake News, beschreibt den aufgeladenen Charakter der sozialen Medien, der die Verbreitung von Desinformationen fördert. „Was sich online rasend schnell verbreitet, ist selten das Resultat von Besonnenheit und Reflektion. Es sind die emotional aufgeladenen, prägnant formulierten Schnellschüsse, die viral gehen“, meint sie.

Fake News im US-Wahlkampf: Mehr Transparenz der Trump-Regierung könnte helfen

Für die Autorin von How to Lose the Information War, Nina Jankowicz, steht fest: Seitens der US-Regierung könnten mehr Transparenz über ausländische Einmischungsbemühungen sowie eine detailliertere Entlarvung falscher Nachrichten ein effektives Gegenmittel sein. Beides würde das Vertrauen in die Regierung stärken und das Bewusstsein für die Arten von Bedrohungen schärfen, denen das Land ausgesetzt ist.

Nun ist die Richtung der Trump-Administration aber eine andere. Ende August verkündete der Direktor des nationalen Geheimdienstes, sein Büro werde aufhören, den Kongress persönlich über ausländische Wahlinterventionen zu informieren, da auch Gesetzgeber geheime Informationen hätten durchsickern lassen. Und das zu einer Zeit, in der es Bedenken und Hinweise gibt, dass die Trump-Regierung versucht, Wahldrohungen ausländischer Akteure herunterzuspielen.

Unter Berufung auf interne E-Mails und Dokumente berichtete ABC News am 2. September, dass hochrangige Beamte des Heimatschutzministeriums die Verbreitung eines Nachrichtenbulletins für die Strafverfolgungsbehörden unterdrückten. Laut dem Bulletin sei man sich „sehr sicher“, dass russische Agenten Zweifel an der geistigen Tauglichkeit des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden säen wollten.

Amy McKinnon, Robbie Grammer

Dieser Artikel war zuerst am 2. September 2020 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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