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US-Truppen-Abzug aus Afghanistan: China und die Taliban knüpfen zarte Bande

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Peking liebäugelt nach Abzug der Streitkräfte der USA damit, Afghanistan als strategischen Korridor zu nutzen.

  • US-Präsident Joe Biden hat den Abzug der US-Truppen bis zum 31. August veranlasst.
  • In dem instabilen Land Afghanistan entsteht ein Macht-Vakuum, das die Taliban zu füllen gedenken.
  • Bereits jetzt nähern sich die Volksrepublik China und die Taliban an.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 21. Juli 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

Washington, DC - US-Präsident Joe Biden hat angekündigt, dass die US-Truppen Afghanistan bis zum 31. August verlassen werden. Damit ist für die Taliban das größte Hindernis aus dem Weg geräumt, das ihrer Herrschaft über das ganze Land entgegensteht. Die Taliban behaupten, dass sie das afghanische Territorium bereits zu 85 Prozent kontrollieren. Im absolut besten Fall würden sich die afghanische Regierung und die Taliban die Macht teilen. Das scheint jedoch zunehmend bloßes Wunschdenken zu sein.

20 Jahre lang waren die USA im Land. Ihre Anwesenheit in Afghanistan wurde zwar nicht immer geschätzt, aber sie waren doch eine berechenbare und stabilisierende Kraft. Nun zeigen sich die Mächte in der Region angesichts einer drohenden erneuten Taliban-Herrschaft höchst besorgt. So besuchte etwa Anfang des Monats der indische Außenminister S. Jaishankar Moskau und Teheran. Gleichzeitig weilten dort auch Vertreter der Taliban. Das wirft die Frage auf, ob im Hintergrund Verhandlungen laufen.

Moskau bereitet sich darauf vor, mögliche Probleme an der afghanisch-tadschikischen Grenze über die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit zu lösen. Auf der afghanischen Seite der Grenze stehen bereits die Taliban. Während sich Pakistans Beziehungen zur afghanischen Regierung rapide verschlechtern, scheint Islamabad mit den Taliban dahingehend verhandelt zu haben, dass im Austausch gegen eine Ablehnung von US-Stützpunkten auf pakistanischem Territorium die Taliban Pakistan bei der Bekämpfung der als Tehrik-i-Taliban bekannten Organisation, deren Kämpfer den Taliban nicht unähnlich sind, unterstützen. In der Zwischenzeit kam vergangene Woche die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit − eine Vereinigung für Wirtschaft und Sicherheit, der China, Indien, Pakistan, Russland und vier zentralasiatische Staaten angehören − zusammen. Die zukünftige Stabilität Afghanistans stand ganz oben auf der Tagesordnung.

Abzug der US-Truppen aus Afghanistan: China und die Taliban knüpfen zarte Bande

Inmitten all dieser regionalen Besorgnis verfolgt China still und heimlich seine eigenen Interessen in Afghanistan in der Zeit nach dem Abzug der USA. Berichten zufolge hat Peking aktiv mit der Regierung des Landes über den Bau der Autobahn zwischen Peshawar und Kabul verhandelt, die Pakistan mit Afghanistan verbinden soll. Damit würde Kabul Teil des massiven Infrastruktur- und Investitionsplan Chinas, der „Neuen Seidenstraße”*. Bisher hatte sich das Land gegen eine Beteiligung an dieser „Belt and Road Initiative“ gesträubt, um es sich nicht mit Washington zu verscherzen.

Peking baut außerdem eine Landstraße durch den Wakhan-Korridor. Dabei handelt es sich um einen schmalen Landstrich im Gebirge, der Chinas westlichste Provinz Xinjiang mit Afghanistan und weiter mit Pakistan und Zentralasien verbindet. Dadurch wird das bestehende Straßennetz in der Region ergänzt. Über diese neuen Verkehrswege beabsichtigt Peking, nach deren Fertigstellung, verstärkt Handel mit der Region zu betreiben. Auch beim Abbau von Bodenschätzen will China in Afghanistan zum Zuge kommen. Einem Bericht aus dem Jahr 2014 zufolge besitzt Afghanistan in seinen Bergen womöglich Vorkommen von Seltenen Erden im Wert von fast einer Billion Dollar.

Doch nur in einem stabilen und sicheren Afghanistan lässt sich dieser Reichtum nutzen. Trotz drohender Machtübernahme der Taliban erreichten China vor zwei Wochen gute Nachrichten: Taliban-Sprecher Suhail Shaheen versicherte in einem Interview: „China ist ein befreundetes Land und wir begrüßen es im Sinne des Wiederaufbaus und der Entwicklung Afghanistans ... wenn [die Chinesen] investieren, und wir werden natürlich für ihre Sicherheit sorgen.“

Zu der heiklen Frage, ob die Taliban womöglich mutmaßliche uigurische Kämpfer gegen China im benachbarten Xinjiang* unterstützen, sagte Shaheen: „Die Unterdrückung von Muslimen lässt uns nicht kalt, sei es in Palästina, in Myanmar oder in China. Und auch die Unterdrückung von Nicht-Muslimen überall auf der Welt heißen wir nicht gut. Aber wir werden uns sicher nicht in die inneren Angelegenheiten Chinas einmischen.“ Eindeutig Worte, die an Peking gerichtet waren. China trifft im Umgang mit den Taliban − für den Fall, dass diese Gruppierung die Kontrolle über Afghanistan zurückerlangen sollte − anscheinend genau den richtigen Ton.

Volksrepublik China: Kommunistische Partei will sich die Taliban in Afghanistan nicht zum Feind machen

Peking unterstützt zwar offiziell die nationale Versöhnung Afghanistans, sendet jedoch auch starke Signale, dass China plant, die Taliban als legitime Regierung Afghanistans anzuerkennen, sollte es so weit kommen. Gestern argumentierte die Global Times, Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas*, dass es nicht im Interesse Chinas läge, „sich die Taliban zum Feind zu machen“. Und letzte Woche zitierte das Blatt einen chinesischen Experten mit der Aussage, dass „die Taliban sich im Stillen als politische Organisation in Stellung bringen, die sich auf die inneren Angelegenheiten Afghanistans konzentriert, und sich darauf vorbereitet, die Macht zu übernehmen“.

In einem Interview forderte der chinesische Außenminister Wang Yi die Taliban auf, sich „sauber und klar“ vom Terrorismus loszusagen, sollten sie Afghanistan zurückerobern. Peking hat sich ohne Zweifel bereits auf ein genau solches Szenario vorbereitet. 2019 empfing China erstmals öffentlich eine Delegation der Taliban, und die Kommunikation im Hintergrund läuft sehr wahrscheinlich schon länger.

Peking hat auch bereits seine „unverbrüchliche“ Freundschaft mit Islamabad vertieft, um mögliche negative Folgen einer Instabilität Afghanistans besser aufzufangen. Während der Zeremonie zum 70. Jahrestag der chinesisch-pakistanischen Beziehungen Anfang des Monats sagte Wang: „Wir sollten uns bei der Sicherung des Friedens in der Region die Hände reichen, die Parteien in Afghanistan bei der Suche nach einer politischen Lösung im gemeinsamen Dialog unterstützen, dafür sorgen, dass die Sicherheitsrisiken in Afghanistan nicht auf die Region übergreifen, sondern effektiv eingedämmt werden, und die allgemeine Stabilität in der Region gewährleisten.“ Peking wird sich mit dem Ziel einer produktiven Zusammenarbeit mit den Taliban und ihrer eventuellen Kontrolle stark auf Pakistan verlassen.

Nach US-Truppen-Abzug aus Afghanistan: Werden die Taliban das Land zurückerobern?

Sollten die Taliban Afghanistan zurückerobern, wird es von geostrategischer Bedeutung sein, wie China seine Beziehung zu den Taliban gestaltet. Bleibt sie konstruktiv, eröffnen sich Peking neue Wege, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch weit in Afghanistan und Zentralasien vorzudringen. Peking pflegt bereits starke bilaterale und multilaterale Beziehungen in der gesamten Region (nicht zuletzt über die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit), aber eine verbesserte Beziehung zu Afghanistan wird sich noch mehr bezahlt machen. Sollten die Taliban ihr Wort halten − man darf skeptisch bleiben −, wird Peking von Projekten im Rahmen der Neuen Seidenstraße profitieren, die durch Afghanistan laufen. Aber auch im Hinblick darauf, was China als Anti-Terror-Kooperation gegen die uigurischen Extremisten in Xinjiang bezeichnet.

Pekings wachsende Schlagkraft in der Region, die durch engere Beziehungen zu den Taliban weiteren Auftrieb erhielte, könnte in Moskau die Sorge wecken, von China als dominante Macht in Zentralasien in den Schatten gestellt zu werden − unter Umständen ein seltener Reibungspunkt in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Obwohl auch Indien anscheinend im Hintergrund mit den Taliban verhandelt, dürfte eine offizielle chinesische Anerkennung der Taliban in Neu-Delhi wegen Chinas Beziehungen zu Pakistan nicht gut ankommen. Indiens ohnehin schon angespanntes Verhältnis zu China wegen territorialer Streitigkeiten im Himalaya könnte sich weiter verschlechtern.

Es ist auch unklar, ob die Vereinigten Staaten die Taliban letztlich als offizielle Führung Afghanistans anerkennen würden. Zwischen China und den USA* gibt es viele Meinungsverschiedenheiten, in der Afghanistan-Frage war man sich jedoch traditionell eher einig, zum Beispiel bezüglich der Notwendigkeit einer nationalen Aussöhnung. Das könnte sich jedoch ändern, wenn China, anders als die USA, die Taliban anerkennt: Das ohnehin schon angespannte amerikanisch-chinesische Verhältnis hätte dann noch einen Konfliktherd mehr.

Spannungen in der Terrorismusfrage zwischen China und Pakistan: Verschärfung bei Taliban-Herrschaft in Afghanistan möglich

Anders herum könnte eine Verschlechterung der Beziehungen Chinas zu den Taliban Druck auf die chinesisch-pakistanische Partnerschaft ausüben. China könnte von Islamabad Ergebnisse in der Terrorismusbekämpfung erwarten, die das Land nicht liefern kann oder will. Für Pakistan steht zu befürchten, dass sich seine eigenen Terrorismusprobleme − nicht nur mit Tehrik-i-Taliban, sondern auch mit Lashkar-e-Taiba, Jaish-e-Mohammed und anderen Gruppen − verschlimmern könnten, wenn sie daran gehindert werden, in Afghanistan zu operieren.

Erst letzte Woche waren sich Peking und Islamabad zunächst uneinig, was eine Busexplosion verursacht hatte, bei der chinesische Arbeiter starben, die für ein „Belt and Road“-Projekt in Pakistan unterwegs gewesen waren. Für Pakistan lag die Ursache zunächst in einer mechanischen Fehlfunktion, während China von einem Angriff sprach. Am Ende gab Islamabad zu, dass es tatsächlich Letzteres gewesen war. Diese jüngste Episode deutet darauf hin, dass es trotz der engen Partnerschaft bereits Spannungen in der Terrorismusfrage gibt, die sich noch verschärfen könnten, wenn die Taliban Afghanistan* zurückerobern − und Pakistan die Angriffe auf chinesische Interessen in beiden Ländern nicht eindämmen kann. Dieses Problem ist jedoch angesichts der jahrzehntelangen Partnerschaft zwischen China und Pakistan, die „durch dick und dünn“ geht, mit ziemlicher Sicherheit beherrschbar.

Insgesamt dürfte es Peking erheblich nützen, wenn die Taliban in Afghanistan wieder an die Macht kämen, und es lohnt sich, diese Dynamik in den kommenden Wochen und Monaten genau im Auge zu behalten.

von Derek Grossman

Derek Grossman ist leitender Analyst im Ressort Verteidigung bei der Rand Corp., Lehrbeauftragter an der University of Southern California und ehemals für das tägliche Briefing des stellvertretenden US-Verteidigungsministers in Sicherheitsfragen des asiatischen und pazifischen Raums zuständig. Twitter: @DerekJGrossman

Dieser Artikel war zuerst am 21. Juli 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern den Mitgliedern und Partnern von IPPEN.MEDIA zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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